Ich verweise zuvor auf mein Review zu The Walking Dead Season 2, welches ich für nach wie vor hervorragend geschrieben halte, wenn ich mal selbst loben darf (tut ja sonst keiner).
http://www.konsolentreff.de/themen/the-walking-dead-season-2.23656/
Die dortige Spoilerwarnung gilt auch hier uneingeschränkt und warum auch nicht. Diese „Review“ ist nicht als Kaufempfehlung gedacht, dafür kommt sie wohl auch ein paar Jahre zu spät. Ich selbst wäre kaum in den Genuss des Spiels gekommen, wenn nicht TellTale so gnädig gewesen wäre, das Spiel dann im Rahmen der Collection doch noch auf Datenträger auszuliefern.
Kurz zur Collection, ihr erhaltet dort alle bisher erschienen Walking Dead Spiele auf Datenträger. Die vollständige Staffel 1 (mit 400 Days als sechster Episode), Staffel 2, New Frontier (Staffel 3) sowie die Sidestory Michonne. Mit an Bord ist an die Option die Entscheidungen der früheren Staffeln zu übernehmen, wobei der Menüpunkt für Staffel 2 und 3 jeweils unterschiedlich ist, warum auch immer.
Staffel 1 und 2 sind technisch überarbeitet und alle Spiele laufen blitzsauber, stabil und rund, was sehr schön zu sehen ist. Andererseits handelt es sich um teilweise drei bis fünf Jahre alte, xfach gepatchte Spiele der vergangenen Konsolengeneration, die mit einem eher schlicht gehaltenen Grafikstil aufwarten und in denen es praktisch keinerlei Actionszenen gibt. Diese in der xten Neuauflage auf einer deutlich stärkeren Hardware endlich ruckelfrei darzustellen verdient kaum Applaus. Tatsächlich dürften die Spiele nun in der Form vorliegen, in denen sie von Anfang hätten erscheinen sollen.
Eins vorneweg, ich werde hier nicht darüber diskutieren, wie viel Spiel ein Spiel enthalten muss und ab wann der Name interaktiver Film angebrachter ist. Wer ein Spiel von TellTale kauft, weiß was ihn erwartet. Die Diskussion hierüber ist erfolgt, ein klares Ergebnis gibt es natürlich nicht. Allerdings erwähne ich trotzdem kurz, dass die Tendenz der Spiele mehr und und mehr dazu überging, Actionszenen durch QuickTimeEvents zu ersetzen, was zwei Auswirkungen hat. Erstens sind diese Szenen viel einfacher als die fummeligen Kampfszenen in Season 1, was jeglichen Schrecken vor den Zombies nimmt und zweitens verstärkt die ständige Präsenz der gigantischen bunten PlayStationSymbole nicht unbedingt die Atmosphäre.
Da die Story also das einzige ist, das zum Spielen (ich nutze jetzt einfach diesen Begriff ohne Wertung) motiviert, kann es hier also auch nur um die Story gehen.
A New Frontier ist technisch gesehen die dritte Staffel der Walking Dead Reihe von TellTale ohne dabei jedoch eine Zahl im Titel zu nennen. Der Grund ist, dass A New Frontier, wie der Name unsubtil andeuten möchte, eine Art Neuanfang darstellt. Ein neuer Protoganist, eine neue Bedrohung, eine neue Gruppe. Insbesondere nach dem Ende (den Enden) der zweiten Staffel war dies aufdrängend, die Sache hat aber einen Haken. Die Entwickler haben scheinbar dem Frieden nicht getraut und Clementine, nun 13 Jahre alt, gleichwohl eine nicht unerhebliche Rolle zugeschrieben.
Dies führt zu der mehr als unbefriedigenden Situation, dass man sich nie ganz auf die neuen Figuren konzentieren kann, da Clementine eine zu große Rolle hat. Gleichzeitig ist Clementine aber auch nie die eigentliche Hauptfigur, insbesondere weder Protoganist noch Avatar des Spielers. Fokus wäre hier angezeigt gewesen, entweder den Mut zu haben, vollkommen mit der bisherigen Story zu brechen und eine neue Geschichte zu erzählen oder halt konsequent Clementines Abenteuer fortzuführen. Weder Fisch noch Fleisch, nichts Halbes, nichts Ganzes, der mangelnde Mut der Entwickler zieht die Staffel leider ein wenig herunter.
