Ich versuche mal, meine Erfahrungen, Erlebnisse und Interpretationen des ganzen "Ost"-Problems zu beschreiben. Ist sicher nur ein Ausschnitt, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder 100%ige Korrektheit hat, aber meine Sicht als Involvierter darstellen soll.
Zuerst: Ich bin im Osten geboren, an der Ostseeküste. Die ersten zehn Jahre meines Lebens wurde ich demnach auch im Sozialismus geprägt bzw. es wurde versucht. Kontakt zum Westen gab es maximal über Verwandtschaft von Oma und Opa, die ab und zu mal Pakete schickten. Von Ausländern bekam ich mal was mit, meistens waren es Russen, später verkauften die abfällig so genannten "Fidschis" irgendwelchen Plunder an Straßen oder Strandpromenaden. Dunkle Hauttöne sah man so gut wie nie. Das Untereinander war sehr intensiv, weil man aufeinander angewiesen war. Für viele Dinge war es einfach normal, dass man jemanden kennt, der jemanden kennt, der einem weiterhelfen konnte. Familie und Freunde sah man oft, richtigen Streit gab es eigentlich selten. Und auch die Unterschiede in Sachen Wohlstand waren relativ gering.
Trotz der "Harmonie" war man aber auch immer skeptisch gegenüber "Neuen", denn jeder konnte ja auch ein Stasi-Schnüffler sein. Auch bei den normalen Bürgern war das Bewusstsein da, dass man vorsichtig sein musste. Als Feindbild hatte man je nach Ideologie den eigenen Staat oder eben den Kapitalismus. Und natürlich auch "den Russen", der die Nahrungsmittel stahl. Ach ja und es gab natürlich auch Aussetzige, mit denen man im Alltag jeden Kontakt vermied. Penner, Assis, Knastis, was auch immer. Die sollten möglichst in ihren eigenen Häusern bleiben und bloß nicht das Stadtbild verschandeln. Hauptsache, man konnte sich "besser" fühlen als diese Gesellschaftsversager. Die Gruppe der Homogenen war aber der Großteil der Bevölkerung und aufgrund der Rahmenbedingungen wurde diese auch gezwungen, homogen zu bleiben.
Meine Eltern und ich sind dann 89 nach Hamburg gezogen, haben also alles Weitere hauptsächlich aus der Ferne beobachtet. Was ziemlich schnell passierte: Menschen wurden über Nacht in eine völlig neue Welt gestoßen und verloren recht schnell ihre Orientierung. Aus dem Westen kamen viele Geschäftsleute auf der Suche nach guten Umsätzen, darunter auch einige mit wenig Gewissen. Die eigene Wirtschaft war plötzlich wertlos, Menschen wurden entlassen und waren arbeits- und perspektivlos. Preise für Alltagsdinge funktionierten plötzlich nach Marktregeln. Neue Ängste wurden dadurch gefördert, denn Angst vor Arbeitslosigkeit oder davor, sich Miete, Essen etc. nicht leisten zu können, gab es vorher einfach nicht. Gleichzeitig brach der Zusammenhalt weg, weil die Notwendigkeit, sich auf andere verlassen zu müssen, nicht mehr so groß war. Jeder konnte an alles kommen, wenn denn Geld da war. Neid und Missgunst wurden zu Tagesordnungspunkten.
Es baute sich zudem sehr schnell eine Grenze zwischen Ossis und Wessis auf. (Btw: nicht nur im Osten, auch im Westen. Es kam nicht nur einmal vor, dass ich in der Schule wegen meiner Herkunft angegangen wurde. In der vierten Klasse, wo das Gedankengut sicherlich nicht von den Kindern erfunden wurde, sondern einfach nur von zuhause in die Schule transportiert wurde). Im Osten hatte man also das Feindbild des Besserwessis, an dem man sich hervorragend abarbeiten konnte. Nachdem zuvor der Staat Schuld war, wenn etwas nicht funktionierte, waren es jetzt eben die Wessis. Und die Ausländer natürlich auch. Nicht umsonst kam es recht schnell u.a. in Rostock Lichtenhagen zu Ausschreitungen.
Das Interessante daran war in meiner persönlichen Erfahrung: Die Abschätzigkeit gegenüber anderen war dabei völlig unabhängig vom eigenen Wohlstand und der eigenen Lebenssituation. Meine Familie blieb zum Teil im Osten, zum Teil in HH, zum Teil in NRW. Allen gemein war die Ablehnung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe. Und das waren Ausländer, egal welcher Herkunft. Und das hat sich bis heute nicht geändert. Auch in normalen Gesprächen oder auch bei Spaziergängen ergeben sich immer wieder Situationen, in denen die Geringschätzung von Andersartigkeit deutlich geäußert wird. Dabei trifft es nicht nur Menschen mit dunklerem Teint oder mit Kopftuch, sondern auch "Penner", Punks, Demonstranten etc. Sprüche wie "Die Bundesliga? Das ist keine Bundesliga, da spielen doch nur noch Ausländer und Millionäre" gehören zum Standard.
Mich bringt das zur Überzeugung, dass die Sozialisation in der DDR die entscheidende Rolle in der ganzen Sache spielt. Offenbar hat man es dort verstanden, den Menschen eine Grundabwehrhaltung gegenüber Menschen zu implementieren, die anders sind. Das gepaart mit dem Wunsch nach Zusammengehörigkeit, fehlendem Demokratieverständnis und zunehmend mangelnder Bildung, lässt Parteien wie die AfD leider insbesondere im Osten erstarken.
Was man bei der ganzen Diskussion aber nicht vergessen darf: Es ist kein reines ostdeutsches Problem, dort geht es derzeit scheinbar nur schneller als im Rest von Deutschland. Wenn man nach Italien, in die USA, nach Frankreich, nach GB schaut, kämpfen einige andere Demokratien mit ähnlichen Problemen. Und die sind z.T. ja deutlich näher am Abgrund als wir. Und überall wird damit gearbeitet, dass man zwischen "denen" und "uns" unterscheidet. Scheinbar sehnt sich ein guter Teil der westlichen Bevölkerung genau nach dieser Möglichkeit der Abgrenzung. Die wollen besser sein als andere, die aus deren Sicht nur Probleme schaffen. Die brauchen dieses Feindbild. Und können damit Probleme verdrängen, die sie im eigenen Umfeld haben oder haben werden (z.B. aufgrund von Klimawandel etc).