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Der Politikthread

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@Roitherkur @Bautinho Aber dann würde ich die Menschen eher bei den Linken sehen als bei der AfD.

Wieso hat man Angst vor Ausländerkriminalität oder Vollverschleierung, wenn nichtmals Ausländer da sind? :ugly:
Gruppendynamik
Früher war man gegen Kommunisten und Ausländer (NSDAP gewählt)
Dann war man gegen den kapitalistischen Westen (SED gewählt)
Heute wählt man AfD, weil die wieder einen gemeinsamen Feind beschwören. Also wieder ein wir gegen die Welt Gefühl wird erzeugt.
Einziger Unterschied, heute sind die Wahlen frei und die Leuten wählen es also auch noch freiwillig
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:
@eape

Du bist ja zumindest örtlich dem Problem näher. Worin siehst du die Unterschiede, dass viele Ostdeutsche politisch so anders ticken?

Sind es Probleme mit Ausländerfeindlichkeit, oder andere Ängste/Sorgen? Ich meine, statt jetzt weiter zu machen und zu hoffen, dass die AfD sich von alleine auflöst, ändert nichts am Problem. Vielleicht sollte man den offenen Dialog stattdessen vorantreiben.
 
Das soll jetzt übrigens keine Polemik sein.

Ich will es wirklich verstehen. Ich höre so oft so Sätze wie "Unsere Lebensleistung wird nicht genügend gewürdigt" oder "Uns hört hier keiner zu".

Wer würdigt denn "unsere" Lebensleistung? Wer hört "uns" hier zu? Muss ich für abgehängte Regionen in den Osten fahren, oder reicht ggfls. auch die Eifel oder der Hunsrück? Nur zur Info. Ich habe 4,2Mbit zu Hause, die Strassen sind hier teils auch scheisse und in unserem Ort gibt es eine Bushaltestelle (3 Busse am Tag) und einen Briefkasten. That's it.

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen scheinen noch nicht zu 100% identisch zu sein, aber man ist auf einem sehr ähnlichen Level. Ich würde das alles verstehen, wenn im Westen 5% Arbeitslosigkeit wären und im Osten 30%. Oder meinetwegen 20%. Oder wenn die Armutsquote signifikant höher wäre. Oder wenn man 300.000 Flüchtlinge nach Brandenburg und Sachsen gekarrt hätte, um sie dort ohne externe Hilfe vergessen zu können. Oder wenn die Kriminalität signifikant höher wäre.

Aber dem ist nicht so.

Es muss also irgendetwas geben, was Menschen zu einer Partei treibt, die zu 99% mit Ausländerfeindlichkeit, nationalem Gedankengut und anderem Bullshit auftritt.

https://www.sahra-wagenknecht.de/de/article/2885.wagenknecht-sieht-die-linke-am-scheideweg.html

Ihre Einschätzung dazu. Die Linke war ja im Osten auch immer gut vertreten, gerade wegen den sozialen Themen.
 
@eape

Du bist ja zumindest örtlich dem Problem näher. Worin siehst du die Unterschiede, dass viele Ostdeutsche politisch so anders ticken?

Sind es Probleme mit Ausländerfeindlichkeit, oder andere Ängste/Sorgen? Ich meine, statt jetzt weiter zu machen und zu hoffen, dass die AfD sich von alleine auflöst, ändert nichts am Problem. Vielleicht sollte man den offenen Dialog stattdessen vorantreiben.

Ich weiß es nicht. Ich arbeite ja in Brandenburg und ich arbeite auch mit AfD-Wählern zusammen. Ich sehe das Problem beim Umfeld. Die Leute da kriegen halt wenig andere Meinungen zu hören und dann schließt man sich natürlich diesen sehr simplen Ideen an. Ich merke ja schon, dass mein bisschen Konter auf der Arbeit vieles bringt. Letztens hat ein überzeugter AfD'ler von sich gesagt, dass es auch viele Lügenberichte auf seiner Seite gibt und er selbst teilweise nicht weiß, was er jetzt glauben soll.
Warum das aber jetzt im Osten so stark ausgeprägt ist? Wahrscheinlich wirklich, weil sie so wenig Kontakt mit Ausländern/Flüchtlingen haben. Sie sehen z.B. mich oder meine türkischen/arabischen/schwarzen Kollegen als Ausnahmen.
Noch mehr fällt mir das in Polen auf, wo es einfach faktisch keine dunklen Menschen gibt, aber sie tagtäglich ein Thema sein müssen. Und alle meine schwarzen und türkischen oder arabischen Freunde und Bekannte haben sich trotzdem in Polen wohl gefühlt, weil sie immer sehr gut und respektvoll aufgenommen wurden und der Rassismus sehr oberflächlicher Natur war. Aber ohne regen kulturellen Austausch, der halt in Sachsen, Brandenburg und noch mehr in Polen blockiert wird, werden auch nicht die Barrieren des Rassismus so schnell verschwinden. Das ist leider ein sehr unschöner Teufelskreis, den ich aufgebrochen sehe, wenn moderne Medien mehr Menschen erreichen. Noch haben wir einfach zu viele alte Menschen, die zu sehr in ihrer Blase leben und das Umfeld mitprägen, während junge Menschen allein aufgrund des Internets immer einem stärkeren Austausch und somit einer Diskussion ausgesetzt sind.
 