Als Beispiel sei folgende frühe Szene genannt. Die Gruppe begibt sich in Richtung einer Siedlung, deren Name nichts zur Sache tut. Einer der neuen Charaktere, Conrad, hat aus Gründen die Eingebnung, Clementine quasi als Druckmittel oä. zu verwenden, um der Gruppe Einlass zu verschaffen. Hierbei schreckt er nicht davor zurück, sie mit einer Pistole zu bedrohne. Der Spieler hat nun die Wahl, dies zuzulassen oder zu verhindern, wobei das Verhindern mit Conrads Ableben endet.
Betrachten wir die Wahl objektiv.
Clementine: Begleitet den Spieler seit fünf Jahren, wurde von uns als Lee beschützt und in Season selber durch eine Odyssee gesteuert. Einer der populärsten und belibestens Charaktere des Mediums.
Conrad: Vor fünf Minuten kennen gelernt, die einzigen Handlungen waren unsere Gruppe ins Gefängnis zu bringen und Clem mit einer Waffe zu bedrohen.
Ich spiele diese Spiele nie als Killer, aber so schnell und ohne Überlegen hab ich noch nie eine Entscheidung getroffen.
Nicht, dass es eine Rolle spielt. Auch das wissen wir seit Jahren.
This game series adapts to the choices you make. The story is tailored by how you play.
My ass is tailored by how you play!!!
Lest jeden Walkthrough, jede FAQ und ihr stellt fest, dass bis auf ein paar Zeilen Dialog sich fast bei keiner Entscheidung etwas wesentliches ändert. Die Kernpunkte stehen, wie es auch in den Vorgängern der Fall war, fest. Es wird wohl nie so kommen, dass Entwickler ein Dutzend grundverschiedener Stories schreiben kann, von denen die meisten Spieler maximal eine sehen, aber wenn nach wie vor in jeder Szene betont wird, wer sich wieder an was erinnern wird, dann kommt mal halt nicht umhin, mit den Augen zu rollen.
Ein weiterer Kritikpunkt, den ich mittlerweile mit der Reihe habe, ist dass nicht nur die Handlungen fix ist, sondern auch die Gefühlslage der Charaktere und des Spielers. Jedenfalls, wenn es nach dem Willen der Entwickler geht. Ich soll fühlen, was ich in einer Szene eben fühlen soll. Wehe, ich habe eine andere Meinung.
Normalerweise spiele ich als besonnener, freundlicher Mensch. Ich verabscheue Menschen, die unnötig provozieren, im RealLife wie in Games. Deeskalation ist das Zauberwort. Das hat nichts mit Ducken oder Feigheit zu tun, wenn es sein muss, kann ich eine Konfrontation antreten und mich behaupten... again, im RealLife wie auch in Games. Aber meine erste Aufgabe sollte es sein, solche Szenen zu verhindern oder wenn nicht das, dann aber sie nicht unnötig erst zu verursachen.
Seit Season 1 schickt uns die Reihe durch eine Serie grauenhafter Momente und Schicksalsschläge, die der Spieler nicht kontrollieren kann (siehe oben). Jedes Mal rennt dann einer der NPC auf den Spieler zu und gibt dem Protoganisten die Schuld für alles, vom Tod seiner Liebsten bis zum Pickel auf der Nase damals beim ersten Date. Es wird alt und ich habe davon so ein klein wenig die Schnauze voll. Dies führte dazu, dass ich in Episode 5 der dritten Staffel dann auch einfach mal die „I'm sorry“ Antworten zu Gunsten der „Fuck you“ Antworten ausgelassen habe.
