Groys: Das hat damit zu tun, dass Russland immer der bessere Westen sein wollte, nicht der eigentliche Westen. Verteidigte man schon Byzanz als das wahre Erbe Roms, wird auch der heutige Westen als dekadente Verfälschung seines ursprünglichen Selbst gesehen. Als 1935 in Paris der internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur aufrief, bemerkte Stalin, der Westen zeige sich unfähig, das große westliche Erbe zu verteidigen. Deshalb sei es nun die Aufgabe der Sowjetunion, dies zu übernehmen. Dementsprechend wurde auch in den Schulen der Sowjetunion gelernt, diese sei das Ergebnis der besten westlichen Traditionen: von Aufklärung, Hegel’scher Dialektik, deutschem Idealismus, Adam Smiths wirtschaftlicher Analyse, westlichen sozialistischen Utopien. Schaut man sich die gegenwärtige Propaganda des russischen Regimes an, findet man Ähnliches: Letztlich verteidige man das Beste der westlichen Kultur. Der Westen selbst habe durch Multikulturalismus, LGBTQ-Ideologie und allgemeine Dekadenz nämlich seine Wurzeln verraten. Jetzt versucht Russland wieder einmal den wahren Westen zu retten. Hatte die Sowjetunion sich also als progressive Seite der westlichen Kultur verstanden, sieht sich das heutige Russland als ihre reaktionär-konservative Seite. In beiden Fällen versteht Russland sich selbst als den wahren Westen, den real existierenden Westen hingegen als pervertierten Westen.