Boyhood
Der sechsjährige Mason (Ellar Coltrane) lebt mit seiner Schwester Samantha (Lorelei Linklater), die nur ein paar Jahre älter ist, und seiner Mutter Olivia (Patricia Arquette) in Austin, Texas. Die Eltern leben getrennt, sein Vater Mason Sr. (Ethan Hawke) arbeitet in Alaska. Der Junge steht kurz vor dem Eintritt in die erste Klasse.
Zwölf Jahre vergehen, die beiden Geschwister werden erwachsen, erleben Erfolge und Rückschläge in der Schule, Freundschaften und die erste Liebe. Aber auch zahlreiche Umzüge innerhalb des Bundesstaates Texas stehen an, hervorgerufen durch ihre Mutter. Olivia gerät stets an die falschen Männer, und nach der unvermeidlichen Trennung zieht die Kleinfamilie in ein neues Zuhause. Nebenbei studiert sie und wird Lehrerin. Aus dem zunächst eher sprunghaften Mason Sr. wird im Verlauf der Jahre ein sesshafter Mann, der sich zunehmend um seine Kinder kümmert.
Richard Linklater kannte ich von den "Before"-Filmen (Before Sunrise, Before Sunset und Before Midnight). Diese haben mich (vor allem die ersten beiden) ziemlich fasziniert: Ethan Hawke und Julie Delpy unternehmen in beiden Filmen einen Spaziergang und reden miteinander. Das wars. Trotzdem wissen sie zu unterhalten.
Als ich von Boyhood hörte, war ich zumindest interessiert. Denn das Konzept ist sehr spannend: Seit 2002 drehte Linklater bereits an einem Spielfilmprojekt, das alljährlich die gleichen Darsteller vor der Kamera versammelte - unter ihnen auch sein Lieblingsdarsteller Ethan Hawke. Jahr für Jahr versammelte er ihn und Patricia Arquette als Elternpaar und mit Ellar Coltrane einen Darsteller für den in Realzeit heranwachsenden Mason. Durch dieses einmalige Projekt kann der Zuschauer quasi direkt an der Entwicklung der Figuren teilnehmen. Er bekommt die Möglichkeit, Menschen über einen längeren Zeitraum beim Leben zuzuschauen. So steht bei Boyhood auch eine Familie im Vordergrund, bei der wir die Kinder als Kinder kennenlernen, sie von ihrem ersten Schultag an begleiten, bis sie das College abschliessen bzw. besuchen. Auch hier gibt es keine filmischen Dramatisierungmassnahmen (bis auf die Männer mit einem Alkoholproblem), das meiste läuft ziemlich normal und alltäglich ab. Trotzdem kommt der Film mit einer entspannten Leichtigkeit daher, so dass man ihm seine Länge überhaupt nicht anmerkt. Glück und Rückschlag erleben wir mit den Figuren, kleine und grosse Probleme, uns bekannte alltägliche Sorgen und Ängste. Das spannende Experiment kann in seiner Gesamtheit komplett überzeugen, ist wunderbar inszeniert und zugleich ein typisches Panorama einer amerikanischen Kindheit und Jugend. Kein Film den man immer wieder sehen muss, aber einer den man mindestens einmal gesehen haben sollte.
8/10