Aber um zu einem Beispiel zu kommen. Zombies haben die Siedlung Richmond überrannt, Menschen sind gebissen. Es ist die Zombieapokalypse, diese Scheiße passiert. Einer der instabilen NPC gibt mir die Schuld und knallt mir eine Knarre ins Gesicht. Meine Frau stellt sich schützend vor mich. Mein Bruder tritt hinzu, bricht der Tussi den Arm und knallt den Gebissenen (der kurz vor der Wandlung in einen Zombie steht) ab. Mein Gedanke: DANKE SCHÖN! Und genau diese Antwort wähle ich auch. Was soll der Scheiß? Ich kann nichts für Apokalypse, ich kann nichts dafür, dass ausnahmslos alle diejenigen, die eine Siedlung leiten, zu Nazis mutieren und ich kann nichts dafür, dass dein Macker zu blöd ist, sich gegen Zombies zu wehren, wenn das offenbar 13jährige hinbekommen. Also steck dir deine Knarre sonstwo hin! Wer mich und meine Frau mit einer Pistole bedroht, der kann froh sein, wenn er mit einem gebrochenen Arm davon kommt. Also nochmal. Danke schön, großer Bruder.
Das war aber nicht das, was das Spiel von mir wollte. Die gesamte noch lebende Truppe, einschließlich meines Avatars, schauen ihn an, als wäre er das Arschloch. Er verteidigt sich: Ich wollte doch nur meine Familie schützen, etct. etc. Die übliche Diskussion. Kenny 2.0.
Und noch mal: Ich meine, er hatte Recht.
Rein objektiv betrachtet.
Zombie in the making liegt auf dem Bett, seine heulende, von einer akuten Belastungsreaktion gezeichnete Frau zielt mit einer Pistole auf meinen Bruder und meine (technisch gesehen) Ehefrau und Stiefmutter meines im Raun befindlichen Sohnes und ich bin das Arschloch, wenn ich dem (gewaltsam) ein Ende biete?
Ich als Spieler habe entschieden: Nein! Brüderchen hatte Recht. Er ist nicht durchgedreht, er hat gut und richtig reagiert. Warum also steht ihm mein Avatar nicht bei? Warum stellt er sich gegen seinen Bruder, obwohl ich etwas anderes fühle und etwas anderes gewählt habe?
Weil das Drehbuch es so sagt. Gut, was weiß ich schon über Dramaturgie, ich bin Jurist, wir verlernern das Schreiben im Studium. Aber verdammig, dann schreibt ein Buch oder eine Serie oder einen Film, wegen meiner auch eine Fotostory, aber spart euch dann auch den letzten Rest von Heuchelei. Tut nicht so, als hätte der Spieler auch nur den Hauch von Mitspracherecht. Ich soll die Geschichte mit bestimmen? Ich darf ja nicht mal selber entscheiden, wie ich mich fühlen soll. Genau so wie Season 2 von Episode 1 an Hetze gegen Kenny gemacht hat. (btw. Fuck you TellTale für diesen unwürdigen Tod des tragischten Helden der Serie! Natürlich ohne Abwendemöglichkeit oder Mitspracherecht des Spielers!)
Das Finale ist dann auch erstaunlich hoffnungsvoll, wenngleich gestreut mit den üblichen Toten. Bei der Wahl, wen ich am Ende retten sollte, fiel meine natürlich auf die heiße Latina anstatt meinen geliebten Bruder.
Wieder nüchtern betrachtet:
Auf der einen Seite: Mein Bruder, der mich eh immer gehasst hat, den ich seit vier Jahren nicht gesehen habe und dessen letzte Aktion gewesen wäre, mich mittels Schraubenschlüssel tot zu prügeln, wenn Clem ihn nicht aufgehalten hätte.
Auf der anderen Seite: heiße Latina.
Und komm mir nicht mit „Bros before Hos“. Ich würde ganze Kleinstädte bis auf die Grundmauern niederbrennen, wenn ich dafür nur zwei Minuten Soft Petting bekäme.
Fast 1500 Wörter tief und ich habe noch mit keinem Wort den neuen Protoganisten namentlich erwähnt. Javier Garcia, junger ehemlaiger Baseballstar, genannt Javi, der mit der Frau seines Bruders Kate und dessen Kindern Gabe und Mariana unterwegs ist, soll die neue Staffel tragen.
