Spinnen-Mann, Spinnen-Mann, macht was immer die Spinne kann... wie Schockwellen verschießen, Autos durch die Gegend pfeffern und Sprüche klopfen. Nach einigen gelungenen Titeln auf der PlayStation 1 erreichte Spider-Man einen neuen Popularitätsschub (als ob er den gebraucht hätte) mit Sam Reinis Trilogie, die 2004 sowohl filmisch wie spielerisch einen absoluten Höhepunkt erreichte (und 2007 filmisch wie spielerisch einen neuen Tiefpunkt erlangte. Wie gewonnen...). Spider-Man 2 war das damalige The Dark Knight, sorgte im Alleingang für die Welle an Comicbuchadaptionen, die uns seit Jahren überschwemmen und lieferte mit dem dazugehörigen Spiel eine der besten Filmumsetzungen aller Zeiten. Zum ersten Mal stand Spider-Man ganz Manhattan frei zu Verfügung und völlig zu Recht gilt der Titel bis heute als einer der besten der Lizenz. Ich erinnere mich, wie mich eine durchzockte Nacht meine StPO Klausur gekostet hat (Worth it!). Spiele wie Ultimate Spider-Man und Web of Shadows knüpften an dieses Konzept an, auch wenn Web of Shadows letztlich nur eine Kopie von Prototype war. Irgendwann bekam dann Beenox die Lizenz in die Finger und nach einem interessanten, aber insgesamt das Potential verschwendeten Shattered Dimensions und einem desaströsen Edge of Time (ich bleibe dabei, dass Edge of Time nie ein Spider-Man Spiel war) ging Beenox 2012 anlässlich der neuen Filmtrilogie (wie sollte es auch anders sein) wieder zum offenen Manhattan über. The Amazing Spider-Man war ok bis gut, aber letztlich nicht überragend und zog sich mächtige Kritik zu ob der Annäherung zu Rocksteadys Batman Spielen, deren Qualität Beenox nie erreichen konnte. Nachdem nun der nächste glorreiche (?) Film in den Kinos startet, erhält Beenox die nächste Chance.
Dein Onkel ist tot. Drücke x zum Trauern!
Das Spiel beginnt mit Peter Parkers prägendstem Moment. Ein Dieb rennt an ihm vorbei und obwohl er ihn problemlos stoppen könnte, lässt er ihn mit einem achselzuckenden „Nicht mein Problem“ passieren. Minuten später trifft selbiger Dieb auf Peters Onkel Ben und tötet diesen. Dieser Moment führt zu Spider-Mans Arbeitseinstellung und dem geflügelten Wort „With great power comes great responsibility“.
Hätte ich eine Spoilerwarnung geben sollen? Kommt schon Leute, die Story ist 200 Jahre alt, jeder kennt sie. Natürlich wurde sie noch nie so lieblos dahin geklatscht wie im Tutorial in The Amazing Spider-Man 2 (merke: Laufen könnt ihr mit dem linken Stick! Wow!!).
Die restliche Story startet dann einige Jahre später. Ich habe den Film noch nicht gesehen, aber anscheinend kommt Electro darin vor, wenn auch etwas farbiger als in den Comics, aber das Catwoman eine blonde, weiße Frau ist, hat 2004 ja auch niemanden gestört. Zugegebenermaßen war das am Ende sicherlich das geringste Problem des Streifens und ja auch dieser Film ist mittlerweile eine Dekade alt. Und falls der Leser sich noch nicht alt genug fühlt, die Herr der Ringe Trilogie endete mit dem letzten Film vor elf Jahren.
Nehmen Sie 6 Schurken, erhalten Sie einen gratis!
