einige, die es gebrauchen könnten werden es vermutlich hier nicht mehr mitbekommen, ich will es aber auch nicht stumpf plakativ zusätzlich im boulevard-thread posten.
imo ein sehr kluger und sehr bemerkenswerter kommentar, der uns zu denken geben sollte. uns allen, egal ob konservativ-rechts oder links-orientiert. hass, gewalt, ausgrenzung kann nicht die lösung sein für probleme die imo nicht so groß sind, wie sie gemacht werden. noch leben wir in freiheit und demokratie. wir sollten alles dafür tun, dass es auch so bleibt. falls sich menschen wie jetzt in chemnitz politisch durchsetzen wird das vermutlich nicht so bleiben. wohin so etwas führt haben wir in den 30er jahren des vergangenen jahrhunderts gesehen.
https://www.zeit.de/gesellschaft/2018-08/rechtsruck-gesellschaft-rechte-hetze
Ich finde die Formulierung der Zeit
Dies alles geschieht in Zeiten von Hochkonjunktur, steigenden Steuereinnahmen, quasi Vollbeschäftigung und exzessivem Konsum. Man möchte fast Abbitte leisten für das routinierte Bashing jener Menschen, die 1930 und 1932 die NSDAP gewählt haben. Da herrschte nämlich Weltwirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit, und einen Holocaust hatte es auch noch nicht gegeben. Die klassische Frage "Wie konnten sie nur?" ist heute im Präsens zu stellen. Viel beunruhigender muss man fragen: Was treibt Menschen, denen es sehr gut geht, zu Hass und Gewalt ausgerechnet gegen alle, denen es schlechter geht?
sehr unglücklich bis voll daneben, und das kann durchaus neuen Hass schüren, weil man es als "abgehoben" interpretieren kann.
Der Masse geht es eben nicht "gut". Wie definiere ich gut? Vom Sprichwort "Meine Kinder sollen es mal besser haben als ich" ausgehend sieht man mit den ganzen wirtschaftlichen Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte, dass es eben nicht so sein wird, und das erstmals seit Generationen. "Es geht mir gut" bedeutet doch im Prinzip, dass jeder Mensch in sozialer, gesellschaftlicher und finanzieller Sicherheit leben möchte.
Letzteres ist schon lange nicht mehr der Fall. Trotz (statistisch geschönter) Vollbeschäftigung, trotz Mindestlohn. Normale Arbeitnehmer (das kann vom Hausmeister bis zum Akademiker reichen) zahlen sich insbesondere an der Miete und steigenden Lebenshaltungskosten kaputt und leben dazu in der ständigen latenten Angst, wie schnell sie abstürzen können, wenn der Job mal weg ist oder nicht mehr ausgeübt werden kann. Sie nehmen Zweitjobs an, um sich etwas leisten zu können oder um über die Runden zu kommen, denn man soll ja bitte auch privat vorsorgen.
Und als Dankeschön kriegen sie im Rentenalter dann noch zumeist eine lächerliche Pension hingeklatscht, die vorne und hinten nicht reicht. Kann man ja mit Pfandflaschensammeln aufbessern.
Hinzu kommen die Verschlechterung des Gesundheitssystems, Kinderarmut etc.
Diese Situationen werden u. a. durch die "Vergreisung" der Gesellschaft öfter von der Öffentlichkeit wahrgenommen, sind für jeden sichtbar. Die Leute, auch und gerade die einfacher gestrickten Leute, merken doch, dass durch steigende Lebenshaltungskosten ihr Leben nicht mehr so "gut" ist wie früher.
Hinzu kommen "zeitgeschichtliche Ereignisse", die immer wieder aufzeigen, dass Eliten scheinbar tun und lassen können, was sie wollen, und trotzdem "ungeschoren" davonkommen. Siehe Dieselgate.
Diese Entwicklungen wurden durch keine Mietpreisbremse, keinen Mindestlohn und keinen engagierten Staatsapparat aufgehalten. Und die etablierten Parteien schau(t)en zu, klopften sich jahr(zehnt)elang auf die Schulter und sagen sich immer noch: "Haben wir doch alles richtig gemacht!" Nein, Scheiße gebaut haben sie. Weil man den wenigen, die schon sehr viel haben, ihre Gier befriedigt hat, sie noch viel reicher gemacht hat. Das "spüren" nun auch die einfachen Leute, dieses Gefühl ist in ihnen inzwischen fest verankert.