Javi ist sofort sympathisch, hervorragend geschrieben und vorgestellt. In selten gesehen souvränem Storytelling erfahren wir die Hintergründe zu Javi in völlig natürlich aufkommenden Dialogen nach und nach. Plumper Infodump oder unpassende Expositionen sind hier Fehlanzeige. Das Writing der ersten Folge gehört insoweit zum Besten, was ich seit langem gesehe habe. Aber auch die Familie als solche ist interessant.
Javi übernimmt die Rolle des Vater der Kinder seines Bruders, während er gleichzeitig mit dessen Ehefrau, welche wiederum die Stiefmutter der Kinder ist, eine Partnerschaft eingeht. Gleichwohl: Es wirkt nicht gezwungen. Die Chemie zwischen Javi und Kate stimmt jederzeit, die Familie wirkt echt und authentisch. Im Gegensatz zu Season 2 hat man sofort eine echte Gruppe.
Ätzender ist hingegen Gabe, für dessen spät-pubertäres Teenie-Machogehabe ich sowas von überhaupt keine Geduld habe. Zum Glück gibt es Antwortmöglichkeiten hierfür. Leider stirbt Mariana schon in Episode 1 und Gabe erst Ende Episode 5.
Javi taugt als Protoganist, kommt aber leider nie aus dem Schatten von Clementine heraus. Schade daher auch, dass Clementines Story hier nicht zu Ende erzählt wird. Von Beginn an will sie AJ (das Baby aus Season 2) wieder finden. Am Ende hat sie zwar eine Adresse, ist ihrem Ziel aber ansonsten nicht näher. Dies ist unbefriedigend und ein „Ihre Geschichte wird fortgesetzt“ tröstet nicht wirklich.
Bester Neuzugang (für die Reihe, nicht für Fans des Comics oder der *würg* Fernsehserie) der NPC dürfte aber wohl Paul Jesus Monroe sein. Jesus ist ein groß gebauter bärtiger Kampfsportler mit der Stimme von Garrus Vakarian , der in Rüstung auf einem Pferd reitend Zombies mit einem Katana zur Strecke bringt. Wow, ich hab grad allein beim Schreiben dieses Satzes einen Ständer bekommen.
A New Frontier also: Mehr vom Altbekannten. TellTale ist längst zum Call of Duty des Adventuregenre geworden, der McDonalds unter den Feel-Simulators. Geboten wird gewohnte Kost in gewohnter Qualität, aber ohne jede Überrschung. Am Ende bleiben relativ wenig Eindrücke, am ehesten verbleibt die Frage nach Clementines Schicksal. Viel zu viel Screentime, um nicht vom Rest der Geschichte abzulenken, aber zu wenig, um ihre Geschichte befriedigend weiter zu erzählen, wirkt A New Frontier am Ende weder wie ein Neuanfang noch wie eine echte Fortsetzung. Eine reine Nebengeschichte ist es aber auch nicht.
Ich erlaube mir, mein eigenes Fazit von 2014 zu klauen.
Quo vadis, Walking Dead? - Die Frage bleibt.
Mit zwei Staffeln und dem sehr ähnlichen Wolf Among Us läuft TellTale Gefahr, dass das Unerwartete zum Erwarteten wird. Die Gefahr hat sich verwirklicht.
Die erste Staffel von The Walking Dead wird als absoluter Ausnahmetitel in die Historie eingehen.
Dürfte passiert sein.
Es wäre eine Schande, wenn er ähnlich wie Modern Warfare zum Blueprint für jährliche Updates würde. Naja, Guardians of the Galaxy, Game of Thrones, Tales from the Borderlands, Batman, Wolf among us, Minecraft... 12 Spiele in fünf Jahren. Ich war optimistisch.
Ohne klaren Ausgangspunkt und ohne klares Ziel wird es Staffel 3 im schlimmsten Fall ergehen wie insbesondere Episode 4, ein weiter Weg ins Nichts. Clem allein wird, wenn die Autoren sich nicht endlich entscheiden, wie stark oder schwach sie wirklich sein soll, nicht im Alleingang eine Staffel tragen können und eine endlose Aneinanderreihung von Zombieopfern wird daran nichts ändern.Hm...