Ich weiß also nicht, wie viel der Film mit dem Spiel zu tun hat. Ich weiß nur, dass die Story im Spiel ein Sammelsurium unzusammenhängender Ereignisse und bekannter Antagonisten der Comics ist. Ich weiß nicht, wie oft ich noch Aufeinandertreffen mit Black Cat in Museen oder Banken ertragen kann. Kraven konnte ich noch nie ertragen und ich habe auch nie verstanden, warum der mit übermenschlichen Kräften ausgestattete Spider-Man den Menschen Kraven, trotz all seiner „Kräuter“, nicht in der Mitte durchbricht und nach Russland zurück schickt. Tante May hat einen kurzen Auftritt, J. J. Jameson kommt so gut wie gar nicht vor, von Gwen oder Mary Jane ist kein Haar zu erblicken. Stattdessen reicht das Spiel vom KingPin über den Shocker bis zu einem völlig verheizten Carnage wahllos bekannte Gesichter rein, nur um einen „Villain-Trailer“ erstellen zu können. Ein Dialogsystem lässt euch Fragen an bestimmte Charaktere stellen ohne jeden Einfluss auf irgendwas. Ihr könnt entscheiden, in welcher Reihenfolge in die drei Fragen stellt, bevor ihr das Gespräch mit der nicht optionale Frage, aber das war es auch schon. Ohne Story und ohne Spannungsbogen wundert es auch nicht, dass das Spiel im Nirvana endet.
Wenn ihr nicht gerade in der Rolle als Peter Parker durch die Gegend wandert, könnt ihr als Spider-Man wie gewohnt Manhattan unsicher (oder sicher) machen. Die Karte bietet Storymissionen, die üblichen Nebenmissionen, Unterschlüpfe von Russen, die in stillgelegten U-Bahnschächten Protoypen von Militäranzügen bewachen (ja, nehmt es einfach so hin) und 300 Comicbuchseiten zum Sammeln.
Ein Dieb! Ein Dieb! Haltet den, der den Dieb nicht gestoppt hat!
Ein neues System misst die Verbrechensrate in Manhattan. Macht viele Nebenmissionen, helft der Polizei, Schusswechsel zu beenden, stoppt Einbrüche oder Verfolgungsjadten, rettet Menschen aus brennenden Häusern und Spider-Man wird als Held angesehen, symbolisiert durch eine Leiste über der Übersichtskarte. Missachtet diese Nebenmissionen und Spider-Man wird als Unruhestifter angesehen, mit der Folge, dass die Spezialeinheit von Wilson Fisk (der KingPin) und Harry Oscorb (der Kobold) es nun auf Spider-Man abgesehen hat. Nochmal: Spider-Man soll die Verbrechensrate in der Stadt unten halten. Tut er dies nicht, jagt die Einheit, die sich um die Verbrecher kümmern sollte, nun einen Mann, der es nicht geschafft hat, die Verbrechensrate unten zu halten, obwohl dies technisch gesehen gar nicht seine Aufgabe ist, anstatt nun ihrerseits sich um die eigentlichen Verbrecher zu kümmern. Sowohl Spider-Man und die Spezialeinheit sind jetzt also miteinander beschäftigt während die Verbrechensrate in Manhattan ins Unermessliche steigt. Ja, es macht alles ganz viel Sinn.
Im Spiel funktioniert das so, dass ihr pro aufpoppender Mission nur eine bestimmte Zeit habt, sie zu beenden. Ansonsten gilt das Verbrechen als passiert und Spider-Man als derjenige, der es nicht verhindert hat. Um diese Liste auszubalancieren, müsst ihr also wieder und wieder dieselben drei (lass es von mir aus auch vier sein) Missionen bestreiten. Das allein wäre schon nervig, aber ungefähr ab der Hälfte nimmt die Anzahl dieser Nebenmissionen so dermaßen zu, dass man mit dem Aufräumen nicht mehr nachkommt. Während man grad eine Mission löst, laufen drei weitere gerade ab. Man geht also praktisch einen Schritt vor und drei zurück. Obwohl man gerade drei Menschen aus einem Flammenmeer gerettet hat, gilt man als Störer, weil in der Zwischenzeit drei Autos aufgebrochen wurden. Mit der Folge, dass einen die Spezialeinheit auf Schritt und Tritt verfolgt während man eigentlich auf der Suche nach einem Serienmörder ist. Eine miese Idee, ganz schlecht umgesetzt. Nebenbei wäre ich nach inFamous und diesem Titel dafür, jede Form von Nebenmissionen komplett abzuschaffen. Klar, man hätte in einer offenen Welt gerne etwas zu tun, aber gerade im Falle von Spider-Man hat man es in zehn Jahren nicht geschafft, abseits der Story irgend etwas Ansprechendes auf die Beine zu stellen. Wenn es nicht zu mehr reicht als denselben 08/15 Standardmissionen, dann lasst es ein für allemal bleiben. Aufhören ist keine Schande.
