16 Tage intensiven Zockens mit mehr als 100 Stunden insgesamt auf der Uhr, dutzenden erledigten Quests, Main sowie Secondary, verbracht mit Reiten, Kämpfen, Reden, Streiten, Lieben, Handeln und ich fühle mich, als hätte ich zwei Wochen lang ein anderes Leben gelebt. The Witcher 3: Wild Hunt setzt in so vielen Bereichen neue Maßstäbe, dass die unvermeidliche Rückkehr zum üblichen 08/15 AAA Brei verdammt hart fallen wird.
Ein Wilder Hund? Wo?
The Witcher 3: Wild Hunt ist der dritte Teil der Witcher Saga, auch wenn die 3 so stilisiert ist, dass sie kaum noch wahrnehmbar ist, womöglich, um Neueinsteiger nicht zu verschrecken. Die auf den Romanen des polnischen Autoren Andrzej Sapkowski basierende Spielreihe kann auf eine umfassende Geschichte und Lore zurück blicken und auch wenn Teil 3 den Einstieg dank ausführlicher Tutorials und Einleitung der Charaktere leichter macht als die fast undurchdringlichen Vorgänger, so schadet es nicht, sich einen Überblick über die Welt des Hexers zu verschaffen. Allein das Wiedersehen mit Charakteren aus dem zweiten Teil hinterlässt einen stärkeren Eindruck, wenn man den Vorgänger gespielt hat.
Stell dir vor, es ist Krieg und deine Tochter ist schon wieder durchgebrannt.
Der Krieg, den der Vorgänger im Abspann angekündigt hat, ist in vollem Gange. Wo nun jedes andere RPG den Protagonisten als ersten an die Front geschickt hätte, findet die gesamte Geschichte hier mehr oder weniger im Schatten des Krieges statt. Natürlich kann der Hexer, Geralt von Rivia (Trivia: Er kommt gar nicht aus Rivia), es nicht immer vermeiden, in politische Prozesse einzugreifen, aber sein Ziel ist ein anderes. Er ist auf der Suche nach Ciri, einer jungen Frau, die er seinerzeit mit seiner damaligen Liebe Yennefer of Vengerberg mehr oder weniger als Tochter angenommen und als Hexerin (wäre das nicht eigentlich Hexe?) trainiert hat.
Diese ist, nicht zuletzt auf Grund ihrer mystischen Fähigkeiten, auf der Flucht vor der Wild Hunt, eine Fraktion mächtiger Krieger und Jäger, die im Grunde Sauron und die neun Nazgûl vereinen. Und ja, das ist mindestens so gruselig wie es klingt. Darüber hinaus ist sie auch noch die Tochter des Kaisers, der ein leichtes Interesse daran hat, sie wieder zu sehen. Und der Kaiser hört das Wort “Nein” nur dann gerne, wenn die Frage lautet: “Wirst du jemals Nein zu mir sagen?”. Viel mehr mag ich über den Inhalt der Geschichte kaum sagen, einmal weil dieser Text dann endgültig aus allen Nähten platzen würde, zum anderen weil nicht mehr gespoilt werden soll als unvermeidbar. Soviel nur: Sie ist gut. Verdammt gut und mitreißend.
Warum sind Zauberinnen alles solche Bitzen?
Die Charaktere, die Geralt auf seiner langen Reise trifft, sind an Authentizität und Stärke nicht zu überbieten. Yennefer of Vengerberg ist eine unglaubliche Erscheinung. Sie ist eine extrem mächtige Zauberin und bildschön, sich dessen aber auch bewusst und daher meistens arrogant und überaus herrisch. Sie ist stark, ihr Wesen einnehmend, ihre Präsenz fast schon demütigend. Triss Merrigold, Geralts Flamme aus dem zweiten Teil, ist deutlich lockerer, dabei nicht weniger mächtig als Yennefer of Vengerberg. Sie wirkt etwas verspielter und weniger ernst. Ciri selbst ist jung und etwas übermütig, aber schlau und liebenswert. Sie will sich beweisen, nicht wie ein Kind behandelt werden, sondern Verantwortung übernehmen. Ihre Beziehung zu Geralt ist eines der (oh so vielen) Highlights des Spiels. Ein Elfen-Magier bleibt bis zum Schluss hochmystisch und undurchsichtig. Als gut oder böse kann er nie eingeordnet werden. Die weiteren Zauberinnen sind ebenfalls hoch interessant und vielschichtig wie die ebenfalls etwas biestige, aber mächtige Philippa Eilhart. Zoltan und Dandelion sorgen für die nötige Unterhaltung und jeden Troll, den man trifft, sollte man dringend in ein Gespräch verwickeln.