Vielleicht sollte man tatsächlich aufhören, wenn es am schönsten ist. Ich würde ja sagen This, aber ich denke, dafür ist es lange zu spät.
http://www.konsolentreff.de/themen/the-walking-dead-season-2.23656/
Die dortige Spoilerwarnung gilt auch hier uneingeschränkt und warum auch nicht. Diese „Review“ ist nicht als Kaufempfehlung gedacht, dafür kommt sie wohl auch ein paar Jahre zu spät. Ich selbst wäre kaum in den Genuss des Spiels gekommen, wenn nicht TellTale so gnädig gewesen wäre, das Spiel dann im Rahmen der Collection doch noch auf Datenträger auszuliefern.
Kurz zur Collection, ihr erhaltet dort alle bisher erschienen Walking Dead Spiele auf Datenträger. Die vollständige Staffel 1 (mit 400 Days als sechster Episode), Staffel 2, New Frontier (Staffel 3) sowie die Sidestory Michonne. Mit an Bord ist an die Option die Entscheidungen der früheren Staffeln zu übernehmen, wobei der Menüpunkt für Staffel 2 und 3 jeweils unterschiedlich ist, warum auch immer.
Staffel 1 und 2 sind technisch überarbeitet und alle Spiele laufen blitzsauber, stabil und rund, was sehr schön zu sehen ist. Andererseits handelt es sich um teilweise drei bis fünf Jahre alte, xfach gepatchte Spiele der vergangenen Konsolengeneration, die mit einem eher schlicht gehaltenen Grafikstil aufwarten und in denen es praktisch keinerlei Actionszenen gibt. Diese in der xten Neuauflage auf einer deutlich stärkeren Hardware endlich ruckelfrei darzustellen verdient kaum Applaus. Tatsächlich dürften die Spiele nun in der Form vorliegen, in denen sie von Anfang hätten erscheinen sollen.
Eins vorneweg, ich werde hier nicht darüber diskutieren, wie viel Spiel ein Spiel enthalten muss und ab wann der Name interaktiver Film angebrachter ist. Wer ein Spiel von TellTale kauft, weiß was ihn erwartet. Die Diskussion hierüber ist erfolgt, ein klares Ergebnis gibt es natürlich nicht. Allerdings erwähne ich trotzdem kurz, dass die Tendenz der Spiele mehr und und mehr dazu überging, Actionszenen durch QuickTimeEvents zu ersetzen, was zwei Auswirkungen hat. Erstens sind diese Szenen viel einfacher als die fummeligen Kampfszenen in Season 1, was jeglichen Schrecken vor den Zombies nimmt und zweitens verstärkt die ständige Präsenz der gigantischen bunten PlayStationSymbole nicht unbedingt die Atmosphäre.
Da die Story also das einzige ist, das zum Spielen (ich nutze jetzt einfach diesen Begriff ohne Wertung) motiviert, kann es hier also auch nur um die Story gehen.
A New Frontier ist technisch gesehen die dritte Staffel der Walking Dead Reihe von TellTale ohne dabei jedoch eine Zahl im Titel zu nennen. Der Grund ist, dass A New Frontier, wie der Name unsubtil andeuten möchte, eine Art Neuanfang darstellt. Ein neuer Protoganist, eine neue Bedrohung, eine neue Gruppe. Insbesondere nach dem Ende (den Enden) der zweiten Staffel war dies aufdrängend, die Sache hat aber einen Haken. Die Entwickler haben scheinbar dem Frieden nicht getraut und Clementine, nun 13 Jahre alt, gleichwohl eine nicht unerhebliche Rolle zugeschrieben.
Dies führt zu der mehr als unbefriedigenden Situation, dass man sich nie ganz auf die neuen Figuren konzentieren kann, da Clementine eine zu große Rolle hat. Gleichzeitig ist Clementine aber auch nie die eigentliche Hauptfigur, insbesondere weder Protoganist noch Avatar des Spielers. Fokus wäre hier angezeigt gewesen, entweder den Mut zu haben, vollkommen mit der bisherigen Story zu brechen und eine neue Geschichte zu erzählen oder halt konsequent Clementines Abenteuer fortzuführen. Weder Fisch noch Fleisch, nichts Halbes, nichts Ganzes, der mangelnde Mut der Entwickler zieht die Staffel leider ein wenig herunter.
