Sag über Sony, was du willst, aber kaum einer dürfte der Ansicht, dass die PS4 zwingend neue ExklusivTitel gebraucht hätte. *bitte Kaz Hirai Meme einfügen*
Gorilla an die Front!
Gesagt getan und zusätzlich zum bisherigen LineUp liefern sie Horizon Zero Dawn, ein Titel, der spätestens seit der Vorstellung der Pro für Aufsehen gesorgt hatte. Weiteres Material folgte, wie immer halt und es sah brilliant aus... wie immer halt. Die Frage war nur, ob Guerilla, bekannt für Killzone und sonst eigentlich eher nichts, hier einen Grafikblender ablieferte oder tatsächlich ein Spiel. Sony-Fans sind hier durchaus vorgeschädigt (The Order). Zwar wird es langsam albern, Anfang März vom dritten oder vierten Game of the Year Kandidaten zu sprechen, aber was auch immer am Ende des Jahres kommt, es müsste schon ein Mörderjahr werden, wenn Horizon bei der Diskussion am Jahresende nicht mehrfach erwähnt werden müsste.
Tatort Erde, Uhrzeit sehr sehr spät. Denkt euch die Apokalypse und dann noch einige hundert Jahre weiter! Der Untergang der Zivilisation ist so weit her, dass die Menschheit fast ohne Erinnerung an unsere heutige Zeit wieder in primitiven Stämmen leben, in Hütten wohnen, Tierfelle tragen, mit Speer und Bogen jagen und für jeden Furz zu den Göttern beten. In dieser Neu-Steinzeit beherrschen teilweise gigantische Maschinen das Land, optisch angelehnt an Krokodile, Schildkröten, Panther und gottverdammte Tyrannosaurus Rex (Tyranno... sauri?). Wo dieser Maschinen herkommen, ist zunächst unklar. Hier liegt eine der größten Stärken der Story. Nicht nur, dass sie die Herkunft der Maschinen, die auf den ersten Blick wirken wie die erste Idee eines sechsjährigen auf die Frage, was cool wäre, plausibel und nachvollziehbar (und offen gesagt mit einer gehörigen Portion Gänsehaut) erklären kann, allein dass sie es versucht, ist schon phänomenal.
Wie, alle drei Akte in einem Spiel? Das ist so 80er.
Nun ist es eher traurig, wenn die Tatsache, dass eine Geschichte vollständig erzählt wird, so positiv hervor gehoben werden muss, aber in einer Welt von Deus Ex Mankind Divided und Hitman oder Final Fantasy XV ist eine runde, in sich abgeschlossene Geschichte in AAA Titeln mehr Ausnahme als Regel. Die umfangreiche Story verbindet die primitiven Völker und Sagengeschichten mit einer gehörigen Portion Endzeitfeeling und ScienceFiction ohne dass dabei ein Element fehlplatziert wirkte.
Zu den besseren Parts der Story gehören auch die Charaktere, allen voran Protagonistin Aloy. Eine junge Frau, die von der Rolle der Ausgesetzten, die von einem Stiefvater groß gezogen wird, erst zu einem vollwertigen Mitglied des Norastammes und sodann zur Seeker (Sucherin?) und letztlich zur Auserwählten wird, eine Entwicklung, die klischeebeladen und kitschig klingt, aber erstens dramaturgisch gut und nachvollziehbar durch die Geschichte hergeleitet wird und zweitens auf Grund der hierdurch ersichtlich Naivität der die Welt bevölkernden Stämme auf sichtliche Ablehnung durch Aloy stößt.
Legierung der Nora????
Auch wenn es sich um ein RPG mit Dialogbäumen und Anwortoptionen handelt, gibt es leider kaum Szenen, in denen Aloy wirklich die Gestaltung über das absolute Mindestmaß hinaus beeinflussen könnte. Ich will hier keine TellTale oder Quantic Dream Level von Beeinflussbarkeit (die ohnehin meist gelogen und vorgetäuscht ist), aber dass in einem RPG, wenn auch RPG light, so gar nichts geht, enttäuscht minimal.
Aloy ist ein starker Charakter, vielleicht insgesamt etwas zu stark. Sie ist schlau, schnell, stark, perfekt mit Speer, Bogen und Schlinge, kann rennen, springen, klettern, ist versiert mit Technik und wortgewandt. Vielleicht wären ein, zwei Fehler mehr gut gewesen, um sie etwas menschlicher zu machen. Zu oft bleibt unklar, warum Aloy das schafft, was hunderte ausgebildeter und trainierter Soldaten nicht vollbringen. Sie besitzt seit ihrer Kindheit ein Gerät, welches sie Focus nennt, welches ihr erlaubt, die Welt zu analysieren (sprich Detective Vision!). Dies allein kann aber nur einen winzigen Teil erklären. Der Umgang mit sämtlichen Waffen und die Bezwingung der größten Roboter hat letztlich wenig mit dem Focus zu tun.
