Kingdom Come ist ohne Zweifel eines der mutigsten Rollenspiele der letzten Jahre. Es ordnet nahezu alles dem großen Ziel unter, ein glaubwürdiges Mittelalter-Erlebnis zu erschaffen. Wenn es sein muss auch den Spielspaß. Exemplarisch dafür steht der erste Drill am Bogen, wenn ich nach mehreren Spielstunden endlich zum Soldaten ausgebildet werde.
Meterweit fliegen meine Pfeile am Ziel vorbei, während ich von einem adligen - pardon - Arschloch verspottet werde. Nein, das fühlt sich nicht gut an. Aber es passt eben zu meiner Rolle als vollkommen untrainierter Schmiedelehrling. Wenn man sich denn darauf einlassen kann und damit klarkommt, alles andere als ein Held zu sein.
Denn in vielerlei Hinsicht erinnert Kingdom Come mehr an eine Alltagsimulation als an ein klassisches RPG. Ich muss schlafen, essen, Verletzungen sowie Krankheiten behandeln und sogar auf meine Körperhygiene achten. Das artet immer wieder in regelrechte Arbeit aus und kann stellenweise sogar hart nerven, etwa wenn ich das Spiel nicht einfach beenden und speichern darf, sondern erstmal die Quest erfüllen und anschließend noch zum nächsten Bett latschen muss.
Viele Spieler werden das hassen und Kingdom Come nach wenigen Stunden enttäuscht beiseitelegen, zumal es auch technisch alles andere als ausgereift ist. Wer allerdings auf Komfort und Genre-Konventionen verzichten kann, wenn er zum Ausgleich tief in ein faszinierendes mittelalterliches Leben eintauchen darf, der sollte sich Kingdom Come nicht entgehen lassen. Aber vielleicht noch zwei Wochen warten, bis die gröbsten Bugs beseitigt wurden.