Als Beispiel sei folgende frühe Szene genannt. Die Gruppe begibt sich in Richtung einer Siedlung, deren Name nichts zur Sache tut. Einer der neuen Charaktere, Conrad, hat aus Gründen die Eingebnung, Clementine quasi als Druckmittel oä. zu verwenden, um der Gruppe Einlass zu verschaffen. Hierbei schreckt er nicht davor zurück, sie mit einer Pistole zu bedrohne. Der Spieler hat nun die Wahl, dies zuzulassen oder zu verhindern, wobei das Verhindern mit Conrads Ableben endet.
Betrachten wir die Wahl objektiv.
Clementine: Begleitet den Spieler seit fünf Jahren, wurde von uns als Lee beschützt und in Season selber durch eine Odyssee gesteuert. Einer der populärsten und belibestens Charaktere des Mediums.
Conrad: Vor fünf Minuten kennen gelernt, die einzigen Handlungen waren unsere Gruppe ins Gefängnis zu bringen und Clem mit einer Waffe zu bedrohen.
Ich spiele diese Spiele nie als Killer, aber so schnell und ohne Überlegen hab ich noch nie eine Entscheidung getroffen.
Nicht, dass es eine Rolle spielt. Auch das wissen wir seit Jahren.
This game series adapts to the choices you make. The story is tailored by how you play.
My ass is tailored by how you play!!!
Lest jeden Walkthrough, jede FAQ und ihr stellt fest, dass bis auf ein paar Zeilen Dialog sich fast bei keiner Entscheidung etwas wesentliches ändert. Die Kernpunkte stehen, wie es auch in den Vorgängern der Fall war, fest. Es wird wohl nie so kommen, dass Entwickler ein Dutzend grundverschiedener Stories schreiben kann, von denen die meisten Spieler maximal eine sehen, aber wenn nach wie vor in jeder Szene betont wird, wer sich wieder an was erinnern wird, dann kommt mal halt nicht umhin, mit den Augen zu rollen.
Ein weiterer Kritikpunkt, den ich mittlerweile mit der Reihe habe, ist dass nicht nur die Handlungen fix ist, sondern auch die Gefühlslage der Charaktere und des Spielers. Jedenfalls, wenn es nach dem Willen der Entwickler geht. Ich soll fühlen, was ich in einer Szene eben fühlen soll. Wehe, ich habe eine andere Meinung.
Normalerweise spiele ich als besonnener, freundlicher Mensch. Ich verabscheue Menschen, die unnötig provozieren, im RealLife wie in Games. Deeskalation ist das Zauberwort. Das hat nichts mit Ducken oder Feigheit zu tun, wenn es sein muss, kann ich eine Konfrontation antreten und mich behaupten... again, im RealLife wie auch in Games. Aber meine erste Aufgabe sollte es sein, solche Szenen zu verhindern oder wenn nicht das, dann aber sie nicht unnötig erst zu verursachen.
Seit Season 1 schickt uns die Reihe durch eine Serie grauenhafter Momente und Schicksalsschläge, die der Spieler nicht kontrollieren kann (siehe oben). Jedes Mal rennt dann einer der NPC auf den Spieler zu und gibt dem Protoganisten die Schuld für alles, vom Tod seiner Liebsten bis zum Pickel auf der Nase damals beim ersten Date. Es wird alt und ich habe davon so ein klein wenig die Schnauze voll. Dies führte dazu, dass ich in Episode 5 der dritten Staffel dann auch einfach mal die „I'm sorry“ Antworten zu Gunsten der „Fuck you“ Antworten ausgelassen habe.
