Seid ihr noch da? Verdammt, ich habe mir einen Wolf geschrieben. Aber The Witcher 3: Wild Hunt hat mein Notizbuch genauso gesprengt wie meine Skepsis. CD Project RED gelingt der krönende Abschluss einer epischen Saga. Dieses Rollenspiel erreicht in offener Welt eine ungeheure atmosphärische Dichte, weil es nicht nur das Spektakuläre und Kämpferische inszeniert, sondern auch die leisen Töne trifft und das aufmerksame Erkunden belohnt. Es besticht durch enorm hohe Questqualität sowie erzählerische Klasse inklusive direkter sowie erst später wirksamer Konsequenzen, die einen immer wieder überraschen oder entsetzen. Ja, es gibt Kontrapunkte: Dass es auf Diebstahl in den Häusern der Leute keinerlei Reaktion gibt, ist für mich sogar noch ärgerlicher als die dämliche Statik menschlicher Feinde bei Beschuss. Das Menüdesign ist fade, die Dialoge nicht besonders verschachtelt, das Inventar schnell überfüllt und es gibt kleine technische Macken. Aber da ist die ausgezeichnete deutsche Sprachausgabe, das klasse Drehbuch, dem eben nicht wie in The Witcher 2 gegen Ende die Luft ausgeht. Es gelingt den Polen nicht nur sehr gut, eine mittelalterliche Fantasywelt zu zeigen, die von militärischen und sozialen Konflikten geprägt ist und voller moralischer Widersprüche steckt. Hinzu kommt diese fast schon verblüffende Hingabe in der Inszenierung dörflicher Milieus sowie der großen Stadt Novigrad. Es macht einfach Spaß, nur ganz langsam durch diese Welt zu spazieren. Wenn man davon genug hat, stürzt man sich in die nächste dramatische Quest, in der man über das Schicksal tragischer Gestalten entscheidet, oder man jagt in Traumkulisse mythische Ungetüme. Und das nicht über zehn, sondern hundert Stunden. Hut ab und Applaus!