Mal meine Gedanken zur militärischen Lage, nachdem ich nun sehr viele Quellen, Expertenmeinungen und Diskussionen dazu studiert habe (und ich bin auch selbst militärisch gebildet):
Die Lage in der Ukraine ist auch deshalb so schlimm und verfahren, weil ich derzeit keinen militärischen Ausweg sehe (heißt, ich sehe nicht, dass eine Seite zeitnah den Gesamtsieg erringen kann). Daraus folgt, dass wir uns auf einen mindestens monatelangen Krieg einstellen müssen.
Da Putin - der wohl der einzige Mensch auf diesem Planeten ist, der diesen Wahnsinn stoppen könnte - vermutlich einen Sieg nicht nur will, sondern auch braucht, wird das grausige Treiben aber weitergehen. Das ist das Bittere an der ganzen Situation.
Warum ich der Meinung bin, dass Russland militärisch unterlegen ist (noch)
In den Medien fehlt oft militärischer Sachverstand, wenn über die Lage in der Ukraine gesprochen wird. Da ruft man sich schnell die Wiki-Artikel zur ukrainischen und zur russischen Armee auf, vergleicht die Zahlen (1 Mio Russen gegen 200.000 Ukrainer) und spricht dann davon, dass die Ukrainer chancenlos seien. Das halte ich für eine fatale Fehleinschätzung, denn bei all dem Gerede von der russischen Überlegenheit wird vergessen, dass nicht die gesamte russische Armee in der Ukraine agiert, sondern "nur" bis zu 200.000 Soldaten. Und das unterstreicht nochmal mehr als deutlich, dass Putin von einem "Anschluss" oder "Prager Frühling"-Szenario ausgegangen ist, wo er in wenigen Tagen einen Regime-Change herbeiführt und dann nach Hause fahren kann, wohl wissen, dass er jetzt einen Marionettenstaat mehr im Inventar hat. Die Realität hat ihn ja mittlerweile eingeholt.
Nun ist es so, dass bestimmte militärische Gesetze nach wie vor gültig sind, zum Beispiel dieses, dass man für einen Angriff eine rund 3-5-fache zahlenmäßige Überlegenheit braucht. Denn: Der Verteidiger ist immer im Vorteil - er kann aus festen Stellungen heraus abwehren, gegen die der Angreifer verlustreich anrennen muss.
Faktisch aber stehen 200.000 Russen rund 200.000 ukrainischen Soldaten + Reserve + Milizen + eiligst einberufene Wehrpflichtige gegenüber. Die Ukrainer dürften ihre Streitkräfte rasch auf über 1 Mio Mann bringen und sukzessive weiter aufwachsen lassen.
Hinzu kommt, dass die technische Unterlegenheit in der Rolle der Verteidiger weniger von Bedeutung ist. Man braucht Panzer, moderne Flugzeuge etc. für Offensiven, aber nicht zwingend, um Stellungen und Städte zu verteidigen.
Und hier liegt ein Kernproblem für Russland: die ungebrochene Moral der Ukrainer. Wer Putin aufmerksam zuhört, weiß, dass er die Ukrainer als eine Art Russen 2. Klasse ansieht. Und daher verteidigen sich die Ukrainer auch so verbissen, weil sie nicht als Untermenschen in einem Polizeistaat enden wollen. Diese Moral sorgt dafür, dass die Ukrainer jedes Stadtviertel, jeden Straßenzug und jedes Haus verteidigen werden. Und so etwas das eintritt, wird das auch für eine moderne Armee eine äußerst blutige und verlustreiche Angelegenheit.
Beispiele dafür gibt es in der Geschichte genug, auch in der deutschen: Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs waren die deutschen Streitkräfte nahezu aller Panzer, Flugzeuge, Schiffe und Geschütze beraubt, doch verteidigten sie mitsamt alten Volkssturmmännern, Hitlerjungen, fanatischen Parteibonzen und ausgemergelten Veteranen jeden Meter Boden gegen eine zahlenmäßig und zunehmend auch technisch und taktisch überlegene Rote Armee.
Ein konkretes Beispiel: In der Schlacht um Berlin verloren die Sowjets trotz ihrer Überlegenheit mehr als 90.000 Soldaten gegen Verteidiger, die militärisch völlig unzureichend aufgestellt waren. Aber das ist genau der Punkt: Wenn die Verteidiger mit Fanatismus bis zum Letzten kämpfen und du jeden von ihnen einzeln aus seinem Schützenloch ziehen musst, wird es blutig ... sehr blutig. Auch reichen Molotow-Cocktails, Panzerfäuste und Sturmgewehre völlig aus, um einen Straßenzug zu verteidigen.
Und genau das erleben die Russen gerade. Die Amerikaner haben die russischen Verluste am 2. März auf 5.800 Gefallene geschätzt - nach 6 Tagen Krieg. Das sind fast 1.000 Tote pro Kampftag!