Der fatale Rückschluss derer, die tatsächlich keine Neonazis sind, aber "trotzdem" AfD wählen und deren Gedankengut teilen, ist, dass sie sich instrumentalisieren lassen, diese drastischen gesellschaftlichen Fehlentwicklungen nicht der herrschenden und besitzenden Elite anzulasten, sondern den Flüchtlingen.
Das hätten die bürgerlichen Parteien aber in den letzten zwei, drei Jahrzehnten verhindern können, wenn sie entsprechend früh gegengesteuert hätten. Mehr staatlicher, kommunaler Wohnungsbau für alle Menschen als mietpreisbremsendes Korrektiv (und nicht nur Sozialwohnungen für Leute mit Wohn-Berechtigungs-Schein), Verhinderung der Einführung des Niedriglohnsektors durch Rot-Grün, Verbot von Hedgefonds, bestimmten Spekulationsgeschäften, Einführung einer Finanztransaktionssteuer, die Schließung von Steuerschlupflöchern für reiche Privatpersonen und Konzerne (Double Irish, Cayman Island, Liechtenstein, Schweiz usw.). Die Wiedereinführung der Vermögenssteuer und eine höhere Erbschaftsbesteuerung für die großen Jungs.
Damit hätte man eine staatliche Infrastruktur schaffen/aufrecht erhalten können, die genug Wohlstand für alle geboten hätte. Dann hätte es eine AfD nie gegeben. Einen bestimmten Prozentsatz unverbesserlicher Hardcore-Rassisten hat jede Gesellschaft und hält auch jede Gesellschaft aus, weil die Rassisten bei "guten" gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eh keinen großen Zulauf bekommen.
Jetzt hat man diese AfD-Scheiße an der Backe, die sich angesichts ihrer "getarnt" rassistischen und exzessiv neoliberalen Ansichten in viel zu hohen Prozentzahlen in die Landtage und den Bundestag eingenistet hat. Weil "das Volk" keinen Bock mehr hat auf das politische Establishment. Weil "das Volk" Zweit- und Drittjobs annehmen muss, obowhl doch alles so wirtschaftlich rosig hier ist.
Die große Gefahr jetzt ist, dass diejenigen, die die AfD als Mitläufer, Protestwähler oder mangels besseren Wissens gewählt haben und wählen, nicht weiter zunehmen dürfen, sonst hat man die Hardliner in der Gesellschaft und irgendwann in den Parlamenten etabliert. Und dann sehe ich die Zeiten wiederkommen, in denen man Andersaussehende, Homosexuelle, Andersdenkende wieder durch die Straßen jagt. Viel fehlt nicht mehr. Weil die Politik in den letzten Jahrzehnten versagt, sich komplett dem Diktat der freien Wirtschaft unterworfen hat!
Den Vergleich mit "Den Menschen ging es 1930 und 1932 aber schlechter, wie können dann die Leute heute nur AfD wählen?" lasse ich als Argument nicht gelten, denn:
- erstens haben die Leute heute nicht den Vergleich zu damals mangels eigener Erfahrung,
- zweitens ist diese Argumentation eine Endlosspirale, die man wie weit drehen will? "Ja, beschwer dich nicht, du arbeitsloser hungernder Armer von 1930, denn die Sklaven aus dem letzten Jahrhundert in den USA, die hatten es noch viel, viel schlechter als du!"
- drittens es das Bestreben der Menschheit bzw. einer Gesellschaft sein sollte, mit jeder Generation bessere Bedingungen für jedes Mitglied der Gesellschaft zu schaffen. Beispielsweise wären wir seit ein paar Jahrzehnten erstmals in der Menschheitsgeschichte in der Lage, jeden Menschen auf der Erde ausreichend ernähren zu können, aber es passiert nicht.
- viertens die Definition von "Mir geht es gut" umfängliche Sorgenfreiheit bedingt (einzelne Attribute hierzu am Anfang dieses Beitrags). Gerade in einer "westlichen Demokratie der Ersten Welt" sollte so etwas heutzutage ohne Wenn und Aber eigentlich gegeben sein.