Die weiteren Charaktere halten sich ebenfalls gut. Erend gehört zu meinen Favouriten ebenso wie die mysteriöse Figur des Sylens, genial vertont von Lance Reddick (The Wire, Fringe, Quantum Black, ich meine Break). Zwar erreicht das Niveau nie das von The Witcher 3, aber das Gebotene führt mit Bravour eine neue, faszinierende Welt ein, in der wir (hoffentlich) in den nächsten Jahren öfter eintauchen werden.
Far Witcher
Strukturell ist Horizon ein OpenWorld Third Person Action Spiel mit starken RolePlaying Elementen. Ihr steuert Aloy durch eine große, abwechslungsreiche Welt voller Ruinen, Wüsten, Dörfer, Höhlen, etc. Aufgaben sind unterteilt in Mainquest, Sidequest, Errands (weniger storylastige Missionen), Huntingtrials und Tutorials. Zudem gibt es spezielle Cauldrons (Brutstätten) zu erobern (ähnlich den Gräbern in Tomb Raider), Tallnecks zu erklimmen (bewegliche Türme, die die Weltkarte freischalten bzw. den Nebel auf der Karte entfernen), Banditenlager zu leeren und bestimmte Zonen mit korrumpierten (ist das die korrekte Übersetzung?) Maschinen zu leeren.
Während einige Aufgaben eher in Richtung OpenWorld Grind tendieren, sind die meisten Missionen lohnenswert und gut inszeniert. Selbst die repetitiven Aufgaben sind nicht so schlimm, weil der Entwickler das macht, was in der Industrie verpönt ist. Er respektiert die Zeit des Spielers. Es gibt Banditenlager, aber nur fünf im ganzen Spiel. Die Tallnecks gibt es in gleicher Anzahl.
Zu den Hauptmissionen ist zu sagen, dass letztlich das einzig wirkliche Highlight fehlt. Nicht falsch verstehen, die Missionen sind gut und machen viel Spaß, aber das geniale Skripting eines Uncharted 4 gibt es hier nicht. Dafür rennt man natürlich in der freien Natur unvermittelt in Gegner, die in anderen Spiele Endbosse dargestellt hätten. Man kann wohl einfach nicht alles haben. Seid jedoch versichert, es handelt sich hier um Meckern auf höchstem Niveau.
Besser haben als brauchen
Nebenbei gilt es, allerlei Zeugs zu sammeln und hier erfährt das Game seine größte Ähnlichkeiten zur Far Cry Serie und insbesondere zu Far Cry Primal (welches mir übrigens sehr gut gefallen hat). Nahezu alles muss Aloy selber herstellen (craften) und hierzu muss sie jeden Stein, Stock, Grashalm und Wassertropfen einsammeln, den sie findet. Gesundheit wird durch aufgesammelten und in einer gesonderten Leiste gespeicherten Blume aufgefüllt, Pfeile werden durch Holz und Metallscherben, die zerstörte Roboter hinterlassen und gleichzeitig als Währung dienen, hergestellt und Aloys Taschen können durch Tierfelle vergrößert werden. Wem diese Sammel- und Jägerorgie schon in Far Cry zu viel war, der könnte sich eventuell hieran etwas stoßen. Ich muss selber einräumen, dass mir dieser Aspekt nicht unbedingt am besten gefallen hat, insbesondere auch weil das Inventar eigentlich durchgängig zu klein ist.
Wow und ich dachte, in Resident Evil stehen meine Chancen schlecht.
Das Kampfsystem ist dagegen das größte Gameplayhighlight. Ausgestattet mit Pfeil und Bogen (Bögen eher) gegen gigantische, haushohe Roboter mit Gatlingguns und Laserwaffen? David und Goliath war ja ausgeglichen dagegen. Hier kommen Taktik und die Elemente ins Spiel. Alle Roboter haben bestimmte Komponenten, Stärken und Schwächen. Selbst auf normal gilt, dieses zu analysieren und sich entsprechend vorzubereiten. Die Glinthawks beispielsweise sind anfällig gegen Feuer. Daher kann Aloy ihre Feuerpfeile ziehen, von denen sie mit dem entsprechenden Upgrade bis zu drei gleichzeitig verschießen kann und die Vögel schnell in den Brenn Status versetzen, was sie schwächt und alle paar Sekunden Schaden verursacht (damage over time). Anders der Stormbird, der vor allem gegen Schock-Schaden immun ist. Hier könnte man den Ropecaster nutzen und den Vogel mit Drahtseilen am Boden festpinnen. Upgrademodifikatoren können die Eigenschaften eurer Waffen noch verstärken. Ist eine Maschine gegen Eis empfindlich, kann man bis zu drei Modifikatoren in die Waffe einsetzen und so den Eiseffekt um 120% steigern. Aber Vorsicht, das Entfernen und Neuverteilen dieser wertvollen Verstärker ist nur möglich, wenn Aloy im Upgradebaum die Fähigkeit Tinker gelernt hat, ansonsten zerstört jedes Entfernen den jeweiligen Gegenstand.