Selbst Questgiver sind immer interessant. Es gibt Unterweltbosse mit einer anschaulichen Hintergrundgeschichte, einen Baron, der auf den ersten Blick wie ein ziemlicher Kotzbrocken wirkt und sich mit zunehmender Questdauer zu einer tiefgründigen, tragischen und hochinteressanten Figur entwickelt und Verbündete, die zwischen Freund und Feind wechseln. Prinz und Prinzessin auf Skellige halten den hohen Standard. Was es nicht gibt, sind Klischees, Stereotypen, dumme Plottwists, Platitüden. Es gibt kein Schwarz, kein Weiß, kein wirkliches Böse, keine Vorhersehbarkeit.
Bezahl mich erst mal!
Selbst Geralt ist nicht der wirkliche Held. Er hilft Leuten, klar, aber dem Hexercode folgend fast nur gegen Geld. Und der Spieler ist geneigt, dem zu folgen, denn Waren und Waffen sind teuer und Gold ist knapp. Klar suche ich nach deinem Bruder, aber das Leben ist hart, also lass mal was springen. Allein dadurch wirkt das Spiel um ein Vielfaches erdiger als die Genrekollegen, in denen die Helden allen und jedem für lau helfen und dann die Millionen aus den Leichen der unterwegs erlegten Skelette ziehen. Geralt ist sich nicht zu schade, einen über den Durst zu trinken oder ein Bordell aufzusuchen (wobei das natürlich vom Spieler abhängt). Einige der besten Momente sind eine Schnellballschlacht mit einem anderen Charakter oder einfach ein längeres Gespräch im Rahmen einer mehr als feucht-fröhlichen Feier mit Witcherkollegen. Arbeiten, Leiden, Trauern, Lachen, Feiern, Saufen, Lieben, Geralt ist mehr als die Summe einzelner Handlungen und kommt dadurch rüber wie ein echter Mensch, mit den gleichen Bedürfnissen, Wünschen und Zielen wie jeder von uns.
So realistisch die Charaktere wirken, so echt wirkt auch die offene, frei begehbare Welt, unterteilt in verschiedene, große Gebiete. Ob kleine Siedlungen, größere Städte, Festungen oder die riesige Stadt Novigrad, alles wirkt lebensnah. Menschen haben einen Tages- und Nachtrythmus, Geschäfte öffen und schließen und nachts kommen die Gauner und Diebe raus. Warum letztere ausgerechnet einen weißhaarigen Mann mit zwei Schwerten auf dem Rücken angreifen, ist mir zwar ein Rätsel, aber Training ist immer gut.
Auftragslage ist gut
Die Story geht unmittelbar über in die Quests. Die Quests, oh mein Gott, die Quests. Selbst die simpelsten und dümmsten “Neben”quests sind tiefer und teilweise länger als so manches andere vollständige AAA Game (The Order:1886, ich schau in deine Richtung, denn wann immer das absolute Negativbeispiel für ein mieserables AAA Game gebraucht wird, bist du ab sofort dran!). Die Quests greifen fließend in einander über. Mainquests generieren Secondary Quests, Secondary Quests führen die Geschichte weiter oder fügen ihr Hintergrundinfos oder alternative Handlungsstränge hinzu. Fetchquests? Sammelaufgaben? Go there, kill them? Nichts dergleichen. Jede Aufgabe hat eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden, einen abwechslungsreichen Handlungsstrang und alternative Ausgänge. Auch ist es möglich, Quests komplett zu vergeigen. Mit den Konsequenzen muss dann gelebt werden.
