Mit einer Freundin von mir hatte ich am Wochenende ein Erlebnis, sie ist angehende Kinder- und Jugend-Psychotherapeutin und arbeitet auch bereits aktiv mit Jugendlichen, die Lernschwächen oder ähnliche Probleme haben.
Die "bösen" Spiele kennt sie nur von Vorführungen auf dem Rechner ihres Bruders. Und sie ist der festen Überzeugung dass IMMER (und von diesem "immer" war sie auch nicht abzubringen) bei Jugendlichen ein Drang oder Verlangen nach solchen Szenen mitschwingt, wenn sie solche Spiele spielen.
Wir haben bestimmt eine Stunde über das Thema diskutiert, und ich hab bestimmt ne Menge, wenn auch nicht alle Register gezogen, aber sie blieb bei ihrer Meinung ... zwar ist sie auch der Überzeugung, dass Spiele nicht für diesen Amoklauf verantwortlich gemacht werden können, dennoch find ich diese Grundeinstellung einfach traurig und schade, und hätte nicht gedacht dass ich jemanden im Freundeskreis habe, der so eine Einstellung vertritt.
Ich hab mir am Tag darauf Gedanken gemacht, was ich ihr für ein Spiel zeigen könnte, das am besten demonstriert, dass es (zumindest mir) mehr um die Atmosphäre und das Szenario in diesen Spiele geht.
Ich lande immer wieder bei Halflife 2 ... aber ich fürchte selbst bei diesem würde sie abblocken, so unabrückbar vertrat sie ihre Ansicht.
So über meine Spielebibliothek schauend kam ich dann aber zu dem erschreckenden Ergebnis dass es wenige Spiele gibt die man wirklich unvermittelt jemandem zeigen könnte, der nicht durch die Jahrelange Entwicklung von Computerspielen in Punkte Grafik und Gameplay gegangen ist. Würde ich Sie mit einem Gears of War konfrontieren, einem Dead Space oder FEAR, wären direkt die Abwehr auf Volldampf ... und ich glaube sogar zurecht. Isoliert ist ein GoW einfach sehr brutal.
Selbst bei einem Darkness, das ich immernoch für ein Paradebeispiel in Punkte Atmosphäre halte (z.B. Apartmentszene mit der Freundin), würde die Frage kommen "Ja aber warum müssen denn da jetzt so viele Leute kommen ... und warum muss man die alle erschießen?" und spätestens beim ersten Biss der Darkness nach dem Herz würde ein lautes "ÜBERFLÜSSIG!" durch den Raum schallen. Würde ich ihr mit einem Call of Duty kommen würde die Frage kommen "Ja warum muss man denn den Weltkrieg nachspielen wollen?" und ganz ehrlich: Ich hätte keine passende Antwort darauf, die mich selbst zufrieden stellen würde. Mit Antikriegs-Argumenten wie bei einem "Full Metal Jacket" kann man nicht anfangen, dazu ist CoD zu reißerisch, zu überzogen und zu patriotistisch, und mit einem simplen "Weil das ein spannendes Szenario ist" würde zumindest ich auch nicht sehr weit kommen, weil ich mir genau die Frage des "Warums" bei Weltkriegsspielen selber stelle. Ich blende das historische Szenario bei CoD ehrlichgesagt beim zocken unterbewusst aus und kümmere mich eigentlich nur noch um die Gameplaymechaniken aus Zielen und Schießen.
Jetzt erweitere ich mal etwas das Eingangsthema:
Diese ganze Überlegung hat mich zu dem Punkt gebracht dass der Jahrelange Konsum von Spielen zumindest innerhalb dieses Mediums die Toleranzgrenze gegenüber Gewaltdarstellung sinken lässt, retrospektiv bemerke ich diese Entwicklung zumindest bei mir ... das Kettensägenevent eines GoW kratzt mich tatsächlich nicht mehr, und das schön länger nicht, bisher habe ich mir nur nie die Frage gestellt ob das so ist, weil ich seit Jahren diese Szenen in Spielen sehe und so oder so "alles" an Spielszenen schonmal gesehen habe, oder ob es einfach das fortschreitende Alter ist, das einen "über solchen Dingen" stehen lässt ... ich tendiere, um ehrlich sein ehr zu Ersterem.
Der wichtigste Punkt daran ist aber trotzdem, und das kann man gar nicht deutlich genug sagen, dass meine Einstellung gegenüber realer Gewalt und mein Einfühlvermögen gegenüber dem Leid anderer nicht, und auch wirklich KEIN STÜCK in der "realen" Welt gelitten hat.
/edit: Rechtschreibfehler behoben