Neben den Elementen ist das auch das taktische Anvisieren und Zerstören von Komponenten wichtig, insbesondere bei größeren Maschinen. Bestimmte Waffen und Pfeile richten geringen oder gar keinen direkten Schaden, sondern sind nur dafür gebaut, gezielt Teile der Maschinen zu zerstören (Tear-Damage). Der Stalker nervt mit seinem Predator-Stealth Modus? Schießt ihm den Generator ab und er bleibt sichtbar. Der Rockdigger erwischt euch jedes Mal, wenn er aus der Erde hervor schießt? Schießt ihm die Klauen weg und er kann nicht mehr graben. Auch habt ihr häufig die Wahl. Schießt ihr den Feuerkanister vom Rücken der Maschine ab, mit der Folge, dass ihr ihn anschließend aufheben und zum Craften nutzen könnt oder setzt ihr ihn in Brand, was eine gigantische Explosion zur Folge hat, die alles im Umkreis heftigst beschädigt?
Bei all diesen Optionen ist der Tripcaster mit seinen Elemtalfallen noch unerwähnt, ebenso wie die Schleudern, die Bomben verteilen und grad gegen kleinere, aber zahlreiche Gegner wirkungsvoll sind. Die Optionenvielfalt ist phänomenal und macht die Kämpfe so spannend wie abwechslungsreich. Nach fast 50 Stunden Spielzeit lege ich das Spiel immer noch, nur um hier und da noch einen T-Rex oder Stormbird zu erlegen. Selten hat man so ein gutes, ausbalanciertes Gameplay erlebt. Kämpfen in Horizon ist spannend, actionreich, interessant, abwechslungsreich und jedes Mal ein eigenes Erlebnis. Je nachdem, welche Maschinen in welcher Anzahl und Form angreifen, sollte die Taktik eine völlig andere sein (auch wenn Feuerpfeile selten ihre Wirkung verfehlen). Die superben Animationen der Maschinen wird dabei nur noch durch deren Sound übertroffen, der die Bestien grausam gefährlich anmuten lässt.
Wie lang haben die Biester wohl Garantie?
Wort der Warnung, auf dem default Setting ist das Spiel zwar fordernd, aber spätestens ab einem gewissen Level bzw. Ausrüstungsgrad wird man relativ sicher als Sieger aus den meisten Gefechten hervor gehen. Lediglich einige Bosse bieten etwas mehr Herausforderung, aber auch da kann ich mich nicht an eigenes Ableben erinnern. Wer wirklich gefordert werden will, kann die Schwierigkeitsgrade etwas höher schalten. Soweit ersichtlich handelt es sich aber nur Zahlenschieberei (Schaden, Gesundheit etc.).
Stealth ist ebenfalls möglich. Im hohen Gras ist Aloy fast unsichtbar und kann Maschinen mit dem Speer entweder schweren Schaden zufügen oder sie überschreiben (quasi hacken) und somit für ihre Zwecke nutzen. Je mehr Brutstätten Aloy macht, desto mehr Maschinen kann sich hacken.
Neben neuen Waffen kann Aloy auch neue Kostüme bzw. Outfits erwerben, die mit besseren Statistiken werben, aber leider nahezu alle ziemlich dämlich aussehen. Dies ist freilich Geschmackssache, aber die meisten kommen mit ziemlich schräg aussehendem Kopfschmuck, den man nicht abnehmen kann. Wenn man schon keine weitere Einstellung vornehmen kann, wieso kann man nicht wenigstens die Darstellung des Kopfschutzes deaktivieren? Viele RPGs bieten diese Option an.
Technisch braucht man wenig zu sagen. Horizon gehört zu den Spielen, bei denen man sich fragt, wie diese Pracht auf Konsolen überhaupt möglich ist. Seien es die Animationen der Maschinen, die Vegetation, Aloys Haare oder die Lichteffekte bei Wetterumschwung, das Bild sprengt alle Vorstellungen. Lediglich die Gesichter mancher Charaktere und die Lippensynchronisation fallen etwas ab. Zudem ist Aloy ein recht glitchiger Charakter, mehr als einmal hing ich verzweifelt irgendwo in der Umgebung fest. Der aktuelle Patch soll sich dem angenommen haben. Ladezeiten sind beim FastTravel teils sehr lang, allerdings wohl nötig. Das manuelle Ansteuern eines Ziels am anderen Ende der Karte kann ohne Weiteres eine Stunde und länger dauern, vor allem, da man immer Gefahr läuft, in eine Horde gefährlicher Maschinen zu geraten.
