Mal meine Gedanken zum aktuellen Stand im UKR-Krieg:
Das ukrainische Newsportal Pravda hat seit Kriegsbeginn einen Liveticker mit den angeblichen Verlustzahlen Russlands. Es handelt sich dabei mehr oder weniger 1:1 um die kumulierten täglichen Angaben des ukrainischen Generalstabs. Da man im Krieg bestrebt ist, die Verluste des Gegners maximiert darzustellen und da es im Gefecht generell schwierig ist, Verluste der Gegenseite korrekt zu ermitteln und dabei gerne übertrieben wird, liegen die realen Zahlen vermutlich weit niedriger. Dennoch geben sie einen Hinweis darauf, was für eine Katastrophe dieser Feldzug für die russischen Streitkräfte ist.
Nehmen wir an, dass die Verluste nur halb so hoch sind, dann sind wir immer noch bei über 1.000 Panzern und bei mehr als 25.000 Soldaten. Das sind weit höhere Verluste, als die UDSSR im zehnjährigen Afghanistankrieg zu beklagen hatte. Und bezieht man das auf die heutigen Möglichkeiten Russland, muss klar werden, dass sich die Streitkräfte davon in den nächsten Jahren nicht erholen können. Zudem darf man davon ausgehen, dass auf jeden Gefallenen 3-5 Verwundete kommen, wovon viele dauerhaft dienstunfähig bleiben werden.
Die russische Rüstungsindustrie ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Es gibt zum Beispiel nur noch einen einzigen Panzerhersteller, der Rostec-Konzern. Es wird davon ausgegangen, dass dieser unter Volllast 120 Kampfpanzer im Jahr (!) produzieren kann. Es wird ferner davon ausgegangen, dass der Konzern aufgrund des Sanktionsregimes Volllast gar nicht erreichen kann. Ein moderner Kampfpanzer besteht aus mehr als nur aus Ketten und einer Kanone - und wenn in Russland heuer schon Autos ohne Airbag gebaut werden müssen, weil die Teile fehlen, kann man sich ausrechnen, wie es in der Rüstungsindustrie zugeht.
Jetzt läuft eine offensichtlich erfolgreiche Gegenoffensive der Ukraine. Wenn man sich detailliert mit den militärischen Entwicklungen beschäftigt, wird offenkundig, wie wenig die russischen Streitkräfte in der Lage sind, große Operationen zu Wege zu bringen und wie sehr sie in die Defensive gedrängt werden. Es ist fraglich, ob Russland im Krieg nochmal auf breiter Front die Initiative wird ergreifen können.
Ich will nicht sagen, dass die Ukraine in der Lage sein wird, alle besetzten Gebiete zurückzuerobern - dazu fehlen vermutlich die Panzer und vor allem die Marinekräfte. ABER: Russland, das sich gerne selbst als mächtige Weltmacht sieht, legt hier gerade einen militärischen Offenbarungseid ab, wenn es "nicht mal" in der Lage ist, einen militärisch, wirtschaftlich wie bevölkerungstechnisch 4x kleineren Gegner zu besiegen.
Putins Handlungsoptionen schrumpfen jedenfalls zusammen. Um militärisch wieder in die Vorhand zu kommen, sehe ich nur einen Weg. Er müsste die Generalmobilmachung anordnen. Nur so kann er es schaffen, die offenkundigen Personallücken in seinen Streitkräften aufzufüllen und auch seine Wirtschaft auf Krieg umzustellen. Dann könnte das Gewicht Russlands die Ukraine doch noch in den nächsten 1-2 Jahren erdrücken.
Es gehen dieser Tage übrigens Anordnungen an die Staatsunternehmen raus, x Freiwillige für die Ukraine zu rekrutieren. Die russische Bahn soll zum Beispiel 10.000 Mann für die Front liefern. Solche Aktionen zeigen bereits, wie verzweifelt die russischen Streitkräfte sind. Aber ohne Generalmobilmachung bleiben sie auf Freiwillige angewiesen.
Sollte Putin aber wirklich die Generalmobilmachung anordnen, wäre das politisch eine gewaltige Niederlage für ihn. Er müsste eingestehen, dass die Spezialoperation doch ein Krieg ist und dass seine Berufsarmee nicht in der Lage ist, die ukrainische Mafia zu erledigen. Daher wird derzeit auch nicht damit gerechnet. Aber was bleibt ihm sonst übrig? Ein jahrelanger Stellungskrieg, während sein Land unter den Sanktionen mittelfristig zu Grunde geht?
Man kann einfach nur hoffen, dass Putin zu Sinnen kommt und sich zu echten Verhandlungen bereiterklärt.