Okay, hier mal mein Endspiel-Review:
Revolution im Sozialismus
Wie war das eigentlich damals, die Sache mit der Wende? Als 17jähriger Westberliner habe auch ich natürlich meine Erinnerungen an den 9. November 1989 und die Zeit danach. Recht schnell schaute man aber wieder in die Zukunft, die nun völlig offen war. Die aufzuarbeitende Vergangenheit habe ich ehrlich gesagt nie als die meine empfunden und mein schulischer und beruflicher Werdegang führte mich schnell mit Gleichaltrigen aus dem Ostbezirken der Stadt zusammen, sodass auch dieser Umgang recht schnell normal wurde. Bestimmt hat man sich auch mal darüber unterhalten, wie das dann so war, in der DDR. Aber das beschränkte sich oft nur auf recht private Details aus der jeweiligen Froschperspektive. Wie und warum es zu dieser Revolution kam, wer dafür die Weichen legte und wie das SED-Regime immer mehr die Kontrolle über das Volk verlor, das es jahrzehntelang unterdrückte, das wusste ich bisher nicht genau und um ehrlich zu sein, es erschien mir bisher auch nicht sonderlich interessant. Irgendwie ist das ganze marode System halt zusammengebrochen und Gorbatschow war wohl auch nicht ganz unbeteiligt gewesen, so hätte ich bestimmt geantwortet, wenn man mich gefragt hätte.
Anlässlich des 20jährigen Jubliäums des Falls der Mauer, hörte ich neulich einen interssanten Beitrag meiner Lieblings-Podcastserie aus der Reihe "Radiowissen" des SendersBayern2. Darin kam der Berliner Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk mehrmals zu Wort. Seine äussert prägnaten und klar urteilenden Sätze, wie z.B. zur fehlerhaft geplanten Reisefreiheit, die dann zur Öffnung der Grenzen führte, weckten mein Interesse:
"Die hatten so'n bisschen darauf gehofft, dass die so reagiern wie immer so, die jeh'n nächsten Tag zu den Meldestellen, stell'n sich doof und brav an und sagen sie wollen jetzt mal'n Stempel, um in' Westen fahr'n zu können, und so. Und denn ham'se ditt unter Kontrolle und dann können sie jewissermassen so kontrolliert den Kessel öffnen, kritisches Potential ablassen und anschliessend sollte alles wieder dichtgemacht werden. Das war der eigentliche Plan. "
Nach diesem Podcast wollte ich es dann schon genauer wissen und ich besorgte mir Kowalczuks Buch "Endspiel", in dem er auf fast 550 Seiten den Niedergang der DDR beschreibt. Für 24,95 Euro muß ne alte Frau zwar lange Stricken, aber das war's mir wert gewesen, auch im Nachhinein.
Im ersten und längsten Kapitel schildert der Autor ausführlich über 300 Seiten, die gesellschaftliche, ökonomische und kulturelle Situation in der DDR der 80iger und wie bestimmte Krisen und Skandale den Nährboden bildeten, die am Ende des Jahrzehnts die Massen auf die Straße trieben. Einerseits berichtet er davon, wie die DDR-Menschen (das Wort "Bürger" meidet er, bis die Menschen auf die Straße gehen, um für ihre Bürgerrechte zu kämpfen) in fast allen entscheidenden Lebensituation vom Staat gegängelt und bevormundet werden. Mürrische Beamte, vor denen man sich meist fürchtete, ein Schulsystem, das den Kommunismus quasi als wissenschaftlich bewiesene Lehre über alles andere stellte und eine Mangelwirtschaft, die vielleicht nicht so lückenhaft war, wie sie subjektiv erschien, die aber doch frustrierte und die Menschen unter Stress setzte, gehörten zum Alltag der Unzufriedenen in der DDR.
Darüber hinaus erklärt Kowalczuk, wie sich die SED (und nicht etwa das MfS) wie eine politische Sekte über das ganze Land ausbreitete und Denunziantentum, Misstrauen und politische Denk-Vorschriften auf diese Weise verbreitete. Über dieses gigantische Netzwerk an Parteimitgliedern konnte die SED-Führung sehr effizient Stimmungen im Volk beeinflussen. Ausführliche Anweisungen wurden so an Führungspositionen ausgegeben, die danach in den Betrieben und Schulen agierten, entsprechend argumentierten und die so zur Unmündigkeit erzogene Bevölkerung auf den angeblich sozialistischen Weg führten. Dieses System, so Kowalkczuk, führte zu einer organisierten Kultur der Verantwortungslosigkeit.