Der Sound ist wie bereits angesprochen fast noch besser. Wenn die Animationen des angreifenden Roboterdinosauriers das Herz nicht zum Stehen bleiben bringt, dann macht es der Sound. Ashly Burch (Tiny Tina und Chloe aus Life is strange) liefert vielleicht ihre beste Karriereleistung ab und der angesprochene Lance Reddick wertet mit seiner genialen Stimme fast alles auf, was seinen Namen trägt.
Was bleibt zu bemäkeln? Gegen Ende war das Sammeln von Zeugs doch ein wenig grindy. Und ja, Aloy sollte vielleicht einfach mal fünf Minuten die Klappe halten und die Bilder für sich sprechen lassen. Nicht nur, dass sie alles kommentieren muss, was ihr vor die Nase kommt, teilweise wiederholt sie sogar ganz klare Erklärungen des Spiels zu Geschehnissen in Zusammenfassung für die, die fünf Minuten zu spät gekommen sind.
Gut geklaut und dann besser selber gemacht
Horizon Zero Dawn mangelnde Originalität vorzuwerfen, wäre sicherlich unfair. Allein das Design der verschiedenen Kampfmaschinen ist genial und der Kontrast zwischen diesen Hightech-Monstern und dem primitiven Werkzeug, welches euch zu Verfügung steht, um sie zu bekämpfen, beschert Horizon ein absolutes Alleinstellungsmerkmal.
Aber natürlich, rein strukturell sind die Anleihen an verschiedenste AAA Titel der Industrie nicht zu übersehen. Allen voran Far Cry, aber auch The Witcher 3, Mass Effect, The Last of Us, Enslaved, evtl. etwas ReCore sind im Spiel enthalten. Durch einen wesentlich sparsameren Einsatz vieler Elemente bekannter OpenWorld Spiele und die Implementierung eigener Ideen, starker Charaktere und natürlich der beeindruckenden Welt hat Guerilla ein eigenes Erlebnis kreiert, das sich nicht vor der Konkurrenz verstecken muss, ganz im Gegenteil. Aloy hat das Zeug, zu Sonys neuem Aushängeschild zu werden und Horizon könnte die nächste große Spielserie werden nachdem Uncharted letztes Jahr spektakulär in Rente geschickt worden ist.
Sollte es ein Sequel geben? Die Story benötigt kaum eines (mit Ausnahme eines unschönen Köders nach den Credits) und der Überraschungseffekt wird beim Sequel nicht mehr greifen. Andererseits ist Horizon nicht perfekt. Glitches, zu viel Looting und einige eher unaufregende Quests gefährden Geralts Thron im Endergebnis zu keinem Zeitpunkt wirklich.
Bedenkt man jedoch die Historie des Entwicklers und sieht sich den Erstversuch an, so mag nur noch träumen, was die Damen und Herren aus Holland (den Niederlanden? Wo ist der Unterschied?) auf die Beine stellen könnten, wenn sie die wenigen Fehler aus Horizon ausmerzen.
Normalerweise mag ich zu lange Games nicht. Dass ich hier nach fast 50 Stunden immer noch das Bedürfnis habe, Maschinen zu jagen und auseinander zu nehmen, spricht einfach nur dafür, dass Guerilla hier wirklich etwas Nachhaltiges geschaffen haben. Dass das Game bombig aussieht, war bekannt. Dass das Gameplay kompetent werden würde, damit war beim Entwickler zu rechnen. Dass aber auch das Umfeld, die Welt und die Story auf höchstem Niveau agieren würden, damit hätte der größte Optimist kaum rechnen dürfen.
Danke an Guerilla, danke an Sony, dafür, dass wir uns auch noch über Titel ohne Zahl im Titel freuen dürfen (ok, es hat technisch gesehen eine Zahl im Titel, aber ihr wisst alle, was gemeint war, also Ruhe!). Die größte Frage dürfte sein, was das Jahr noch bringt, wenn Sony Anfang März die Messlatte bereits so hoch ansetzt. Nicht auszudenken, wenn noch Red Read Redemption 2 dieses Jahr käme. Diese geballte Spielequalität würde das Gleichgewicht des Universums so auseinander hebeln, dass unsere Welt der von Aloy gleich käme. Wenn es so kommen sollte: Ich erhebe Anspruch auf die Höhle Nr. 7 und die Feuerpfeile. Unterschlupf gibt es nur gegen Liebesdienste und Finger weg von meinem Bogen! Bis dahin, kauft dieses Meisterwerk! Wehe, in zwei Monaten lese ich was von enttäuschenden Verkaufszahlen, dann mach ich euch alle dafür verantwortlich!