Knapp daneben...
Beim Vorgänger hatten sich noch viele beschwert, dass Spider-Man wieder mal mit seinen Fäden in der Luft hing beim Schwingen. Ich gehöre nicht dazu. Haben dieselben Leute in jedem Film jede Szene analysiert, ob die Fäden dort wohl korrekt hängen? In jedem Comic, auf jeder Seite? Wenn es zur Entscheidung zwischen Gameplay und Realismus kommt, dann scheiß den größten Haufen auf Realismus. Spider-Man soll nun physikalisch korrekt an Gebäuden schwingen, wobei jeder Trigger nun einen von Spider-Mans Armen steuert. Klingt in der Theorie gut, führt in der Praxis aber dazu, dass man in luftigen Höhen oftmals nur Richtung Grund fällt, erst kurz vor dem Boden überhaupt wieder einen Griff bekommt und dann mit dem Gesicht voran am nächsten Hochhaus landet. Es mag nun etwas realistischer sein, aber ich konnte im Vorgänger viel besser und freier schwingen. Und wie gesagt, wenn ich wählen muss, nehme ich jederzeit Gameplay über Realität.
Habt ihr euch irgendwohin geschwungen, gibt es meist Ärger. Spider-Man erwehrt sich diesem genauso wie Batman, nur halt deutlich schlechter. Im Nahkampf stehen euch zur Verfügung: Eine Taste zum Angreifen, eine zum Kontern/Ausweichen und eure Fäden. Die Sprungtaste zum Überspringen der Gegner scheint weg rationalisiert zu sein. Im Vorgänger gab es noch einige Finishingmoves, wenn Spider-Man den Combozähler hoch genug geschraubt hatte, hier scheinen diese Moves eher vom Zufall abzuhängen. Die in Web of Shadows eingeführten Webslings und Webpulls, bei denen Spider-Man entweder die Gegner zu sich zieht oder sich zum Gegner, sind vorhanden, aber kaum wirksam. Wie schlecht das Kampfsystem ist, merkt man in den Herausforderungen, anwählbar im Arcadeautomaten in Stan Lees Comicbuchladen (fragt nicht!). Auf engen Raum werdet ihr umzingelt von einem Dutzend Gegner mit Schusswaffen, Baseballschlägern, Granaten und später den Koboldglidern. Hier fällt auf wie sonst nirgends, dass es Spider-Man im Gegensatz zu Batman nicht nur an Präzision, sondern vor allem an Optionen fehlt. Batman hat eine Vielzahl an Moves und Gadgets zur Verfügung, um Gegner auszuschalten, Waffen zu zerstören oder sich einfach etwas Luft zu verschaffen. Es ist unendlich frustrierend zu erleben, wie Spider-Man von allen Seiten bearbeitet wird und er im Grunde keine andere Wehrmöglichkeit als simple Schläge ins Gesicht gepaart mit wildem Hin- und Hergerolle, um den Kugeln auszuweichen. Nehmt hierzu einen Gegnertyp, der nur mit Spider-Mans neuen Schockwellen zu besiegen ist, die eine Sekunde brauchen, bis sie aufgeladen sind und ihr habt das perfekte Rezept für Frustration. Spider-Mans Gesundheit regeneriert sich zudem nicht mehr automatisch. Stattdessen müsst ihr hierzu mehrere Sekunden das Steuerkreuz nach unten halten. Es erhöht den Schwierigkeitsgrad nur unmerklich, nervt dafür umso mehr, da es jedes Mal wertvolle Sekunden kostet und das ohnehin schon zähe Spiel noch weiter in die Länge zieht.
Wieso nimmt Spider-Man keine Schusswaffe mit? Sein Onkel wurde doch nicht erscho... oh. Ok...
Stealth ist kaum besser. Die Anzeige für Spider-Mans Reichweite fehlt, der doppelte Takedown aus dem Vorgänger ist der Schere zum Opfer gefallen ebenso wie der Web-Retreat Button, der Spider-Man bei Problemen aus der Gefahrenzone befördert hat. Das Problem der Kamera und der Übersicht in diesen Missionen ist immer noch nicht gelöst und sorgt zusammen mit der undurchsichtigen Künstlichen Intelligenz, immer schön in der Mitte zwischen Wahrsager und komatös mit Stealth wie er fast unspielbar ist. Zum Glück gibt es nur wenige Moment im Spiel, in denen Stealth erzwungen ist, ansonsten ist die direkte Konfrontation fast immer eine Option (und oft die schnellere).