Zu den Quests kommen die Hexer-Aufträge, Geralts beste Einkommensquelle. Die Bewohner der Siedlungen haben hier und da Probleme mit diversen Monstern, Geistern etc. Und who you gonna call? Ghostb... Geralt... wiu wiu, wiuwiu, wiu... Nachdem Geralt in einem (schwachen) Minispiel den Preis ausgehandelt hat, begibt sich auf die Suche nach dem Monster. Geralt kann einen Preis vorschlagen. Dieser kann angenommen oder abgelehnt werden. Mit jedem zu hohen Vorschlag neigt sich die Geduld der Auftraggeber. Ist dieser zu Ende bzw. der Balken voll, heißt es “Friss oder Stirb”. Nimm meinen Preis oder lass es. Irgendwie wirkt die Verhandlungsbasis der Auftraggeber zu stark. Es wirkt, als könnte Geralt auch recht locker sagen: “Ok, dann lassen wir es. Grüß den Greifen, wenn er euer Dorf das nächste Mal auseinander nimmt! Tschö.” Ich könnte mir denken, dass der eine oder andere da noch mal einen Fuffi locker machen könnte, aber gut.
Um die Monster zu erlegen, gilt es als erstes zu ermitteln. Entweder er fragt sich im Dorf schlau oder er begibt sich zum Tatort und untersucht diesen mit seinem Hexer-Sinn (lies Batman-Detektiv Mode). Fußspuren, Kampfspuren, Blut, Gerüche, all das gibt Geralt Aufschluss, womit er es zu tun hat und wo er es finden kann. Sobald er seine Beute gefunden, kann er sich derer entledigen, wobei dies nicht zwangsläufig mit einem Gefecht verbunden sein muss. Mit den intelligenteren Arten kann er auch durchaus in Verhandlung treten. Einige der besten und schaurigsten Gegner bekommt ihr in diesen Aufträgen zu sehen. Selbst eine Mordserie im besten Dektetivstil kann Geralt aufklären, inklusive Leichenschau. Allein dies lohnt die Annahme in der Regel.
Quests stammen aus Notizen, die die Dorfbewohner aufgeben, aus Ereignissen, die man in der freien Natur findet, aus Hinweisen aus Büchern, gefundenen oder gekauften Schatzkarten oder alten Überlieferungen. Nahezu alles, was man macht, kann eine neue Quest auslösen. Zu den vier Questarten (Haupt, Sekundär, Aufträge und Schatzsuchen) kommen Erkundungsaufgaben. Auf der offenen Karte lassen sich verschiedene Orte aufsuchen wie Monsterhöhlen, Banditencamps, Siedlungen, die von Monstern befallen sind und befreit werden können oder mystische Orte der Macht, die Geralt für eine halbe Stunde einen Magiebonus und einmalig einen Erfahungspunkt bescheren.
Wo ist mein TomTom?
Nach dem Tutorial steht die Welt dem Hexer offen. Neben dem Palast des Kaisers stehen die riesige Stadt Novigrad (siehe oben), Velen und die Skellige Inseln zur Verfügung. Der Unterschied allein zwischen Skellige und Velen ist dramatisch, das eine eher Flachland, das andere ein Gebiet voll Seen, Inseln und Gebirgen. Jedes einzelne ist riesig genug, um zwei Open World Games zu bedienen und die schiere Größe und Anzahl an Möglichkeiten, Orten, Quests und Markierungen auf der Karte ist so unfassbar groß, dass mein Gehirn beim ersten Anblick fast in Schockstarre verfallen wäre. Man kann sich kaum entscheiden, was man zuerst tun soll und die Tatsache, dass das Spiel weder Vorgaben noch Hindernisse bereitet, kommt erschwerend hinzu. Das führt natürlich dazu, dass man mit Level 3 auch auf Level 16 Gegner treffen kann. Eine Schnellreisefunktion hilft hier, zu lange Wege zu vermeiden, wobei diese Wege (im Gegensatz zu Red Dead Redemption) nie durch die Leere führen, sondern immer durch eine Welt voll Leben und Optionen.
