Da mein eigentlicher Wunschfilm, "Der Mongole" leider vergriffen war, nahm ich mir heute stattdessen "Heimatkunde" aus der Videothek mit. Ein gewisse Vorstellung davon hatte ich bereits, da ich im letzten Sommer die Kampagne des Berliner Kurier gelesen hatte, mit der dieser Film, sein Macher und seine öffentlichen-rechtlichen Geldgeber an den Sommerloch-Titelseiten-Pranger gestellt und der heimtückischen Ossi-Verscheißerei beschuldigt wurden.
Da der Macher, ein gewisser Martin Sonneborn, wohl ein (ehemaliger?) Titanic-Mitarbeiter ist, erwartete ich eher sowas wie ein Borat unter Ossis, was sich allerdings auch als Fehleinschätzung herausstellte.
Tatsächlich ist "Heimatkunde" nicht mal besonders witzig, wie es mir allein schon das geschmacklos überladene Cover suggerierte. Zumindest werden hier keine Schenkelklopfer am Fließband provoziert und allein am Lachfaktor bemessen, würde ich den Film nicht besonders hoch bewerten.
Worum geht's eigentlich?
Dieser Martin Sonneborn wandert einmal um Berlin, vorzugsweise um den alten Grenzstreifen entlang, um zu sehen, was für Leben sich mittlerweile dort entwickelt und angesiedelt hat. Zwar entfernt er sich nicht weit vom Moloch, dennoch sind es gute 220 Kilometer, die er dabei zu bewältigen hat und zwar zu Fuß.
Für jeden Berliner Zuschauer ist das allein ja schon mal die halbe Miete. Sonneborn läuft, verfolgt von einer angenehmen, dokumentarisch gehaltenen Kamera, durch die öden und spießigen Vororte Berlins, durch die die meisten Hauptstädter zumindest mal mit dem Auto gefahren sind. Dabei hält er mit Vorliebe Ausschau nach alten Relikten der DDR, lädt sich gerne mal bei den Einwohnern ein, um sie mit allerlei Fragen aus der Reserve zu locken und stellt sich dabei gerne mal ein bisschen dumm. Was er natürlich nicht ist, wenn man ganz genau hinhört.
Den ersten Bewohner des Grenzstreifens findet er gleich splitterfasernackt und sich sonnend auf einer maroden alten Brücke, die er zu überqueren versucht. Der gute Mann liegt dort nackt, weil das in seiner Kleingartenkolonie verpönnt ist und er jedoch meint, diese Art des Sonnens wäre defintiv gesünder. Warum das ist, kann er aber auch nicht so recht erklären. Es ist einfach so, darauf besteht er!
Man ahnt es schon, Herr Sonneborns konsequent ernstes und für seine "Opfer" deswegen neutrales Gesicht, läßt die, manchmal besser geheim gebliebenen, Gedanken der Menschen auf Nachfrage nur so aus sich heraussprudeln. Was sich dabei eröffnet, ja das kann man vielleicht witzig finden, für mich ist es meist einfach nur authentisch und ehrlich.
Ein bisschen peinlich wirds in solchen Momenten, wo Sonneborn den Pförtner eines Asylbewerberheims fragt, was denn dort wohl drinnen wäre. Der Pförtner antwortet ihm, das könne er ihm auch nicht sagen. Daraufhin fragt ihn Sonneborn verblüfft, ob man es ihm denn nicht gesagt hätte, was dies sei. Immerhin würde er doch hier arbeiten. Der Pförtner antwortet nicht. Schließlich fragt er ihn, was er denn glaube, um was es sich dabei handeln könnte. Keine vernünftige Antwort, auch nicht darauf, warum der Pförtner daraus so ein Geheimnis macht, als würde es sich um ein Konzentrationslager handeln.
Sonneborn findet einen Weg hinein in das Heim und trifft darin u.a. auf einen palästinensischen Insassen, der seit 1995 dort sitzt und mittlerweile schon fließend Deutsch spricht. Der arme Kerl darf weder nach Berlin rein, noch darf er zurück nach Palästina, erzählt er, obwohl er schon mehrere Anträge dafür gestellt hat. Er kriegt keine Arbeit, keine Wohnung und sitzt dort seit Jahren im Heim, guckt TV und trinkt ab und an nen Schnaps.
Doch noch lustig wirds spätestens dann, wenn Sonneborn in der Gärtnerei eines seltsamen Münchners aufschlägt, der dort vor neun Jahren hingezogen ist. Der Mann liebt scheinbar die Einsamkeit und scheint kein großer Freund der Menschen zu sein, genauso wie sein äusserst agiler Pitbull-Wachhund, wie er merkwürdig lachend erzählt. Dafür erzählt er alles seinen zigtausend Pflanzen, was aber in Wirklichkeit eher Selbstgepräche sind, wie er Sonneborn erklärt.
So und so ähnlich setzt sich der gesamte Film zusammen. Skurrile Zufallstreffer paaren sich mit markanten Reisezielen, oft Ruinen alter DDR-Gebäude, aber auch für 'nen Abstecher in die Plattenbausiedlung Marzahns ist Zeit.
Gezielte Ossi-Verarsche konnte ich nicht erkennen, im Gegenteil, es wird auch Wessis genügend Gelegenheit geboten, frei von der Leber weg ihre bekannt-charmante Kleingeistigkeit vorzutragen. Herzerfrischenden Kontrast bieten da solche Zufallstreffer, wie die chinesische Restaurantfamilie, die gerade nen Spielplatz aufbaut und sich um die Zukunft des Deutschen Rentensystems sorgt.
Mehr sollte ich an dieser Stelle nicht verraten, denn letztlich lebt der Film auch von seinen kleinen Überraschungen, so wie jedes andere Road-Movie auch. Ein Skandalfilm ist es ganz sicher nicht und totlachen wird sich dabei auch kaum jemand. Doch wenn man gerade nix anderes vor hat, kann man sich hier auf 90 unterhaltsame und kurzweilige Minuten rund um die Berliner Vorstadt-Realitäten freuen, die in 50 Jahren möglicherweise das einzige Dokument dieser zufälligen Randerscheinungen sein werden. Das Ganze von einer irgendwie merkwürdigen Type vorgetragen, deren trockene und reduzierte Art wie die Faust aufs Auge, zur ausgekundschafteten Umwelt passt.