Gestern mit ner Freundin einen Trinken gewesen, deren Mutter Russin ist. Der Abend war schön, wir hatten uns lange nicht gesehen und uns viel zu erzählen. Bis wir, erst sehr spät, auf den Ukraine-Krieg zu sprechen kamen. Genauer: Sie sprach das Thema an. Ich wusste irgendwann nicht mehr, wie ich damit umgehen sollte. Es schien mir, sie hätte über Monate russische Propaganda gefressen, die sie mir hochemotional und vom Alkohol verstärkt regelrecht um die Ohren haute. Dabei hatte ich die meisten Bälle einfach liegen gelassen und mich aufs Zuhören und Fragen reduziert. Aber allein das war für sie oft schon Provokation genug. Wilde Behauptungen, wie dass 2014 ein Genozid an rein russischsprachigen Menschen in der Ost-Ukraine stattgefunden hat und 100.000 Menschen an einem Tag dort erschossen wurden, hat sie dann heute per Textnachricht zurückgenommen. Gestern war das aber noch DAS Argument für Putin und diesen Angriffskrieg. Selenskji ist ein Faschist für sie. Die Nato, der Westen bla. Ach ja und Putin könnte die Ukraine ruckzuck einnehmen, aber er geht da eher behutsam vor, zum Schutze seiner eigenen Leute. Was sie aber emotional am meisten aufwühlte, war „die uneingeschränkte Solidarität mit der Ukraine“ in Deutschland und das Russland als der Buhmann dasteht. Hier geht was gewaltig Schief, die Medien wären alle gleichgeschaltet usw. Am liebsten wäre es ihr, das Land in der Mitte zu teilen.
Für mich war das wirklich ein Schock, da ich mich nicht groß mit russischer Propaganda beschäftige und die Kanäle nicht schaue (ihre Quellen wollte sie auch nicht so gerne nennen, bezog sich viel auf russischsprachige Freunde). Aber wie sich das an einzelnen Personen und Gruppen ideologisch verfängt und sich mit den Gefühlen vernetzt, wie perfide Putins Propaganda tatsächlich ist, das hab ich gestern 1:1 ungefragt erleben dürfen. Krass!
Als wir uns in den frühen Morgenstunden trennten und sie sich auch wieder beruhigt hatte, fragte sie mich noch, wie mir denn mein Facebook-Entzug so bekommen wäre. Wie üblich äusserte ich mich überaus positiv darüber. Als ich nachhause fuhr fragte ich mich, ob die Frage vielleicht mit ihrer persönlichen Facebook-Blase zu tun hatte …