Einzig die Anzahl der Points of Interest in Skellige könnte etwas übertrieben sein, insbesondere da Skellige auf Grund der Berge und des Meeres schwerer zu durchqueren ist als Velen. Nach dem 20. Schmugglerversteck unter Wasser, das auch nur den üblichen Schrott zu Tage fördert, stellt sich unweigerlich die Frage, ob man die weiteren 75 Fragezeichen (keine Übertreibung!) noch abklappern soll.
Einziges Beförderungsmittel ist neben der Schnellreise das Pferd Roach, dessen hakelige Steuerung allerdings noch eher dazu verleitet, die Schnellreise zu nutzen.
InfoDump
Um die Immersion zu stärken, verfügt das Spiel über umfangreiche Optionen, das HeadsUpDisplay zu verändern. Ist alles eingestellt, werdet ihr förmlich von (nützlichen) Informationen erschlagen. Wer alles ausstellt, kann sich voll und ganz der Welt widmen. Ich habe den Mittelweg gewählt und das HUD verkleinert, aber Minimap und Lebensanzeige angelassen. Die Karte ist extrem hilfreich, vorbei die elendige Sucherei aus The Witcher 2 endgültig der Vergangenheit angehört. Informationen über die Gegner waren auch immer willkommen. Kritikpunkt: Man kann die jeweilige Aufgabe nur entweder einblenden oder ausblenden. Nicht ist es jedoch möglich, diese nur kurzfristig anzeigen zu lassen. Wer also den Bildschirm nicht mit Texten verklebt haben, aber dennoch wissen möchte, was er gerade konkret tun soll, der muss immer ins umfangreiche Menü gehen und nach jeder Aktualisierung manuell prüfen, was er nun machen muss.
Srebro i Stal
Als Hexer kommt man nicht um den einen oder anderen Kampf herum und wie in allem anderen zeigt The Witcher 3 hier seine Komplexität. Dies beginnt wie immer bei der Vorbereitung. Es gibt eine Vielzahl von Potions zu brauen, die verschiedenste Auswirkungen haben (und nunmehr auch während des Kampfes eingenommen werden können, was einen der größten Kritikpunkte beider Vorgänger eliminiert). Ein Auge zu werfen ist dabei auf die Vergiftungsanzeige, die mit jedem Trank zunimmt. Potions müssen im Gegensatz zum Vorgänger nur noch ein einziges Mal erstellt werden. Danach werden sie bei jeder Meditation Geralts neu aufgefüllt, solange Geralt Alkohol im Inventar trägt.
Im Kampf greift Geralt auf seine beiden Schwerter, Stahl für Mensch und Tier, Silber für Monster, und seine Zeichen zurück. Geralt kann blocken, kontern, er beherrscht eine Rolle sowie einen Dash, schnelle Angriffe, starke Angriffe und fünf magische Angriffe. Yrden ist eine magische Falle, die extrem nützlich gegen Geister ist, da sie ansonsten keine korporelle Form darbieten. Igni ist eine Feuermagie, die Wunder gegen Werwölfe wirkt. Quen ist ein magischer Schild, der in der alternativen Form (im “A night to remember” Trailer zu sehen) sogar absorbierte Schläge in Gesundheit umwandelt. Axii ist eine Art Jedi-Mind-Trick, der auch sehr gut in Dialogen funktioniert und unbedingt maximiert werden sollte. Zum Schluss ist Aard eine Art Forcepush, der kleinere Gegner von den Füßen fegt und größere immerhin aus dem Gleichgewicht bringt. Dazu kommen ein Crossbow, nützlich, wenn Geralt unter Wasser ist und eine Reihe von Bomben mit unterschiedlichen Wirkungen. Kaum eine Figur ist so vielseitig wie der Hexer.
Kämpfe sind von Taktik geprägt und davon, die richtigen Moves im richtigen Moment zu ziehen. Menschliche Gegner reagieren immer gut gegen Konter, Aard, Axii und Igni. Bei Monstern empfiehlt sich eher eine Hechtrolle verbunden mit Kombinationsattacken in den Rücken. Bestimmte Monstern sind gegen bestimmte Attacken empfindlich. Öle verleihen den Schwerten Zusatzboni. Wer gegen Vampire kämpft, sollte daher das Schwert mit dem richtigen Öl einreiben.
