Ich lese das anders: Die Ostdeutschen sind nicht per se Russland-freundlicher, sie sind USA-kritischer. In der DDR waren die USA der große Feind, während Westdeutschland mit den USA und ihren kulturellen Einflüssen Aufbau, wirtschaftlichen Aufstieg, Sicherheit und Wohlstand verbinden. Aus diesem Grund sind die Westdeutschen viel empfänglicher dafür, die US-Sicht auf die Welt zu übernehmen. Den Ostdeutschen fehlt diese positive USA-Erfahrung. Sie haben mit Russland auch vorwiegend negative Erfahrungen gemacht, und das wissen sie auch. Ich glaube, dass nur eine kleine Minderheit in Ostdeutschland wirklich Kreml-unkritisch ist. Gleichzeitig aber sehen viele Ostdeutsche nicht, warum die USA besser oder moralisch höher sein sollten als Putin-Russland (eine Ansicht, die ich nicht teile).
In der DDR wurde (heimlich) alles aufgesaugt und erträumt, was westlichen Ursprungs war, besonders aus den USA. Kritik an den USA gab es nur offiziell.
Nach der Wende kam natürlich schon mehr Einblick in die US-amerkanische Gesellschaft und die Einsicht, dass da auch einiges nicht richtig läuft. Der kulturelle und wirtschaftliche Einfluss durch die USA ist sicher das geringere Übel im Vergleich zum russischen. Zustände wie dort wollen wir hier natürlich aber auch nicht haben.
Ich kann es ehrlich gesagt gar nicht abschätzen, wie weit die pro-russische Haltung im Osten verbreitet ist. Fakt ist für mich, aus eigener Beobachtung, dass die Kritik an Waffenlieferungen an die Ukraine und die (teilweise) pro-AFD-Haltung durch einen dauerhaften kollektiven Negativsog verbreitet sind. Mein Eindruck ist, es gehört zum guten Ton und zur gesellschaftlichen Zugehörigkeit, diese Meinung zu vertreten, ohne sie zu hinterfragen. Das erinnert mich an die Trumpsche Taktik, Lügen nur oft genug von allen Seiten zu verbreiten. Im Osten fällt das scheinbar auf fruchtbaren Boden, ab einem gewissen Level wird das zum Selbstläufer.
Inwieweit das die AFD verstärkt dort nutzt, kann ich aber nicht beurteilen.