Die Upgrades wurden leicht verändert und weiter verwässert. Durch aufgesammelte Was-auch-immer-Magie könnt ihr einige Bereiche verbessern, wie die Reichweite des Spider-Sinnes oder die Stärke von Spider-Mans Schockwellen. Erfahrungspunkte hingegen werten euren jeweils getragenen Anzug auf. Die freigespielten Anzüge lassen sich in Peters Zimmer im Haus seiner Tante wechseln, wobei jeder Anzug andere Boni gibt. Einen erheblichen Unterschied im eigentlichen Spiel merkt man allerdings nicht.
3 mal spaßfrei ergibt:
Da die Hauptelemente des Spiels (Schwingen, Kampf und Stealth) kaum Spaß bringen, wundert es auch nicht, dass die Hauptmissionen nicht viel retten, da ihr hier eigentlich nur von Ort zu Ort schwingt und dort entweder kämpft oder versucht, leise zu sein und dann kämpft. In manchen Szenen spielt ihr zunächst als Peter Parker, wobei das Wort spielen leicht übertrieben ist. Bis auf Laufen und gelegentliche Fotos schießen verfügt Peter nicht über viele Fertigkeiten. Auch die Bossgegner sind so uninspiriert wie selten zuvor. Simple Konter-Prügel Taktiken reichen oftmals aus und wenn etwas mehr gefordert wird, zeigt das Spiel sofort die entsprechenden Tasten an, sodass selbst hier kaum mehr als bessere QuickTimeEvents geboten werden. Mit 14 kurzen Missionen ist das Hauptspiel zudem recht dünn und kann locker an zwei Nachmittagen beendet werden. Interessante Missionen, Schauplätze, Aufgaben oder Gegner präsentiert das Spiel nie.
Die getestete Version war die PS4 Fassung, aber wenn jemand gesagt hätte, es wäre die PS3 Fassung, hätte ich geantwortet: „Dafür sieht es aber nicht besonders gut aus.“ Blockige Autos und Raucheffekte, sichtbares Aliasing, PopUps und DrawIns, schwache Texturen und Lighting sprechen eine deutliche Sprache. Bloß nicht zu viel Aufwand betreiben, könnte ja den Gewinn schmälern. Animationen der Gesichter sind ein Schlag in dasselbige, insbesondere nach inFamous, ebenfalls ein Superhero-Openworld Spiel. Okay, der Vergleich Exklusivtitel gegen Crossgen-Release ist nicht ganz fair, aber zumindest einen Hauch von Mühe könnte man sich geben. Wenigstens ist die Framerate stabil, aber die gezeigten Bilder bleiben insgesamt überaus schwach.
Neben dem generischen Soundtrack und gelegentlichem Hupkonzert der Straße nervt das durch die Bank schlechte Voiceacting, Spider-Man selbst zum Großteil ausgenommen. Diverse kleinere Glitches, die hier und da einen Neustart erfordern, weil ein Gegner in der Wand festhängt und nicht besiegt werden kann. Häufige und endlos lange Ladezeiten runden dann das technische Gesamtpaket ab. The Amazing Spider-Man 2 kann mit dieser Leistung auf keiner Konsole überzeugen.
Wo bleibt denn bitte das Spider-Man Noir Spiel?