Dabei gibt es nicht nur einen richtigen Weg, sodass Experimente durchaus fruchtbar sein könnten. Magie wird durch eine Ausdaueranzeige limitiert, die auch Geralts Rolle und andere anstrengende Aktionen verbraucht wird. Dazu kommt eine Adrenalinanzeige, die sich durch gute Angriffe füllt und dann Geralts Stärke erhöht, wenn sie nicht für Spezialmoves verbraucht wird.
Vier gwint
Wer keinen Bock auf Fights hat, kann sein Glück im Kartenspiel Gwent versuchen, im Deutschen übersetzt mit Gwint weil... ... ...
Gwent ist ein Spiel, in dem ihr Karten verschiedener Stärken sammelt und auf einem Brett auslegt. Der Gegner legt sodann stärkere Karten auf das Brett und zieht euch aus. So jedenfalls lief es bei mir ab bis ich endgültig auf das Ding pfiff und mich nur ärgerte, die mit dem Spiel zusammen hängenden Quests nicht entfernen zu können. Manche haben Spaß an dem Ding, nur bin ich nie an den Punkt gekommen, dass ich irgend jemanden damit besiegen konnte, was dazu führte, dass ich keine guten Karten bekam was dazu führte, dass ich niemanden besiegen konnte.
Bei so vielen Optionen wundert es nicht, dass das Menü natürlich voll ist. Ein Bestiary enthält umfassende Informationen zu den Kreaturen dieser Welt. Alchemie und Crafting zeigen die vorhandenen Möglichkeiten, neue Potions zu brauen und bessere Ausrüstung bei den Schnieden herstellen zu lassen. Das Inventar kann etwas unübersichtlich werden und wenn es voll ist, was bei hunderten von Alchemiezutaten schnell passiert, ist die Navigation sehr schwierig und hakelig.
Die Zutaten für Potions bzw. die Bestandteile für Schwerter und Rüstungen lassen sich kaufen, finden oder aus anderen Gegenständen herstellen. Aus reinem Silber können Silberbarren hergestellt werden. Alte Schwerter können aber auch in die benötigten Bestandteilte zerlegt werden. Allein das Herstellen der berühmten Hexer-Ausrüstungen ist eine Mammutaufgabe. Zuerst müssen die Karten gefunden werden, damit ihr an die Pläne kommt. Die Pläne müssen auf der ganzen Welt zusammen gesucht werden. Für jede Ausrüstung gibt es Verbesserungen. Diese müssen von den besten Schmieden hergestellt werden, die nur verfügbar sind, wenn ihr die entsprechende Quest vorher gemacht habt. Die Bestandteile müssen beschafft werden und es müssen für die beste Version der Gegenstände, sei es Schwert oder Rüstung, immer die Vorversionen vorhanden sein.
Klarer Fall von überqualifiziert
Ein Kritikpunkt an dieser Stelle ist das Levelsystem. Wie in vielen RPGs sammelt Geralt Erfahrungspunkte, um im Level zu steigen. An dieser Stelle soll nun das System analysiert werden, soweit es die Entwickler geplant haben. Auf eventuelle Fehler soll später eingegangen werden.
Geralt erhält Erfahrungspunkte (kurz XP) für das Besiegen von Gegnern, aber hauptsächlich von Quests. Hierbei sind die Quests alle in vorgeschlagene Level unterteilt. Die Entwickler haben nun eine Overlevel-Protection eingebaut, um zu verhindern, dass Geralt den Endboss mühelos durch den Fleischwolf dreht (erfolglos, genau das habe ich trotzdem gemacht). Quests (und Gegner) sind farbkodiert: weiß, grün, rosa, rot. Grün bedeutet, man ist im vorgeschlagenen Fenster (Quest ist Level 16, Geralt ist 15). Weiß bedeutet, Geralt ist deutlich drüber (mindestens 6, also Quest Level 10, Geralt 16 oder höher). Rosa heißt, es könnte schwierig werden und rot soll der sichere Tod bedeuten. Generell muss man sagen, dass man in The Witcher 3 bis zu 10 Level ohne Weiteres mit Skill und Umsicht kompensieren kann (alles darüber hinaus wird in der Tat knifflig, bliebe aber möglich).
