Laut BAMF zeigen die Erfahrungen aus den Anhörungen, dass die Gründe, warum Geflüchtete ohne Papiere kommen, vielfältig sind. Genannt wird beispielsweise, dass die Betreffenden schon im Herkunftsland keine Papiere hatten.
Wolfgang Kaschuba, Direktor des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung bestätigt: Nur ganz wenige Prozent der Asylsuchenden würden ihre Papiere verstecken oder wegwerfen. Vielmehr gebe es in zahlreichen Ländern - anders als in Deutschland - keine Pflicht, jederzeit einen Ausweis bei sich zu tragen.
Wolfgang Kaschuba, Direktor des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung:
"Die meisten Gesellschaften und Staaten in der Welt haben keine Ausweispflicht. Das heißt, viele Leute bringen ihren Alltag ohne Ausweis zu. Und wenn dann die Situation der Flucht eintritt, die ja oft nicht geplant ist, dann haben sie eben keinen Ausweis bei sich."
Sabine Hess, Professorin für Kulturanthropologie an der Uni Göttingen, erzählt, wie beschwerlich es in Krisenstaaten sein kann, überhaupt Papiere zu bekommen:
"Wenn wir uns solche Krisenstaaten anschauen wie Kongo, Somalia, Sudan oder auch Syrien, wo die ganze Infrastruktur über Jahrzehnte des Krieges zusammengebrochen ist, dann muss man sich vorstellen, was eine Familie machen soll, die in einer ländlichen Region lebt und zunehmend unter Druck gerät und dann, gerade unter Bürgerkriegszuständen, soll sie in die Hauptstadt fahren und soll sich einen Ausweis und Geburtsurkunden machen lassen. All diese Vorstellungen haben nicht mit den realen Vorstellungen von Fluchtgeschehen zu tun."
Ein weiterer Grund für das Fehlen von Papieren ist laut BAMF und Bundespolizei, dass Schleuser die Papiere einbehalten. Die versorgen Flüchtlinge zunächst mit meist gefälschten Ausweisen - welche laut Stephan Dünnwald vom Bayerischen Flüchtlingsrat für die Flüchtlinge aber auch eine Gefahr darstellen können:
"Wenn sie sich mit diesen Papieren hier blicken lassen würden, würden sie auch noch der Dokumentenfälschung und so weiter angeklagt. Also schmeißen sie diese Papiere weg, beziehungsweise manchmal behalten die Schlepper diese Papiere auch ein, nehmen die wieder mit und benutzen sie für den nächsten Transport."
Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer von Pro Asyl, verweist auf die Genfer Flüchtlingskonvention, laut der die Situation, dass Flüchtlinge falsche Papiere benutzen müssen, "flüchtlingstypisch" sei. Das wiederum sei nicht neu, so Mesovic:
"Das ist ein Thema auch schon des 20. Jahrhunderts gewesen. Auch die Verfolgten des Nazi-Regimes haben in der Regel sowohl Schleusungswege gebraucht um rauszukommen, als auch sich falsche Pässe, falsche Dokumente, Lebensläufe besorgen müssen."
Und so räumt auch Günter Krings, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium auf Anfrage der Linken schriftlich ein: Es werde nicht abschließend aufgeklärt, warum Asylbewerber mit gefälschten Papieren kämen; in Betracht komme auch die "Ermöglichung der Ausreise aus dem Herkunftsland aufgrund einer Verfolgung."
Das BAMF nennt schließlich noch einen Grund, warum jemand ohne Papiere kommt: der "Verlust von Dokumenten in Folge von Diebstahl, Verlieren, Liegenlassen."