Gorilla an die Front!
Gesagt getan und zusätzlich zum bisherigen LineUp liefern sie Horizon Zero Dawn, ein Titel, der spätestens seit der Vorstellung der Pro für Aufsehen gesorgt hatte. Weiteres Material folgte, wie immer halt und es sah brilliant aus... wie immer halt. Die Frage war nur, ob Guerilla, bekannt für Killzone und sonst eigentlich eher nichts, hier einen Grafikblender ablieferte oder tatsächlich ein Spiel. Sony-Fans sind hier durchaus vorgeschädigt (The Order). Zwar wird es langsam albern, Anfang März vom dritten oder vierten Game of the Year Kandidaten zu sprechen, aber was auch immer am Ende des Jahres kommt, es müsste schon ein Mörderjahr werden, wenn Horizon bei der Diskussion am Jahresende nicht mehrfach erwähnt werden müsste.
Tatort Erde, Uhrzeit sehr sehr spät. Denkt euch die Apokalypse und dann noch einige hundert Jahre weiter! Der Untergang der Zivilisation ist so weit her, dass die Menschheit fast ohne Erinnerung an unsere heutige Zeit wieder in primitiven Stämmen leben, in Hütten wohnen, Tierfelle tragen, mit Speer und Bogen jagen und für jeden Furz zu den Göttern beten. In dieser Neu-Steinzeit beherrschen teilweise gigantische Maschinen das Land, optisch angelehnt an Krokodile, Schildkröten, Panther und gottverdammte Tyrannosaurus Rex (Tyranno... sauri?). Wo dieser Maschinen herkommen, ist zunächst unklar. Hier liegt eine der größten Stärken der Story. Nicht nur, dass sie die Herkunft der Maschinen, die auf den ersten Blick wirken wie die erste Idee eines sechsjährigen auf die Frage, was cool wäre, plausibel und nachvollziehbar (und offen gesagt mit einer gehörigen Portion Gänsehaut) erklären kann, allein dass sie es versucht, ist schon phänomenal.
Wie, alle drei Akte in einem Spiel? Das ist so 80er.
Nun ist es eher traurig, wenn die Tatsache, dass eine Geschichte vollständig erzählt wird, so positiv hervor gehoben werden muss, aber in einer Welt von Deus Ex Mankind Divided und Hitman oder Final Fantasy XV ist eine runde, in sich abgeschlossene Geschichte in AAA Titeln mehr Ausnahme als Regel. Die umfangreiche Story verbindet die primitiven Völker und Sagengeschichten mit einer gehörigen Portion Endzeitfeeling und ScienceFiction ohne dass dabei ein Element fehlplatziert wirkte.
Zu den besseren Parts der Story gehören auch die Charaktere, allen voran Protagonistin Aloy. Eine junge Frau, die von der Rolle der Ausgesetzten, die von einem Stiefvater groß gezogen wird, erst zu einem vollwertigen Mitglied des Norastammes und sodann zur Seeker (Sucherin?) und letztlich zur Auserwählten wird, eine Entwicklung, die klischeebeladen und kitschig klingt, aber erstens dramaturgisch gut und nachvollziehbar durch die Geschichte hergeleitet wird und zweitens auf Grund der hierdurch ersichtlich Naivität der die Welt bevölkernden Stämme auf sichtliche Ablehnung durch Aloy stößt.
Legierung der Nora????
Auch wenn es sich um ein RPG mit Dialogbäumen und Anwortoptionen handelt, gibt es leider kaum Szenen, in denen Aloy wirklich die Gestaltung über das absolute Mindestmaß hinaus beeinflussen könnte. Ich will hier keine TellTale oder Quantic Dream Level von Beeinflussbarkeit (die ohnehin meist gelogen und vorgetäuscht ist), aber dass in einem RPG, wenn auch RPG light, so gar nichts geht, enttäuscht minimal.
Aloy ist ein starker Charakter, vielleicht insgesamt etwas zu stark. Sie ist schlau, schnell, stark, perfekt mit Speer, Bogen und Schlinge, kann rennen, springen, klettern, ist versiert mit Technik und wortgewandt. Vielleicht wären ein, zwei Fehler mehr gut gewesen, um sie etwas menschlicher zu machen. Zu oft bleibt unklar, warum Aloy das schafft, was hunderte ausgebildeter und trainierter Soldaten nicht vollbringen. Sie besitzt seit ihrer Kindheit ein Gerät, welches sie Focus nennt, welches ihr erlaubt, die Welt zu analysieren (sprich Detective Vision!). Dies allein kann aber nur einen winzigen Teil erklären. Der Umgang mit sämtlichen Waffen und die Bezwingung der größten Roboter hat letztlich wenig mit dem Focus zu tun.