Nun ist es so, dass nach dem Plan der Entwickler weiße Quests keine XP mehr geben sollen. Alles andere soll XP geben. Dies kann dazu führen, dass manche Mainquests keine XP mehr geben obwohl diese mit Abstand am meisten hergeben sollten. Noch seltsamer ist, dass die Quests im Level schwanken. Der erste Besuch in Skellige ist für Level 16 vorgesehen. Nach dieser Quest sind die weiteren dann aber zunächst wieder für 14 und 13 vorgesehen und auch Secondarys, die man erhält, können niederrangig sein, was dazu führt, dass man lange Zeit ohne XP bleiben kann.
Das alles wäre fragwürdig genug. Denn wieso ein Spiel dieser Größe, das ansonsten Freiheit über alles stellt, eine Limitierung und Vorgabe der Entwickler ausgerechnet durch diesen Punkt erfolgen soll, ist nicht erklärlich. Ein, mittlerweile bestätigter, Bug sorgt allerdings dafür, dass dieses System nicht zuverlässig funktioniert und Spieler für grüne Quests keine XP erhalten. Ich selbst war von diesem Bug betroffen und habe lange Zeit für Quests keine Xp erhalten, wenn ich nur drei Level über Soll war. Gleichwohl hat es am Ende zu Level 37 bei mir gereicht, was aber dazu führte, dass ich für das gesamte Finale samt allen Bossen satte 0 XP erhalten habe. Die gesamte Entscheidung kann nur als unverständlich und komnplett kontraproduktiv für den Rest des Spiels verstanden werden, selbst wenn es funktioniert. Mit dem Bug hingegen wird es grenzwertig kriminell und Spieler werden genötigt, erst die Mainquests zu machen, bevor der Bug sie am Fortschritt hindert.
Immer diese Entscheidungen
Die unverständlichen Entscheidungen gehen weiter. Um einen Über-Geralt zu verhindern, muss der Spieler Fähigkeiten, die er aus vier Skilltrees auswählen kann, einsetzen bzw. erst ausrüsten. Geralt kann wählen zwischen Kampf (selbsterklärend, Geralt wird besser mit seinen Schwerten und der Armbrust), Zeichen (Geralts Magie), Alchemie (die Stärke der Potions) und einigen Sonderelementen. Bis zu zwölf (bei Level 30) dieser Fähigkeiten kann Geralt maximal gleichzeitig ausrüsten. Zwölf ist im Vergleich zu den verfügaren Fähigkeiten eine erschreckend geringe Zahl. Über weite Strecken des Spiels und insbesondere am Ende hatte ich Abilitypoints im Dutzend billiger über, einfach weil ich keine Fähigkeiten mehr ausrüsten konnte. Meine Slots waren voll, obwohl ich nur ein paar Kampffähigkeiten sowie Axii und Quen drin hatte. Kein einziger Punkt aus dem Alchemie Baum war drin, obwohl dort einige sehr nützliche Fertigkeiten schlummerten. Da ich selbst nach 100 Stunden nur auf Level 37 war und dies nicht im Ansatz gereicht hätte, um alle Fähigkeiten zu erwerben, ist mir absolut unklar, warum dazu noch diese weitere Limitierung notwendig war. Dass man Geralt nicht zur ultimativen Kampfmaschine machen wollte, ok. Aber diese doppelte und dreifache Limitierung frustriert nur, zumal gerade die Vielseitigkeit Geralts sein größter Appeal ist. Ihn so wie ich fast nur mit Nahkampffertigkeiten auszustatten wird dem vielseitigen Kampfstil eines Hexers doch nicht gerecht. Ich schätze, man kann hier von Gegner zu Gegner wechseln, also entweder einen auf Zeichen spezialisierten Hexer gegen Monster schicken oder einen nahkampf-erprobten gegen menschliche Gegner, allerdings liegt mir nicht viel daran, vor jedem Kampf das gesamte Skillsetup auszutauschen.