Aber um zu einem Beispiel zu kommen. Zombies haben die Siedlung Richmond überrannt, Menschen sind gebissen. Es ist die Zombieapokalypse, diese Scheiße passiert. Einer der instabilen NPC gibt mir die Schuld und knallt mir eine Knarre ins Gesicht. Meine Frau stellt sich schützend vor mich. Mein Bruder tritt hinzu, bricht der Tussi den Arm und knallt den Gebissenen (der kurz vor der Wandlung in einen Zombie steht) ab. Mein Gedanke: DANKE SCHÖN! Und genau diese Antwort wähle ich auch. Was soll der Scheiß? Ich kann nichts für Apokalypse, ich kann nichts dafür, dass ausnahmslos alle diejenigen, die eine Siedlung leiten, zu Nazis mutieren und ich kann nichts dafür, dass dein Macker zu blöd ist, sich gegen Zombies zu wehren, wenn das offenbar 13jährige hinbekommen. Also steck dir deine Knarre sonstwo hin! Wer mich und meine Frau mit einer Pistole bedroht, der kann froh sein, wenn er mit einem gebrochenen Arm davon kommt. Also nochmal. Danke schön, großer Bruder.
Das war aber nicht das, was das Spiel von mir wollte. Die gesamte noch lebende Truppe, einschließlich meines Avatars, schauen ihn an, als wäre er das Arschloch. Er verteidigt sich: Ich wollte doch nur meine Familie schützen, etct. etc. Die übliche Diskussion. Kenny 2.0.
Und noch mal: Ich meine, er hatte Recht.
Rein objektiv betrachtet.
Zombie in the making liegt auf dem Bett, seine heulende, von einer akuten Belastungsreaktion gezeichnete Frau zielt mit einer Pistole auf meinen Bruder und meine (technisch gesehen) Ehefrau und Stiefmutter meines im Raun befindlichen Sohnes und ich bin das Arschloch, wenn ich dem (gewaltsam) ein Ende biete?
Ich als Spieler habe entschieden: Nein! Brüderchen hatte Recht. Er ist nicht durchgedreht, er hat gut und richtig reagiert. Warum also steht ihm mein Avatar nicht bei? Warum stellt er sich gegen seinen Bruder, obwohl ich etwas anderes fühle und etwas anderes gewählt habe?
Weil das Drehbuch es so sagt. Gut, was weiß ich schon über Dramaturgie, ich bin Jurist, wir verlernern das Schreiben im Studium. Aber verdammig, dann schreibt ein Buch oder eine Serie oder einen Film, wegen meiner auch eine Fotostory, aber spart euch dann auch den letzten Rest von Heuchelei. Tut nicht so, als hätte der Spieler auch nur den Hauch von Mitspracherecht. Ich soll die Geschichte mit bestimmen? Ich darf ja nicht mal selber entscheiden, wie ich mich fühlen soll. Genau so wie Season 2 von Episode 1 an Hetze gegen Kenny gemacht hat. (btw. Fuck you TellTale für diesen unwürdigen Tod des tragischten Helden der Serie! Natürlich ohne Abwendemöglichkeit oder Mitspracherecht des Spielers!)
Das Finale ist dann auch erstaunlich hoffnungsvoll, wenngleich gestreut mit den üblichen Toten. Bei der Wahl, wen ich am Ende retten sollte, fiel meine natürlich auf die heiße Latina anstatt meinen geliebten Bruder.
Wieder nüchtern betrachtet:
Auf der einen Seite: Mein Bruder, der mich eh immer gehasst hat, den ich seit vier Jahren nicht gesehen habe und dessen letzte Aktion gewesen wäre, mich mittels Schraubenschlüssel tot zu prügeln, wenn Clem ihn nicht aufgehalten hätte.
Auf der anderen Seite: heiße Latina.
Und komm mir nicht mit „Bros before Hos“. Ich würde ganze Kleinstädte bis auf die Grundmauern niederbrennen, wenn ich dafür nur zwei Minuten Soft Petting bekäme.
Fast 1500 Wörter tief und ich habe noch mit keinem Wort den neuen Protoganisten namentlich erwähnt. Javier Garcia, junger ehemlaiger Baseballstar, genannt Javi, der mit der Frau seines Bruders Kate und dessen Kindern Gabe und Mariana unterwegs ist, soll die neue Staffel tragen.