Die weiteren Charaktere halten sich ebenfalls gut. Erend gehört zu meinen Favouriten ebenso wie die mysteriöse Figur des Sylens, genial vertont von Lance Reddick (The Wire, Fringe, Quantum Black, ich meine Break). Zwar erreicht das Niveau nie das von The Witcher 3, aber das Gebotene führt mit Bravour eine neue, faszinierende Welt ein, in der wir (hoffentlich) in den nächsten Jahren öfter eintauchen werden.
Far Witcher
Strukturell ist Horizon ein OpenWorld Third Person Action Spiel mit starken RolePlaying Elementen. Ihr steuert Aloy durch eine große, abwechslungsreiche Welt voller Ruinen, Wüsten, Dörfer, Höhlen, etc. Aufgaben sind unterteilt in Mainquest, Sidequest, Errands (weniger storylastige Missionen), Huntingtrials und Tutorials. Zudem gibt es spezielle Cauldrons (Brutstätten) zu erobern (ähnlich den Gräbern in Tomb Raider), Tallnecks zu erklimmen (bewegliche Türme, die die Weltkarte freischalten bzw. den Nebel auf der Karte entfernen), Banditenlager zu leeren und bestimmte Zonen mit korrumpierten (ist das die korrekte Übersetzung?) Maschinen zu leeren.
Während einige Aufgaben eher in Richtung OpenWorld Grind tendieren, sind die meisten Missionen lohnenswert und gut inszeniert. Selbst die repetitiven Aufgaben sind nicht so schlimm, weil der Entwickler das macht, was in der Industrie verpönt ist. Er respektiert die Zeit des Spielers. Es gibt Banditenlager, aber nur fünf im ganzen Spiel. Die Tallnecks gibt es in gleicher Anzahl.
Zu den Hauptmissionen ist zu sagen, dass letztlich das einzig wirkliche Highlight fehlt. Nicht falsch verstehen, die Missionen sind gut und machen viel Spaß, aber das geniale Skripting eines Uncharted 4 gibt es hier nicht. Dafür rennt man natürlich in der freien Natur unvermittelt in Gegner, die in anderen Spiele Endbosse dargestellt hätten. Man kann wohl einfach nicht alles haben. Seid jedoch versichert, es handelt sich hier um Meckern auf höchstem Niveau.
Besser haben als brauchen
Nebenbei gilt es, allerlei Zeugs zu sammeln und hier erfährt das Game seine größte Ähnlichkeiten zur Far Cry Serie und insbesondere zu Far Cry Primal (welches mir übrigens sehr gut gefallen hat). Nahezu alles muss Aloy selber herstellen (craften) und hierzu muss sie jeden Stein, Stock, Grashalm und Wassertropfen einsammeln, den sie findet. Gesundheit wird durch aufgesammelten und in einer gesonderten Leiste gespeicherten Blume aufgefüllt, Pfeile werden durch Holz und Metallscherben, die zerstörte Roboter hinterlassen und gleichzeitig als Währung dienen, hergestellt und Aloys Taschen können durch Tierfelle vergrößert werden. Wem diese Sammel- und Jägerorgie schon in Far Cry zu viel war, der könnte sich eventuell hieran etwas stoßen. Ich muss selber einräumen, dass mir dieser Aspekt nicht unbedingt am besten gefallen hat, insbesondere auch weil das Inventar eigentlich durchgängig zu klein ist.
Wow und ich dachte, in Resident Evil stehen meine Chancen schlecht.
Das Kampfsystem ist dagegen das größte Gameplayhighlight. Ausgestattet mit Pfeil und Bogen (Bögen eher) gegen gigantische, haushohe Roboter mit Gatlingguns und Laserwaffen? David und Goliath war ja ausgeglichen dagegen. Hier kommen Taktik und die Elemente ins Spiel. Alle Roboter haben bestimmte Komponenten, Stärken und Schwächen. Selbst auf normal gilt, dieses zu analysieren und sich entsprechend vorzubereiten. Die Glinthawks beispielsweise sind anfällig gegen Feuer. Daher kann Aloy ihre Feuerpfeile ziehen, von denen sie mit dem entsprechenden Upgrade bis zu drei gleichzeitig verschießen kann und die Vögel schnell in den Brenn Status versetzen, was sie schwächt und alle paar Sekunden Schaden verursacht (damage over time). Anders der Stormbird, der vor allem gegen Schock-Schaden immun ist. Hier könnte man den Ropecaster nutzen und den Vogel mit Drahtseilen am Boden festpinnen. Upgrademodifikatoren können die Eigenschaften eurer Waffen noch verstärken. Ist eine Maschine gegen Eis empfindlich, kann man bis zu drei Modifikatoren in die Waffe einsetzen und so den Eiseffekt um 120% steigern. Aber Vorsicht, das Entfernen und Neuverteilen dieser wertvollen Verstärker ist nur möglich, wenn Aloy im Upgradebaum die Fähigkeit Tinker gelernt hat, ansonsten zerstört jedes Entfernen den jeweiligen Gegenstand.