Zur Unterstützung der Skills gibt es zudem Mutagens, die Boni verleihen, insbesondere wenn man die richtigen Mutagens mit den richtigen Skills koppelt. Rote Mutagens beispielsweise kombinieren gut mit Angriffsfähigkeiten.
Stumpfes Schwert
Neu hinzugekommen ist Abnutzung der Waffen und Rüstungen. Diese geht nie soweit, dass ihr mit zerstörter und unbrauchbarer Ausrüstung da steht, sie verliert nur (minimal) an Stärke. Da das Reparieren sehr teuer, Gold sehr rar und der Malus letztlich kaum der Rede wert ist, habe ich das System weitgehend ignoriert und mich damit abgefunden, dass all meine Waffen einen leicht geringeren Schaden machen. Das System kann man letztlich ignorieren, es stellt sich gleichwohl die Frage, warum die Entwickler meinten, im Finale noch so ein unbeliebtes System einbauen zu müssen.
Ungeachtet all dessen war das Spiel auf dem normalen Schwierigkeitsgrad am Anfang recht leicht, zur Mitte piss-easy und gegen Ende ein Treppenwitz. Selbst Gegner, die 12 Level über meinem eigenen waren, fielen in Sekunden ohne dass es Öls, Zauber oder Potions bedurft hätte. Die Wild Hunt hätte Angst vor meinem Geralt haben müssen. Ein Hochstellen des Schwierigkeitsgrades
dürfte angezeigt sein.
Witcher.exe hat Urlaub
Weiter negativ müssen leider die Bugs und Glitches erwähnt werden. Der XP Bug oben war bereits erwähnt. Ein weiterer verhinderte das Laden von Spielständen (anscheinend hing dies mit einer verbuggten Quest namens The Mystery of the Byways Murders zusammen. Scheinbar darf diese Quest nicht unterbrochen werden. Weitere Glitches umfassen das minutenlange Nachladen von Texturen, Figuren und in Novigrad ganzen Gebäuden, das Hängenbleiben an allen möglichen Pflanzen und Gegenständen der Umgebung (zu Pferde unerträglich), das Fallen durch die Welt, Clipping Fehler noch und nöcher, erledigte Quests, die etliche Stunden später wieder im aktiven QuestLog auftauchen und so weiter und so fort. Selbst meine genaue Spieldauer kann ich nicht benennen, da der Counter mehrfach zurück gesetzt hat. Laut meiner Anzeige habe ich das Spiel in 1 Stunde, 52 Minuten durchgespielt. Das kommt nicht ganz hin. Der Ausmaß an Bugs, Glitches und Fehlern ist massiv und hart an der Grenze. Trotz fortlaufenden Supports muss man hart konstatieren: Das Spiel hätte locker noch ein halbes Jahr allein zum Feinschliff benötigt. Zwar kein Bug, aber die Ladezeiten sind, wenn sie mal notwendig sind, unerträglich lang.
Wenn das Spiel mal ohne Bugs läuft, sieht es fantastisch aus. Eine hervorragend inszenierte Welt, frei begehbar, schöne Gesichtsanimationen, tolle Fights mit harten Goreeffekten, Wind, Regen, Schnee, Sonnenuntergänge, Nacht-Tag-Wechsel und brilliantem Monsterdesign. Nicht minder herausragend ist der Soundtrack, wenngleich sich die Musik etwas wiederholt. Einsames Highlight: Das Theme der drei Crones. Unfassbar gruselig und creepy, ein superbes Stück Musik passend zu den widerlichsten Figuren des gesamten Witcher Universums. Auch die (englischen) Voiceactor sind stimmig, allen voran Geralts Sprecher, der den Löwenanteil leisten muss und die Stoik des Charakters rüber bringt ohne zu emotionslos zu wirken (eine gewisse Gefühlskälte ist Witchern antrainiert!). Auffällig ist, wie sehr sich Geralts Tonfall ändert, je nachdem mit wem er spricht. Man merkt, wie sehr ihm Yennefer of Vengerberg unter die Haut geht, wenn er mit ihr zusammen ist, man merkt aber auch, wie entspannt er in der Nähe von Triss ist. Bemerkenswert auch die starke Stimme von Charles Dance (Tywin Lannister aus Games of Thrones), die seinem Charakter genau die unnachgiebige Autorität verleiht, die er benötigt.