The Amazing Spider-Man 2 ist ein Produkt, erschaffen mit dem Ziel, unter dem geringst möglichen Aufwand möglichst viel Geld einzufahren. Zyniker mögen sagen, dass dies das Ziel jeder Firma im heutigen Wirtschaftsleben ist, aber es gibt eben Erzeugnisse, an denen man merkt, dass die Entwickler Wert darauf gelegt haben, für das Geld, das sie natürlich verdienen wollen, auch einen entsprechenden Gegenwert zu präsentieren. Es gibt Entwickler, die wirklich ein gutes Spiel abliefern wollen. Hier ist nichts mehr davon zu merken. The Amazing Spider-Man 2 bietet das absolute Minimum dessen, was ein Spider-Man Spiel bieten muss, um ein paar Trailer zu füllen und mehr nicht. Nahezu alles ist schlechter als im Vorgänger, vom Kampfsystem bis zur Story, die Technik ist im Vergleich zur Konkurrenz beschämend und die vorhandenen neuen Ideen sind bereits im Konzept furchtbar und dazu katastrophal umgesetzt. Nahezu nichts im Spiel verdient das Wort Spaß. Nach einigen erfreulichen Ausnahmen in den letzten Jahren repräsentiert The Amazing Spider-Man 2 endgültig die Rückkehr der seelenlosen Lizenzgurken. Das einzig Positive, das ich über das Spiel sagen kann, ist dass es nicht das schlechteste Spider-Man Spiel der letzten Jahre ist. Diese Messlatte hat Beenox mit Edge of Time selbst so tief angelegt, dass man ohne Vorsatz und selbst dann nur unter größten Bemühungen da kaum drunter kommen kann.
Dein Onkel ist tot. Drücke x zum Trauern!
Das Spiel beginnt mit Peter Parkers prägendstem Moment. Ein Dieb rennt an ihm vorbei und obwohl er ihn problemlos stoppen könnte, lässt er ihn mit einem achselzuckenden „Nicht mein Problem“ passieren. Minuten später trifft selbiger Dieb auf Peters Onkel Ben und tötet diesen. Dieser Moment führt zu Spider-Mans Arbeitseinstellung und dem geflügelten Wort „With great power comes great responsibility“.
Hätte ich eine Spoilerwarnung geben sollen? Kommt schon Leute, die Story ist 200 Jahre alt, jeder kennt sie. Natürlich wurde sie noch nie so lieblos dahin geklatscht wie im Tutorial in The Amazing Spider-Man 2 (merke: Laufen könnt ihr mit dem linken Stick! Wow!!).
Die restliche Story startet dann einige Jahre später. Ich habe den Film noch nicht gesehen, aber anscheinend kommt Electro darin vor, wenn auch etwas farbiger als in den Comics, aber das Catwoman eine blonde, weiße Frau ist, hat 2004 ja auch niemanden gestört. Zugegebenermaßen war das am Ende sicherlich das geringste Problem des Streifens und ja auch dieser Film ist mittlerweile eine Dekade alt. Und falls der Leser sich noch nicht alt genug fühlt, die Herr der Ringe Trilogie endete mit dem letzten Film vor elf Jahren.
Nehmen Sie 6 Schurken, erhalten Sie einen gratis!
Ich weiß also nicht, wie viel der Film mit dem Spiel zu tun hat. Ich weiß nur, dass die Story im Spiel ein Sammelsurium unzusammenhängender Ereignisse und bekannter Antagonisten der Comics ist. Ich weiß nicht, wie oft ich noch Aufeinandertreffen mit Black Cat in Museen oder Banken ertragen kann. Kraven konnte ich noch nie ertragen und ich habe auch nie verstanden, warum der mit übermenschlichen Kräften ausgestattete Spider-Man den Menschen Kraven, trotz all seiner „Kräuter“, nicht in der Mitte durchbricht und nach Russland zurück schickt. Tante May hat einen kurzen Auftritt, J. J. Jameson kommt so gut wie gar nicht vor, von Gwen oder Mary Jane ist kein Haar zu erblicken. Stattdessen reicht das Spiel vom KingPin über den Shocker bis zu einem völlig verheizten Carnage wahllos bekannte Gesichter rein, nur um einen „Villain-Trailer“ erstellen zu können. Ein Dialogsystem lässt euch Fragen an bestimmte Charaktere stellen ohne jeden Einfluss auf irgendwas. Ihr könnt entscheiden, in welcher Reihenfolge in die drei Fragen stellt, bevor ihr das Gespräch mit der nicht optionale Frage, aber das war es auch schon. Ohne Story und ohne Spannungsbogen wundert es auch nicht, dass das Spiel im Nirvana endet.