Wie lange will ... wie lange kann die russische Armee diesen Blutzoll noch ertragen?
Wohl sehr lange ...
Meiner Einschätzung nach gibt es nur einen Mann, der diesen Wahnsinn beenden kann: Putin. Der scheint aber kein großes Herz für seine Soldaten zu haben. Jedenfalls wird er bereit sein, weitere Männer in der Ukraine zu verheizen, denn er braucht einen Sieg - vielleicht sogar für sein eigenes politisches Überleben. Er wird also von seinen Forderungen nicht abrücken, die die Ukraine wiederum im Grunde nicht erfüllen kann. Eine völlig verfahrene Situation.
Ob der Feldzug wirklich so schlecht läuft wie kolportiert, lässt sich schwer einschätzen. Fakt ist, dass die Russen ihre technische Überlegenheit bisher kaum ausspielen. So ist die ukrainische Luftwaffe nach wie vor aktiv. Die Verluste an Material für die Russen sind erheblich und wegen des Sanktionsregimes wird Moskau noch große Probleme haben, diese zu ersetzen. Man muss aber auch sagen, dass die Geländegewinne - so weit sie sich verifizieren lassen - nicht schlecht sind, eingedenk der Tatsache, dass die Russen mit einem viel zu geringen Kräfteansatz und unter falschen Annahmen mit einem miserablen Schlachtplan angetreten sind. Die Frage ist aber auch, wie viel der eroberten Gebiete sie wirklich kontrollieren ...
Noch mal ein historischer Vergleich: Die Wehrmacht hat im Jahr 1941 mit dem Überfall auf die Sowjetunion vier Monate gebraucht, um das Gebiet der heutigen Ukraine zu erobern - sie war dabei aber ungleich schlechter motorisiert als die Russen heute. Dennoch gibt das mal eine Vorstellung von der Größe dieses Landes. Sie hat es übrigens erobert, aber nie kontrollieren können. Teils ganze Partisanenarmeen machten der Wehrmacht in allen Kriegsjahren das Leben auf ukrainischem Boden zur Hölle. Just sayin' ...
Bei dem derzeitigen Kräfteansatz und den Verlusten dürften die Russen kaum Möglichkeiten haben, das Hinterland zu überwachen, was Tür und Tor für blutige Partisanenoperationen öffnet, wofür die Ukraine bekannt ist. Und was den Russen weiteres Kopfzerbrechen bereiten wird.
Meiner Einschätzung nach wird Putin die ja vorhandene Überlegenheit seiner Armee nun einsetzen, indem er mehr und mehr Verbände an die Front kommandiert. Allerdings kann er gar nicht ein Verhältnis erreichen, das dem oben erwähnten 3:1 oder gar 5:1 auch nur nahekommen würde, ohne durch Gesetzesänderungen mehr und mehr Menschen zum Dienst an der Waffe zu verpflichten. Ich weiß nicht, ob er das wirklich tun würde, denn es wäre ein weiterer Schlag gegen die russische Bevölkerung, wenn nun vielen Haushalten Einberufungsbescheide zugestellt würden. Zudem wäre es nicht leicht zu erklären, warum Tausende Ungediente eingezogen werden für Peacekeeping in der Ukraine ...
Putin ist in einer desolaten Situation. Alle Optionen, die er hat und realistischerweise auch ziehen würde, sind schlecht für die Russen und die Ukrainer - Aufgeben und nach Hause gehen gehört natürlich nicht dazu, auch wenn das das einzig Sinnvolle wäre aus militärischer Sicht.
Meiner Einschätzung nach müsste Putin massive Ressourcen in Bewegung setzen und die Größe seines Landes in die Waagschale werfen, um die Ukrainer in einem möglicherweise mehrjährigen Krieg langsam niederzuringen. Und dann hätte er immer noch nur die Armee besiegt, das Land besetzt, aber würde noch nicht die Menschen kontrollieren.
Leider befindet sich gleichfalls die Ukraine in einer schrecklichen Lage, denn sie kann proaktiv nichts tun, um diesen Krieg zu beenden (außer auf Putins wahnsinnige Forderungen von einer Demilitarisierung einzugehen). Militärisch kann die Ukraine nicht siegen. Aber sie ist dann auch doch zu stark und zu groß, um Russland einen schnellen Sieg zu erlauben. Und so sehe ich derzeit ein militärisches Patt, das zu einem langen Krieg führen wird, wenn nichts völlig Unvorhergesehenes passiert (ein Gau in einem der AKWs, der Zusammenbruch einer ukrainischen Front oder ein erfolgreiches Attentat auf Selenskyjj)
Ich glaube nicht an ein schnelles Kriegsende. Ich glaube auch nicht an eine schnelle Niederlage der Ukrainer. Das wird noch lange weitergehen und noch sehr viel blutiger werden ...