Naja es muss ja eigentlich etwas mit der DDR-Vergangenheit zu tun haben. Das scheint für meine Begriffe der Offensichtlichste Unterschied zu sein.

Der offensichtlichste Unterschied ist in den letzten 30 Jahren zu finden. Während in der BRD die Demokratie einherging mit dem Wirtschaftswunder, war es in Ostdeutschland das genaue Gegenteil. Die Folge war massenhafte Emigration und damit greift ein soziologischer Prozess, die dagebliebene Bevölkerung wird reaktionärer. Das war eine Entwicklung über Jahrzehnte und auch wenn es vielen nun besser geht, war es prägend. Aus reaktionärer Sicht will man, das was man hat, verteidigen.
 
wenn moderne Medien mehr Menschen erreichen. Noch haben wir einfach zu viele alte Menschen, die zu sehr in ihrer Blase leben und das Umfeld mitprägen

Naja, gerade die "modernen" Medien bieten ja perfekte Möglichkeiten zur ultimativen Filterblase. Und es sind nicht die Alten, die die AfD vorantreiben, es sind die Jungen und Mittelalten. Ich sehe Beides eher als Problem, statt der Lösung.
 
bei den jungen liegt es imo daran, dass sich die rechten viel besser um sie kümmern. egal ob npd, kameradschaften oder was weiß ich. dort fühlen sie sich zu hause, bestätigt und geborgen. würden die linken oder (welch verrückte idee) die parteien der mitte ihnen diese unterstützung angedeihen lassen und ihnen zeigen, dass sie etwas wert sind, würden auch weniger in diese richtung rennen.
 
Muss man sehen. Über kurz oder lang sehe ich das Internet als Lösung. Ich glaube z.B. das das Rezo-Video viel konstruktive Auseinandersetzung hervorgebracht hat. Und das kam dann auch dort an, wo solche Informationen normalerweise nicht ankommen. Und gefangen in Filterblasen sind für mich eher die Mittelalten, so wie ich das wahrnehme, also die Generation für die das Internet quasi Facebook ist. Und die prägen natürlich die Jugend stark mit. Aber ist jetzt nur meine Beobachtung.
 
Also bei mir auf der Arbeit (10+ Lagerarbeiter, Berliner und Brandenburger, AfD-Wähler, 50% deutsche Kollegen, sonst sehr international) hat das Rezo-Video mehr Positives hervorgebracht als jede andere Diskussion. Was soll auch sonst die Menschen heutzutage erreichen?
 
Was soll auch sonst die Menschen heutzutage erreichen?

Keine Ahnung, ist aber auch zugegebenerweise nicht mein Milieu. Wenn es hilft, soll es mir recht sein, aber wenn die Rezzos dieser Welt der stärkste politische Einfluß auf die Jugend sein soll, dann wird mir etwas Anders. Die gibt es nämlich auch auf der anderen Seite und viel Anspruch braucht man dafür auch nicht.
 
Ich versuche mal, meine Erfahrungen, Erlebnisse und Interpretationen des ganzen "Ost"-Problems zu beschreiben. Ist sicher nur ein Ausschnitt, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder 100%ige Korrektheit hat, aber meine Sicht als Involvierter darstellen soll.

Zuerst: Ich bin im Osten geboren, an der Ostseeküste. Die ersten zehn Jahre meines Lebens wurde ich demnach auch im Sozialismus geprägt bzw. es wurde versucht. Kontakt zum Westen gab es maximal über Verwandtschaft von Oma und Opa, die ab und zu mal Pakete schickten. Von Ausländern bekam ich mal was mit, meistens waren es Russen, später verkauften die abfällig so genannten "Fidschis" irgendwelchen Plunder an Straßen oder Strandpromenaden. Dunkle Hauttöne sah man so gut wie nie. Das Untereinander war sehr intensiv, weil man aufeinander angewiesen war. Für viele Dinge war es einfach normal, dass man jemanden kennt, der jemanden kennt, der einem weiterhelfen konnte. Familie und Freunde sah man oft, richtigen Streit gab es eigentlich selten. Und auch die Unterschiede in Sachen Wohlstand waren relativ gering.