Desweiteren schildert er, wie diverse Krisen zumindest in Teilen der Bevölkerung (die mittlerweile kollektiv ihre Abende im Westfernsehen verbrachte) für Unmut sorgten und das auch in eher systemloyaleren Kreisen. Vor allem die offensichtliche Ablehnung von Glasnost und Perestroika wurde allgemein kritisch wahrgenommen. Relativ großen Protest löste diesbezüglich das Verbot des Sputniks aus, einer aus dem russischen übersetzten Zeitschrift, die wohl dem amerikanischen Reader's Digest nachempfunden war und die sich allgemeiner Beliebtheit erfreute. Als es darin immer mehr reformistische Artikel zu lesen gab, zog das SED-Regime die Notbremse und nahm es vom Markt, was für große Empörung sorgte, die vielfach auch schriftlich geäussert wurde.
Sehr ausführlich erklärt der Autor, wie sich im Schutze der evangelischen Kirche erste oppositionelle Kräfte im Rahmen von Friedens- und Umweltzusammenschlüssen formieren und auch, wie darauf von staatlicher Seite aus reagiert wurde. Diese Kräfte schafften es immerhin, sich so weit zu organisieren und aufzubauen, das sie im Jahre 1989 zum Motor der Revolution wurden.
Als am 4. Juni 1989 China die friedlichen Demonstrationen mit Waffengewalt beendet werden, stellt sich das DDR-Regime auf zynische Art und Weise demonstrativ hinter die chinesischen Kommunisten. Die Botschaft ans Volk ist klar: Wenn auch ihr auf die Straßen geht, kann euch das gleiche passieren.
Dazu kam es allerdings nicht. Wie das DDR-Regime immer mehr in Rat- und Tatlosigkeit versinkt und dem Druck der Straße auch nicht mehr mit ihrer demagogischen Angst-Propaganda entgegensteuern kann, das schildert Kowalczuk im zweiten Kapitel sehr anschaulich und spannend. Es sind immer noch Minderheiten, die da, vor dem Regime und der schweigenden Masse, auf die Straßen in immer mehr Städten gehen. Plauen bekommt hier eine sehr wichtige, bisher historisch verkannte Rolle, weil es hier wohl zur ersten großen Massendemonstration kam, die, gemessen an der Einwohnerzahl, von der breiten Bevölkerung getragen wurde. Dies geschah allerdings nicht vor West-Kameras und blieb auch deswegen bisher weitesgehend unbekannt.
Im letzten und kürzesten Kapitel geht Kowalczuk dann noch auf die rasanten Ereignisse zwischen Mauerfall und den ersten freien Wahlen der DDR am 18. März 1990 ein, womit das tolle Buch dann leider auch endet.
Persönliches Fazit:
Ich kenne mich zwar innerhalb der DDR-Literaur nicht besonders gut aus, aber allein der Blick auf Google und amazon verraten mir, dass es massig Nostalgie, aber kaum historisch-politisch aufarbeitetende Literatur gibt, die auch für den Laien gut lesbar ist und über die Ereignisse fundiert berichtet. In der Hinsicht hat "Endspiel" eine Lücke geschlossen, die seit 20 Jahren darauf gewartet hat, gestopft zu werden.
Darüber hinaus halte ich es für einen Verdienst Kowalczuks, dass er hier nicht ein Stück vermeintlich objektiv dargestellter Geschichte abliefert, sondern an vielen Stellen urteilt und selbst auch zugibt, dass bereits in der Komposition der aufgezählten Ereignisse eine gewisse Subjektivität vorhanden ist. Er selbst war zwar in der DDR weder Oppositioneller noch Regimeanhänger, hat aber dennoch eine recht klare Meinung zur Wende. Zum einen war es für ihn eine richtige und vollwertige Revolution, was eine der Kernthesen des Buches ist, die er darin versucht zu beweisen. Zum anderen hält er Kohls schnellen Weg zu Wiedervereinigung für einen Glücksfall der Geschichte. Allein diese beiden Thesen bieten sicherlich eine Menge Reibfläche für Andersdenkende. Aber genau das macht das Buch mitunter so unterhaltsam und lesenswert.
Abschliessend bleibt mir nach der Lektüre zu sagen, dass auch wenn diese Vergangenheit nicht meine Vergangenheit ist, so empfinde ich nun doch so etwas wie Stolz und auch Respekt für die deutschen Bürger, die damals mit Rufen wie "Keine Gewalt" eine Diktatur in Deutschland friedlich in die Knie gezwungen haben. Leider habe ich dafür 20 Jahre gebraucht.
Wer sich vielleicht für den zwanzigminütigen Podcast interessiert, kann ihn sich unter dieser Adresse anhören:
http://www.podcast.de/episode/1387694/Der_Mauerfall_-_weshalb_die_DDR_1989_pl%C3%B6tzlich_unterging_-_09.11.2009
5/5