Javi ist sofort sympathisch, hervorragend geschrieben und vorgestellt. In selten gesehen souvränem Storytelling erfahren wir die Hintergründe zu Javi in völlig natürlich aufkommenden Dialogen nach und nach. Plumper Infodump oder unpassende Expositionen sind hier Fehlanzeige. Das Writing der ersten Folge gehört insoweit zum Besten, was ich seit langem gesehe habe. Aber auch die Familie als solche ist interessant.
Javi übernimmt die Rolle des Vater der Kinder seines Bruders, während er gleichzeitig mit dessen Ehefrau, welche wiederum die Stiefmutter der Kinder ist, eine Partnerschaft eingeht. Gleichwohl: Es wirkt nicht gezwungen. Die Chemie zwischen Javi und Kate stimmt jederzeit, die Familie wirkt echt und authentisch. Im Gegensatz zu Season 2 hat man sofort eine echte Gruppe.
Ätzender ist hingegen Gabe, für dessen spät-pubertäres Teenie-Machogehabe ich sowas von überhaupt keine Geduld habe. Zum Glück gibt es Antwortmöglichkeiten hierfür. Leider stirbt Mariana schon in Episode 1 und Gabe erst Ende Episode 5.
Javi taugt als Protoganist, kommt aber leider nie aus dem Schatten von Clementine heraus. Schade daher auch, dass Clementines Story hier nicht zu Ende erzählt wird. Von Beginn an will sie AJ (das Baby aus Season 2) wieder finden. Am Ende hat sie zwar eine Adresse, ist ihrem Ziel aber ansonsten nicht näher. Dies ist unbefriedigend und ein „Ihre Geschichte wird fortgesetzt“ tröstet nicht wirklich.
Bester Neuzugang (für die Reihe, nicht für Fans des Comics oder der *würg* Fernsehserie) der NPC dürfte aber wohl Paul Jesus Monroe sein. Jesus ist ein groß gebauter bärtiger Kampfsportler mit der Stimme von Garrus Vakarian , der in Rüstung auf einem Pferd reitend Zombies mit einem Katana zur Strecke bringt. Wow, ich hab grad allein beim Schreiben dieses Satzes einen Ständer bekommen.
A New Frontier also: Mehr vom Altbekannten. TellTale ist längst zum Call of Duty des Adventuregenre geworden, der McDonalds unter den Feel-Simulators. Geboten wird gewohnte Kost in gewohnter Qualität, aber ohne jede Überrschung. Am Ende bleiben relativ wenig Eindrücke, am ehesten verbleibt die Frage nach Clementines Schicksal. Viel zu viel Screentime, um nicht vom Rest der Geschichte abzulenken, aber zu wenig, um ihre Geschichte befriedigend weiter zu erzählen, wirkt A New Frontier am Ende weder wie ein Neuanfang noch wie eine echte Fortsetzung. Eine reine Nebengeschichte ist es aber auch nicht.
Ich erlaube mir, mein eigenes Fazit von 2014 zu klauen.
Quo vadis, Walking Dead? - Die Frage bleibt.
Mit zwei Staffeln und dem sehr ähnlichen Wolf Among Us läuft TellTale Gefahr, dass das Unerwartete zum Erwarteten wird. Die Gefahr hat sich verwirklicht.
Die erste Staffel von The Walking Dead wird als absoluter Ausnahmetitel in die Historie eingehen.
Dürfte passiert sein.
Es wäre eine Schande, wenn er ähnlich wie Modern Warfare zum Blueprint für jährliche Updates würde. Naja, Guardians of the Galaxy, Game of Thrones, Tales from the Borderlands, Batman, Wolf among us, Minecraft... 12 Spiele in fünf Jahren. Ich war optimistisch.
Ohne klaren Ausgangspunkt und ohne klares Ziel wird es Staffel 3 im schlimmsten Fall ergehen wie insbesondere Episode 4, ein weiter Weg ins Nichts. Clem allein wird, wenn die Autoren sich nicht endlich entscheiden, wie stark oder schwach sie wirklich sein soll, nicht im Alleingang eine Staffel tragen können und eine endlose Aneinanderreihung von Zombieopfern wird daran nichts ändern.Hm...
Vielleicht sollte man tatsächlich aufhören, wenn es am schönsten ist. Ich würde ja sagen This, aber ich denke, dafür ist es lange zu spät.