Trotz der "Harmonie" war man aber auch immer skeptisch gegenüber "Neuen", denn jeder konnte ja auch ein Stasi-Schnüffler sein. Auch bei den normalen Bürgern war das Bewusstsein da, dass man vorsichtig sein musste. Als Feindbild hatte man je nach Ideologie den eigenen Staat oder eben den Kapitalismus. Und natürlich auch "den Russen", der die Nahrungsmittel stahl. Ach ja und es gab natürlich auch Aussetzige, mit denen man im Alltag jeden Kontakt vermied. Penner, Assis, Knastis, was auch immer. Die sollten möglichst in ihren eigenen Häusern bleiben und bloß nicht das Stadtbild verschandeln. Hauptsache, man konnte sich "besser" fühlen als diese Gesellschaftsversager. Die Gruppe der Homogenen war aber der Großteil der Bevölkerung und aufgrund der Rahmenbedingungen wurde diese auch gezwungen, homogen zu bleiben.

Meine Eltern und ich sind dann 89 nach Hamburg gezogen, haben also alles Weitere hauptsächlich aus der Ferne beobachtet. Was ziemlich schnell passierte: Menschen wurden über Nacht in eine völlig neue Welt gestoßen und verloren recht schnell ihre Orientierung. Aus dem Westen kamen viele Geschäftsleute auf der Suche nach guten Umsätzen, darunter auch einige mit wenig Gewissen. Die eigene Wirtschaft war plötzlich wertlos, Menschen wurden entlassen und waren arbeits- und perspektivlos. Preise für Alltagsdinge funktionierten plötzlich nach Marktregeln. Neue Ängste wurden dadurch gefördert, denn Angst vor Arbeitslosigkeit oder davor, sich Miete, Essen etc. nicht leisten zu können, gab es vorher einfach nicht. Gleichzeitig brach der Zusammenhalt weg, weil die Notwendigkeit, sich auf andere verlassen zu müssen, nicht mehr so groß war. Jeder konnte an alles kommen, wenn denn Geld da war. Neid und Missgunst wurden zu Tagesordnungspunkten.

Es baute sich zudem sehr schnell eine Grenze zwischen Ossis und Wessis auf. (Btw: nicht nur im Osten, auch im Westen. Es kam nicht nur einmal vor, dass ich in der Schule wegen meiner Herkunft angegangen wurde. In der vierten Klasse, wo das Gedankengut sicherlich nicht von den Kindern erfunden wurde, sondern einfach nur von zuhause in die Schule transportiert wurde). Im Osten hatte man also das Feindbild des Besserwessis, an dem man sich hervorragend abarbeiten konnte. Nachdem zuvor der Staat Schuld war, wenn etwas nicht funktionierte, waren es jetzt eben die Wessis. Und die Ausländer natürlich auch. Nicht umsonst kam es recht schnell u.a. in Rostock Lichtenhagen zu Ausschreitungen.

Das Interessante daran war in meiner persönlichen Erfahrung: Die Abschätzigkeit gegenüber anderen war dabei völlig unabhängig vom eigenen Wohlstand und der eigenen Lebenssituation. Meine Familie blieb zum Teil im Osten, zum Teil in HH, zum Teil in NRW. Allen gemein war die Ablehnung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe. Und das waren Ausländer, egal welcher Herkunft. Und das hat sich bis heute nicht geändert. Auch in normalen Gesprächen oder auch bei Spaziergängen ergeben sich immer wieder Situationen, in denen die Geringschätzung von Andersartigkeit deutlich geäußert wird. Dabei trifft es nicht nur Menschen mit dunklerem Teint oder mit Kopftuch, sondern auch "Penner", Punks, Demonstranten etc. Sprüche wie "Die Bundesliga? Das ist keine Bundesliga, da spielen doch nur noch Ausländer und Millionäre" gehören zum Standard.

Mich bringt das zur Überzeugung, dass die Sozialisation in der DDR die entscheidende Rolle in der ganzen Sache spielt. Offenbar hat man es dort verstanden, den Menschen eine Grundabwehrhaltung gegenüber Menschen zu implementieren, die anders sind. Das gepaart mit dem Wunsch nach Zusammengehörigkeit, fehlendem Demokratieverständnis und zunehmend mangelnder Bildung, lässt Parteien wie die AfD leider insbesondere im Osten erstarken.

Was man bei der ganzen Diskussion aber nicht vergessen darf: Es ist kein reines ostdeutsches Problem, dort geht es derzeit scheinbar nur schneller als im Rest von Deutschland. Wenn man nach Italien, in die USA, nach Frankreich, nach GB schaut, kämpfen einige andere Demokratien mit ähnlichen Problemen. Und die sind z.T. ja deutlich näher am Abgrund als wir. Und überall wird damit gearbeitet, dass man zwischen "denen" und "uns" unterscheidet. Scheinbar sehnt sich ein guter Teil der westlichen Bevölkerung genau nach dieser Möglichkeit der Abgrenzung. Die wollen besser sein als andere, die aus deren Sicht nur Probleme schaffen. Die brauchen dieses Feindbild. Und können damit Probleme verdrängen, die sie im eigenen Umfeld haben oder haben werden (z.B. aufgrund von Klimawandel etc).
 
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