Noch ein paar Worte zum Rückzug Sanders.
Bernie Sanders Was Right - Goodbye to an honest man's campaign. (nytimes.com)
Wenn man Sanders schon länger verfolgt hat, oder aber zumindest die letzten Jahre (ich verfolge ihn und seine Politik zumindest seit seiner letzten Kandidatur recht nah), dann war das mit das Augenscheinlichste und das Beeindruckendste: seine Ehrlichkeit und seine Integrität. Und zwar nicht nur innerhalb der Kampagne, sondern über seine gesamte politische Karriere hinweg.
Wir hatten diesen Punkt hier letztens Mal im Zuge der Kandidatur von Merz zum Parteivorsitz, als ihm seine Ablehnung zu einem Gesetz gegen eheliche Vergewaltigung aufs Brot geschmiert wurde.
Sowas hat es bei Sanders nie gegeben. Und wenn er mal einen politischen Fehler gemacht hat, dann hat er es unverhohlen zugegeben und ehrliche Reue gezeigt. Aber grundsätzlich ist und war er jemand, der für seine Überzeugungen schon immer und stets ohne Rücksicht auf Verluste eingetreten ist; und diese Positionen waren lange Zeit wenig populär.
Trump hat vor vier Jahren erfolgreich einen "Anti-Establishment"-Wahlkampf geführt, was absurd erscheint angesichts der Tatsache, dass niemand so sehr für das neoliberale Establishment, das die us-amerikanische Politik fest in der Hand hat, steht, wie Trump.
Bernie hat auch einen Anti-Establishment-Wahlkampf geführt; aber bei ihm hat es zu 100% gestimmt und deswegen waren auch seine politischen Forderungen für die etablierten Mächte tatsächlich gefährlich.
Sinnbildlich für die Angst des Establishment (zu dem auch weite Teile der Medien gehören) diese Nachricht über das Ausscheiden Bernies aus dem Kandidatenrennen:
Jetzt ist man also bei Biden gelandet als Gegenkandidat zu Trump. Und ich kann mir kaum eine Konstellation vorstellen, die ernüchternder sein könnte.
Biden ist der absolute Gegenentwurf zu Sanders, auch wenn man es kaum glauben mag, wenn man sich vor Augen führt, dass beide zunächst mal alte weiße Männer sind.
Aber der eine ist halt wirklich ein "alter, weißer Mann" (also so einer, den man meint wenn man heutzutage von "alten, weißen Männern" spricht). Und der andere ist Bernie, der um sich rum ein Team versammelt hat, das diverser nicht sein könnte, das nicht mehr für ein progressives Amerika stehen könnte. Und eben jemand, dessen Politik kaum weiter entfernt sein könnte von Klientelpolitik für alte, weiße Männer.
Auch hier mal ein Symbolbild, um die Unterschiede zwischen Biden und Bernie auf den Punkt zu bringen:
Naja, jetzt also Biden vs. Trump.
Oder aber auch:
Und damit eben auch die Verhinderung links-progressiver Politik für die nächsten fünf Jahre. Depremierend as fuck.
Aber, um hoffnungsvoll zu enden: Bernie ist zwar inzwischen auch eine absolute Kultfigur der amerikanischen Politik. Aber sein Personenkult ist nicht seine Politik (anders als bei Trump).
Er war in diesem Jahr nur so erfolgreich und dicht dran, weil er seine Kampagne von vor fünf Jahren niemals beendet hat, sondern damals etwas angestoßen hat, was über die Jahre gewachsen ist und eine wahre Bewegung geworden ist.
Um ihn und seine Poltik herum haben sich viele, viele junge Menschen gescharrt, aber vor allem auch viele junge Politiker*innen, die seine Politik inhaltlich fortführen werden.
Oder um es mit Noah Chomsky zu sagen:
Das gibt Zuversicht.
Aber ehrlich gesagt muss ich erst mal noch ein bisschen enttäuscht sein. Ich weiß zwar nicht was ich erwartet habe, denn allein dass Bernie so nah dran war ist eine größere Sensation als Trumps Wahlsieg vor vier Jahren, weil Sanders die wesentlich mächtigeren Gegner*innen ins Visier genommen hat.
Naja, ich bleibe für immer Bernie-bro!