Wenn ihr nicht gerade in der Rolle als Peter Parker durch die Gegend wandert, könnt ihr als Spider-Man wie gewohnt Manhattan unsicher (oder sicher) machen. Die Karte bietet Storymissionen, die üblichen Nebenmissionen, Unterschlüpfe von Russen, die in stillgelegten U-Bahnschächten Protoypen von Militäranzügen bewachen (ja, nehmt es einfach so hin) und 300 Comicbuchseiten zum Sammeln.
Ein Dieb! Ein Dieb! Haltet den, der den Dieb nicht gestoppt hat!
Ein neues System misst die Verbrechensrate in Manhattan. Macht viele Nebenmissionen, helft der Polizei, Schusswechsel zu beenden, stoppt Einbrüche oder Verfolgungsjadten, rettet Menschen aus brennenden Häusern und Spider-Man wird als Held angesehen, symbolisiert durch eine Leiste über der Übersichtskarte. Missachtet diese Nebenmissionen und Spider-Man wird als Unruhestifter angesehen, mit der Folge, dass die Spezialeinheit von Wilson Fisk (der KingPin) und Harry Oscorb (der Kobold) es nun auf Spider-Man abgesehen hat. Nochmal: Spider-Man soll die Verbrechensrate in der Stadt unten halten. Tut er dies nicht, jagt die Einheit, die sich um die Verbrecher kümmern sollte, nun einen Mann, der es nicht geschafft hat, die Verbrechensrate unten zu halten, obwohl dies technisch gesehen gar nicht seine Aufgabe ist, anstatt nun ihrerseits sich um die eigentlichen Verbrecher zu kümmern. Sowohl Spider-Man und die Spezialeinheit sind jetzt also miteinander beschäftigt während die Verbrechensrate in Manhattan ins Unermessliche steigt. Ja, es macht alles ganz viel Sinn.
Im Spiel funktioniert das so, dass ihr pro aufpoppender Mission nur eine bestimmte Zeit habt, sie zu beenden. Ansonsten gilt das Verbrechen als passiert und Spider-Man als derjenige, der es nicht verhindert hat. Um diese Liste auszubalancieren, müsst ihr also wieder und wieder dieselben drei (lass es von mir aus auch vier sein) Missionen bestreiten. Das allein wäre schon nervig, aber ungefähr ab der Hälfte nimmt die Anzahl dieser Nebenmissionen so dermaßen zu, dass man mit dem Aufräumen nicht mehr nachkommt. Während man grad eine Mission löst, laufen drei weitere gerade ab. Man geht also praktisch einen Schritt vor und drei zurück. Obwohl man gerade drei Menschen aus einem Flammenmeer gerettet hat, gilt man als Störer, weil in der Zwischenzeit drei Autos aufgebrochen wurden. Mit der Folge, dass einen die Spezialeinheit auf Schritt und Tritt verfolgt während man eigentlich auf der Suche nach einem Serienmörder ist. Eine miese Idee, ganz schlecht umgesetzt. Nebenbei wäre ich nach inFamous und diesem Titel dafür, jede Form von Nebenmissionen komplett abzuschaffen. Klar, man hätte in einer offenen Welt gerne etwas zu tun, aber gerade im Falle von Spider-Man hat man es in zehn Jahren nicht geschafft, abseits der Story irgend etwas Ansprechendes auf die Beine zu stellen. Wenn es nicht zu mehr reicht als denselben 08/15 Standardmissionen, dann lasst es ein für allemal bleiben. Aufhören ist keine Schande.
Knapp daneben...
Beim Vorgänger hatten sich noch viele beschwert, dass Spider-Man wieder mal mit seinen Fäden in der Luft hing beim Schwingen. Ich gehöre nicht dazu. Haben dieselben Leute in jedem Film jede Szene analysiert, ob die Fäden dort wohl korrekt hängen? In jedem Comic, auf jeder Seite? Wenn es zur Entscheidung zwischen Gameplay und Realismus kommt, dann scheiß den größten Haufen auf Realismus. Spider-Man soll nun physikalisch korrekt an Gebäuden schwingen, wobei jeder Trigger nun einen von Spider-Mans Armen steuert. Klingt in der Theorie gut, führt in der Praxis aber dazu, dass man in luftigen Höhen oftmals nur Richtung Grund fällt, erst kurz vor dem Boden überhaupt wieder einen Griff bekommt und dann mit dem Gesicht voran am nächsten Hochhaus landet. Es mag nun etwas realistischer sein, aber ich konnte im Vorgänger viel besser und freier schwingen. Und wie gesagt, wenn ich wählen muss, nehme ich jederzeit Gameplay über Realität.
