Der Versuch, einen Zusammenhang zwischen sportlichem Misserfolg und mangelnder nationaler Identifikation herzustellen, ist in der Tat höchst zweifelhaft. Ein Blick auf die Entwicklung des Fußballs in den zurückliegenden Dekaden erklärt warum.
[...]
Über ein Jahrzehnt später setzte in Deutschland ein Wertewandel ein. Infolgedessen wandelte sich auch der Sport. Gerade in
Franz Beckenbauer zeigte sich eine neue mentale Prägung. "Fußballrecken wie Fritz Walter beackerten für einen verstärkten Nationalismus dieses Feld der Ehre; ihre Tugenden waren Kampfgeist und Opfermut. Mit solchen Tugenden konnte Beckenbauer nicht aufwarten",
resümierte Helmuth Karasek 1977 im Spiegel , als der "Fußball-Kaiser" die Bundesliga in Richtung USA verließ. Das sozialromantische Ideal eines Männerbundes im Auftrag nationalen Prestigegewinns fand im Denken des Weltfußballers tatsächlich wenig Platz. "Fußball ist keine heroische Angelegenheit, sondern Arbeit und Fleiß", ließ sich Beckenbauer zitieren.
Bei der Weltmeisterschaft 1990 wurden Spieler wie Jürgen Klinsmann zu Stars, die ihrem Selbstverständnis nach Internationalisten waren. Er sehe sich mehr als "Individuum auf einem kleinen Planeten" und weniger als patriotischer Staatsbürger, bekundete Klinsmann während des Turniers. Damit sprach er stellvertretend für eine Spielergeneration, bei welcher die materialistischen Bestrebungen die ideellen längst ins zweite Glied verdrängt hatten. "Jeder spielt zuerst für sich, dann für die Mannschaft und erst dann für sein Land",
fasste Karl-Heinz Rummenigge die Prioritätenfolge zusammen . Das Mitsingen der Hymne erschien bereits damaligen Beobachtern lediglich als "gefällige Dekoration".