Nach 31 Stunden sind die Hauptaufgaben beendet, das Spiel aber noch lange nicht. Fest steht: Watch Dogs 2 hat meine Erwartungen erfüllt und in mancher Hinsicht übertroffen.
Das farbenfrohe, sonnengeflutete San Francisco mit seinen 57 Wahrzeichen ist eine der schönsten virtuellen Städte der Generation. Abwechslung, Atmosphäre und Aussichten auf der nicht zu weitläufigen Map laden an jeder Ecke dazu ein, die Lebendigkeit zu genießen. Es ist nicht die gewöhnliche Summe aus Passanten und Verkehr, die das Straßenbild so wuselig macht. Die Interaktionen mit Infrastruktur und Bevölkerung wirken schier endlos, ganze Mini-Stories spielen sich vor meinen Augen ab. Ich kann per Tastendruck jederzeit Chatprotokolle, Personeninfos oder Audio-Logs ansehen und mir je nach Situation meine eigene Hintergrundgeschichte zusammenreimen. Es ist Weltklasse, wenn ich einem wütenden Mann dabei beobachte, wie er die Scheibe eines Autos einschlägt, flucht und dann durch meinen ausgegeben Haftbefehl von der Polizei abgeführt wird und sich wehrt. Und alles ist Deutsch synchronisiert. Los Santos ist größer und hat mehr Details, aber dieses San Francisco wirkt in seiner Gesamtheit ein Stück authentischer, realistischer.
Beim Gameplay habe ich zum ersten Mal das Gefühl, eine vollwertige „Schleichmetropole“ bekommen zu haben. Vor dem ersten WD gab es nur Saboteur (2009), das Großstadt und Stealth zu verbinden versuchte. Doch Watch Dogs 2 macht es konsequent und auch deutlich ambitionierter als das ebenfalls frische Mafia 3. Mit Drohne, R/C-Car, Stungun und viel Geduld sind die Möglichkeiten mannigfaltig. Bis auf wenige Ausnahmen am Anfang des Spiels war es tatsächlich jederzeit möglich, Kollateralschäden zu vermeiden. Zwar wachen die betäubten Personen nach einer Weile wieder auf und lassen sich nicht verstecken, aber das stört nicht. Das Spiel setzt auf rasanten, aggressiven Stealth im Panther-Style, und wenn ich gut genug gescannt habe, musste ich erst gar keinen anfassen. Ich setze mich im Schneidersitz vor das Gebäude und checke die Lage, hacke die Türen und Relais, und bahne mir (insofern es sein muss) mit Ablenkungsmanövern gezielt meinen Weg zum Datenknoten und bin wieder weg, bevor mein Eindringen entdeckt wird. Es ist nicht weit weg von einem „Open-World Splinter Cell“, quasi Blacklist San Francisco.
Zur Handlung verliere ich nicht viele Worte, weil mir das ziemlich egal ist. DEDSEC macht einen auf Cyber-Freiheitskämpfer, und das reicht als Kontext. Kaum eine Kategorie des öffentlichen Lebens wird ausgelassen (FBI, Sekte, IT-Branche, Politik, Raumfahrt), doch im Grunde dient mir das nur dazu, eine perfekte Ausrede für meine Aufgaben zu bekommen. Die Missionen führen an viele verschiedene Locations, die meinen Realismushunger stillen. Besonders das Nudle / Google HQ oder die FBI-Zentrale in Oakland sprühen vor Ideen und tollen Layouts. Ja, auch das erinnert mich an San Andreas. Marcus, ein junger Schwarzer, ist recht sympathisch und scheint sich im Kreise der Kriminalität zu verlieren. Wie CJ. Nach dem ersten Drittel wurden die Missionen deutlich ernster, so wie damals, als ich nach der Hanfmission nach San Fierro gefahren bin.
Die Stadt und das Gameplay sind die Highlights des Spiels. Über andere Faktoren könnte ich nochmal so viel schreiben, halte mich aber zurück. Kleinigkeiten wie das Hacken von Autos oder eine filterbare Map waren auf meiner Wunschliste einer Fortsetzung weit oben und sind drin. Der Soundtrack ist überraschend mehr als nur Beiwerk, ich habe ein dutzend neuer Ohrwürmer gefunden. Die Fahrphysik ist weder Fisch noch Fleisch, aber es gibt schlechtere. Die Animationen der Hauptfigur hingegen sind unglaublich dynamisch, vor allem bei Saltos und Schrauben. Und die restlichen Nebenaufgaben sind schlicht und ergreifend bekannte Ubisoft-Kost, die aber durch die Steuerung und oft pfiffig konstruierten 3D-Rätsel sehr viel Spaß machen und vielerorts sozusagen „Gang-Verstecke beim Vorbeigehen“ ermöglichen.
Ubisoft war mit Splinter Cell, AC oder auch dem ersten WD schon immer im sattelfesten 4er-Bereich unterwegs, doch einen Platz im Olymp habe ich noch nie vergeben. Watch Dogs 2 hatte aber von Sekunde 1 einen nicht nachlassenden magical touch. Wahrscheinlich spricht gerade die pure Freude aus mir, ein Großstadt-Sandbox-Spiel auf diesem Niveau geschenkt bekommen zu haben. Auf seine ganz eigene Art und Weise ist es einem GTA V ebenbürtig, und deshalb überreiche ich hochachtungsvoll eine 5.0.