Habt ihr euch irgendwohin geschwungen, gibt es meist Ärger. Spider-Man erwehrt sich diesem genauso wie Batman, nur halt deutlich schlechter. Im Nahkampf stehen euch zur Verfügung: Eine Taste zum Angreifen, eine zum Kontern/Ausweichen und eure Fäden. Die Sprungtaste zum Überspringen der Gegner scheint weg rationalisiert zu sein. Im Vorgänger gab es noch einige Finishingmoves, wenn Spider-Man den Combozähler hoch genug geschraubt hatte, hier scheinen diese Moves eher vom Zufall abzuhängen. Die in Web of Shadows eingeführten Webslings und Webpulls, bei denen Spider-Man entweder die Gegner zu sich zieht oder sich zum Gegner, sind vorhanden, aber kaum wirksam. Wie schlecht das Kampfsystem ist, merkt man in den Herausforderungen, anwählbar im Arcadeautomaten in Stan Lees Comicbuchladen (fragt nicht!). Auf engen Raum werdet ihr umzingelt von einem Dutzend Gegner mit Schusswaffen, Baseballschlägern, Granaten und später den Koboldglidern. Hier fällt auf wie sonst nirgends, dass es Spider-Man im Gegensatz zu Batman nicht nur an Präzision, sondern vor allem an Optionen fehlt. Batman hat eine Vielzahl an Moves und Gadgets zur Verfügung, um Gegner auszuschalten, Waffen zu zerstören oder sich einfach etwas Luft zu verschaffen. Es ist unendlich frustrierend zu erleben, wie Spider-Man von allen Seiten bearbeitet wird und er im Grunde keine andere Wehrmöglichkeit als simple Schläge ins Gesicht gepaart mit wildem Hin- und Hergerolle, um den Kugeln auszuweichen. Nehmt hierzu einen Gegnertyp, der nur mit Spider-Mans neuen Schockwellen zu besiegen ist, die eine Sekunde brauchen, bis sie aufgeladen sind und ihr habt das perfekte Rezept für Frustration. Spider-Mans Gesundheit regeneriert sich zudem nicht mehr automatisch. Stattdessen müsst ihr hierzu mehrere Sekunden das Steuerkreuz nach unten halten. Es erhöht den Schwierigkeitsgrad nur unmerklich, nervt dafür umso mehr, da es jedes Mal wertvolle Sekunden kostet und das ohnehin schon zähe Spiel noch weiter in die Länge zieht.
Wieso nimmt Spider-Man keine Schusswaffe mit? Sein Onkel wurde doch nicht erscho... oh. Ok...
Stealth ist kaum besser. Die Anzeige für Spider-Mans Reichweite fehlt, der doppelte Takedown aus dem Vorgänger ist der Schere zum Opfer gefallen ebenso wie der Web-Retreat Button, der Spider-Man bei Problemen aus der Gefahrenzone befördert hat. Das Problem der Kamera und der Übersicht in diesen Missionen ist immer noch nicht gelöst und sorgt zusammen mit der undurchsichtigen Künstlichen Intelligenz, immer schön in der Mitte zwischen Wahrsager und komatös mit Stealth wie er fast unspielbar ist. Zum Glück gibt es nur wenige Moment im Spiel, in denen Stealth erzwungen ist, ansonsten ist die direkte Konfrontation fast immer eine Option (und oft die schnellere).
Die Upgrades wurden leicht verändert und weiter verwässert. Durch aufgesammelte Was-auch-immer-Magie könnt ihr einige Bereiche verbessern, wie die Reichweite des Spider-Sinnes oder die Stärke von Spider-Mans Schockwellen. Erfahrungspunkte hingegen werten euren jeweils getragenen Anzug auf. Die freigespielten Anzüge lassen sich in Peters Zimmer im Haus seiner Tante wechseln, wobei jeder Anzug andere Boni gibt. Einen erheblichen Unterschied im eigentlichen Spiel merkt man allerdings nicht.