Neben den Elementen ist das auch das taktische Anvisieren und Zerstören von Komponenten wichtig, insbesondere bei größeren Maschinen. Bestimmte Waffen und Pfeile richten geringen oder gar keinen direkten Schaden, sondern sind nur dafür gebaut, gezielt Teile der Maschinen zu zerstören (Tear-Damage). Der Stalker nervt mit seinem Predator-Stealth Modus? Schießt ihm den Generator ab und er bleibt sichtbar. Der Rockdigger erwischt euch jedes Mal, wenn er aus der Erde hervor schießt? Schießt ihm die Klauen weg und er kann nicht mehr graben. Auch habt ihr häufig die Wahl. Schießt ihr den Feuerkanister vom Rücken der Maschine ab, mit der Folge, dass ihr ihn anschließend aufheben und zum Craften nutzen könnt oder setzt ihr ihn in Brand, was eine gigantische Explosion zur Folge hat, die alles im Umkreis heftigst beschädigt?
Bei all diesen Optionen ist der Tripcaster mit seinen Elemtalfallen noch unerwähnt, ebenso wie die Schleudern, die Bomben verteilen und grad gegen kleinere, aber zahlreiche Gegner wirkungsvoll sind. Die Optionenvielfalt ist phänomenal und macht die Kämpfe so spannend wie abwechslungsreich. Nach fast 50 Stunden Spielzeit lege ich das Spiel immer noch, nur um hier und da noch einen T-Rex oder Stormbird zu erlegen. Selten hat man so ein gutes, ausbalanciertes Gameplay erlebt. Kämpfen in Horizon ist spannend, actionreich, interessant, abwechslungsreich und jedes Mal ein eigenes Erlebnis. Je nachdem, welche Maschinen in welcher Anzahl und Form angreifen, sollte die Taktik eine völlig andere sein (auch wenn Feuerpfeile selten ihre Wirkung verfehlen). Die superben Animationen der Maschinen wird dabei nur noch durch deren Sound übertroffen, der die Bestien grausam gefährlich anmuten lässt.
Wie lang haben die Biester wohl Garantie?
Wort der Warnung, auf dem default Setting ist das Spiel zwar fordernd, aber spätestens ab einem gewissen Level bzw. Ausrüstungsgrad wird man relativ sicher als Sieger aus den meisten Gefechten hervor gehen. Lediglich einige Bosse bieten etwas mehr Herausforderung, aber auch da kann ich mich nicht an eigenes Ableben erinnern. Wer wirklich gefordert werden will, kann die Schwierigkeitsgrade etwas höher schalten. Soweit ersichtlich handelt es sich aber nur Zahlenschieberei (Schaden, Gesundheit etc.).
Stealth ist ebenfalls möglich. Im hohen Gras ist Aloy fast unsichtbar und kann Maschinen mit dem Speer entweder schweren Schaden zufügen oder sie überschreiben (quasi hacken) und somit für ihre Zwecke nutzen. Je mehr Brutstätten Aloy macht, desto mehr Maschinen kann sich hacken.
Neben neuen Waffen kann Aloy auch neue Kostüme bzw. Outfits erwerben, die mit besseren Statistiken werben, aber leider nahezu alle ziemlich dämlich aussehen. Dies ist freilich Geschmackssache, aber die meisten kommen mit ziemlich schräg aussehendem Kopfschmuck, den man nicht abnehmen kann. Wenn man schon keine weitere Einstellung vornehmen kann, wieso kann man nicht wenigstens die Darstellung des Kopfschutzes deaktivieren? Viele RPGs bieten diese Option an.
Technisch braucht man wenig zu sagen. Horizon gehört zu den Spielen, bei denen man sich fragt, wie diese Pracht auf Konsolen überhaupt möglich ist. Seien es die Animationen der Maschinen, die Vegetation, Aloys Haare oder die Lichteffekte bei Wetterumschwung, das Bild sprengt alle Vorstellungen. Lediglich die Gesichter mancher Charaktere und die Lippensynchronisation fallen etwas ab. Zudem ist Aloy ein recht glitchiger Charakter, mehr als einmal hing ich verzweifelt irgendwo in der Umgebung fest. Der aktuelle Patch soll sich dem angenommen haben. Ladezeiten sind beim FastTravel teils sehr lang, allerdings wohl nötig. Das manuelle Ansteuern eines Ziels am anderen Ende der Karte kann ohne Weiteres eine Stunde und länger dauern, vor allem, da man immer Gefahr läuft, in eine Horde gefährlicher Maschinen zu geraten.