3 mal spaßfrei ergibt:
Da die Hauptelemente des Spiels (Schwingen, Kampf und Stealth) kaum Spaß bringen, wundert es auch nicht, dass die Hauptmissionen nicht viel retten, da ihr hier eigentlich nur von Ort zu Ort schwingt und dort entweder kämpft oder versucht, leise zu sein und dann kämpft. In manchen Szenen spielt ihr zunächst als Peter Parker, wobei das Wort spielen leicht übertrieben ist. Bis auf Laufen und gelegentliche Fotos schießen verfügt Peter nicht über viele Fertigkeiten. Auch die Bossgegner sind so uninspiriert wie selten zuvor. Simple Konter-Prügel Taktiken reichen oftmals aus und wenn etwas mehr gefordert wird, zeigt das Spiel sofort die entsprechenden Tasten an, sodass selbst hier kaum mehr als bessere QuickTimeEvents geboten werden. Mit 14 kurzen Missionen ist das Hauptspiel zudem recht dünn und kann locker an zwei Nachmittagen beendet werden. Interessante Missionen, Schauplätze, Aufgaben oder Gegner präsentiert das Spiel nie.
Die getestete Version war die PS4 Fassung, aber wenn jemand gesagt hätte, es wäre die PS3 Fassung, hätte ich geantwortet: „Dafür sieht es aber nicht besonders gut aus.“ Blockige Autos und Raucheffekte, sichtbares Aliasing, PopUps und DrawIns, schwache Texturen und Lighting sprechen eine deutliche Sprache. Bloß nicht zu viel Aufwand betreiben, könnte ja den Gewinn schmälern. Animationen der Gesichter sind ein Schlag in dasselbige, insbesondere nach inFamous, ebenfalls ein Superhero-Openworld Spiel. Okay, der Vergleich Exklusivtitel gegen Crossgen-Release ist nicht ganz fair, aber zumindest einen Hauch von Mühe könnte man sich geben. Wenigstens ist die Framerate stabil, aber die gezeigten Bilder bleiben insgesamt überaus schwach.
Neben dem generischen Soundtrack und gelegentlichem Hupkonzert der Straße nervt das durch die Bank schlechte Voiceacting, Spider-Man selbst zum Großteil ausgenommen. Diverse kleinere Glitches, die hier und da einen Neustart erfordern, weil ein Gegner in der Wand festhängt und nicht besiegt werden kann. Häufige und endlos lange Ladezeiten runden dann das technische Gesamtpaket ab. The Amazing Spider-Man 2 kann mit dieser Leistung auf keiner Konsole überzeugen.
Wo bleibt denn bitte das Spider-Man Noir Spiel?
The Amazing Spider-Man 2 ist ein Produkt, erschaffen mit dem Ziel, unter dem geringst möglichen Aufwand möglichst viel Geld einzufahren. Zyniker mögen sagen, dass dies das Ziel jeder Firma im heutigen Wirtschaftsleben ist, aber es gibt eben Erzeugnisse, an denen man merkt, dass die Entwickler Wert darauf gelegt haben, für das Geld, das sie natürlich verdienen wollen, auch einen entsprechenden Gegenwert zu präsentieren. Es gibt Entwickler, die wirklich ein gutes Spiel abliefern wollen. Hier ist nichts mehr davon zu merken. The Amazing Spider-Man 2 bietet das absolute Minimum dessen, was ein Spider-Man Spiel bieten muss, um ein paar Trailer zu füllen und mehr nicht. Nahezu alles ist schlechter als im Vorgänger, vom Kampfsystem bis zur Story, die Technik ist im Vergleich zur Konkurrenz beschämend und die vorhandenen neuen Ideen sind bereits im Konzept furchtbar und dazu katastrophal umgesetzt. Nahezu nichts im Spiel verdient das Wort Spaß. Nach einigen erfreulichen Ausnahmen in den letzten Jahren repräsentiert The Amazing Spider-Man 2 endgültig die Rückkehr der seelenlosen Lizenzgurken. Das einzig Positive, das ich über das Spiel sagen kann, ist dass es nicht das schlechteste Spider-Man Spiel der letzten Jahre ist. Diese Messlatte hat Beenox mit Edge of Time selbst so tief angelegt, dass man ohne Vorsatz und selbst dann nur unter größten Bemühungen da kaum drunter kommen kann.