Der Sound ist wie bereits angesprochen fast noch besser. Wenn die Animationen des angreifenden Roboterdinosauriers das Herz nicht zum Stehen bleiben bringt, dann macht es der Sound. Ashly Burch (Tiny Tina und Chloe aus Life is strange) liefert vielleicht ihre beste Karriereleistung ab und der angesprochene Lance Reddick wertet mit seiner genialen Stimme fast alles auf, was seinen Namen trägt.
Was bleibt zu bemäkeln? Gegen Ende war das Sammeln von Zeugs doch ein wenig grindy. Und ja, Aloy sollte vielleicht einfach mal fünf Minuten die Klappe halten und die Bilder für sich sprechen lassen. Nicht nur, dass sie alles kommentieren muss, was ihr vor die Nase kommt, teilweise wiederholt sie sogar ganz klare Erklärungen des Spiels zu Geschehnissen in Zusammenfassung für die, die fünf Minuten zu spät gekommen sind.
Gut geklaut und dann besser selber gemacht
Horizon Zero Dawn mangelnde Originalität vorzuwerfen, wäre sicherlich unfair. Allein das Design der verschiedenen Kampfmaschinen ist genial und der Kontrast zwischen diesen Hightech-Monstern und dem primitiven Werkzeug, welches euch zu Verfügung steht, um sie zu bekämpfen, beschert Horizon ein absolutes Alleinstellungsmerkmal.
Aber natürlich, rein strukturell sind die Anleihen an verschiedenste AAA Titel der Industrie nicht zu übersehen. Allen voran Far Cry, aber auch The Witcher 3, Mass Effect, The Last of Us, Enslaved, evtl. etwas ReCore sind im Spiel enthalten. Durch einen wesentlich sparsameren Einsatz vieler Elemente bekannter OpenWorld Spiele und die Implementierung eigener Ideen, starker Charaktere und natürlich der beeindruckenden Welt hat Guerilla ein eigenes Erlebnis kreiert, das sich nicht vor der Konkurrenz verstecken muss, ganz im Gegenteil. Aloy hat das Zeug, zu Sonys neuem Aushängeschild zu werden und Horizon könnte die nächste große Spielserie werden nachdem Uncharted letztes Jahr spektakulär in Rente geschickt worden ist.
Sollte es ein Sequel geben? Die Story benötigt kaum eines (mit Ausnahme eines unschönen Köders nach den Credits) und der Überraschungseffekt wird beim Sequel nicht mehr greifen. Andererseits ist Horizon nicht perfekt. Glitches, zu viel Looting und einige eher unaufregende Quests gefährden Geralts Thron im Endergebnis zu keinem Zeitpunkt wirklich.
Bedenkt man jedoch die Historie des Entwicklers und sieht sich den Erstversuch an, so mag nur noch träumen, was die Damen und Herren aus Holland (den Niederlanden? Wo ist der Unterschied?) auf die Beine stellen könnten, wenn sie die wenigen Fehler aus Horizon ausmerzen.
Normalerweise mag ich zu lange Games nicht. Dass ich hier nach fast 50 Stunden immer noch das Bedürfnis habe, Maschinen zu jagen und auseinander zu nehmen, spricht einfach nur dafür, dass Guerilla hier wirklich etwas Nachhaltiges geschaffen haben. Dass das Game bombig aussieht, war bekannt. Dass das Gameplay kompetent werden würde, damit war beim Entwickler zu rechnen. Dass aber auch das Umfeld, die Welt und die Story auf höchstem Niveau agieren würden, damit hätte der größte Optimist kaum rechnen dürfen.
Danke an Guerilla, danke an Sony, dafür, dass wir uns auch noch über Titel ohne Zahl im Titel freuen dürfen (ok, es hat technisch gesehen eine Zahl im Titel, aber ihr wisst alle, was gemeint war, also Ruhe!). Die größte Frage dürfte sein, was das Jahr noch bringt, wenn Sony Anfang März die Messlatte bereits so hoch ansetzt. Nicht auszudenken, wenn noch Red Read Redemption 2 dieses Jahr käme. Diese geballte Spielequalität würde das Gleichgewicht des Universums so auseinander hebeln, dass unsere Welt der von Aloy gleich käme. Wenn es so kommen sollte: Ich erhebe Anspruch auf die Höhle Nr. 7 und die Feuerpfeile. Unterschlupf gibt es nur gegen Liebesdienste und Finger weg von meinem Bogen! Bis dahin, kauft dieses Meisterwerk! Wehe, in zwei Monaten lese ich was von enttäuschenden Verkaufszahlen, dann mach ich euch alle dafür verantwortlich!
ABER PC first, muss erst Fallout durchzocken. 