Better make way when the Witcher comes! (Miracle of Sound)
Wahrscheinlich habe ich dutzende Elemente vergessen zu erwähnen. Es dürfte aber auch nicht zielführend sein, eine Abhandlung über jedes einzelne Element zu fertigen, denn The Witcher 3 ist mehr als die Summe seiner Teile. Die Probleme sind mannigfaltig und fast ausschließlich technischer Natur. Dabei können Sachen wie QuestBugs und der XP Bug, die einschneidend ins Gameplay eingreifen, auch nicht überspielt werden. Diese stellen zum gegenwärtigen Zeitpunkt einen ernst zu nehmenden Kritikpunkt dar. Im Laufe der Zeit, mit weiteren Patches und einer möglichen Enhanced Edition, werden diese Probleme wohl nach und nach behoben werden können.
Was dann kommen wird, ist wohl nichts anderes als das intensivste, größte, emotionalste und schlichtweg beste RolePlayingGame aller Zeiten. Die Kombination aus unfassbar starken Charakteren, männlich wie weiblich, einer langen, emotionalen und persönlichen und durch Entscheidungen beeinflussbare Geschichte, einer toll designten und authentischen Welt voller Intrigen, Politik, Monstern und Menschlichkeit, einem tollen, umfangreichen, abwechslungsreichen Gameplay mit einigen der besten Quests überhaupt lässt dem geneigten Schreiberling die Superlative ausgehen. Durchgehender Support, bereits angekündigte 16 kostenlose (!!!!!!!) DLC, der Support selbst für Raubkopien, all dies zeugt von einem Passionproject, wie es diese Konsolengeneration noch nicht gesehen hat und mit Pech auch nicht wieder sehen wird.
Geralts Reise ist ein besonderes Erlebnis, das mit keinem anderem Medium erreichbar wäre. Es präsentiert keine andere Welt, es erschafft eine andere Welt und entführt den Spieler in diese. Alles, was man macht, hat Auswirkungen, manchmal sofort, manchmal erst Stunden später. The Witcher 3 kommt ohne Quick Time Events, ohne SetPieces, und ohne Trailershots aus. Es ist kein glatt gebügeltes, emotionsloses Fließbandprojekt. Es steht für mich außer Frage, dass wir hier eines der Ausnahmespiele überhaupt erlebt haben, welches im Gegensatz zu so vielen Titeln nicht in wenigen Monaten vergessen sein wird, sondern das, ähnlich wie Half Life 2, wie Final Fantasy VII, auch in 10, 15 und 20 Jahren noch relevant sein wird.
Darüber, dass The Witcher 3 das Medium weiterbringen wird, brauchen wir nicht reden. Das wird nicht passieren. The Witcher 3 ist ein Meisterwerk, das auf viele viele Jahre unerreichbar bleiben wird. Es kann nicht erreicht werden. Wer will es erreichen? Bioware? EA? UbiSoft? Sony? Microsoft? Sie werden es, wohl wissend warum, nicht einmal versuchen. Sie werden nach wie vor Geld mit Fließbandprodukten scheffeln und so wird ein Assassin's Creed, das von 200 Studios aus aller Welt lieblos aus Versatzstücken zusammen gefrickelt ist genauso viel oder mehr Verkäufe einfahren als das von 200 Menschen aus Polen entwickelte Witcher 3. Doch wenn sich in 10 Jahren kein Mensch mehr an Unity erinnern wird können, nicht einmal der Glitches wegen, werden passionierte Zocker dann noch über Schlüsselmomente aus The Witcher 3 reden, genauso wie sie heute noch über Aeriths Schicksal reden.
Über Final Fantasy VII schrieb seinerzeit ein deutsches Magazin: „Dieses Spiel hat Gott gemacht.“
The Witcher 3: Wild Hunt ist Gott und ich bete es an. Es sind Spiele wie dieses, die den Zynismus für ein paar Wochen verstummen lassen und belegen, warum Gaming das schönste Hobby der Welt ist. Ein immenser Erfolg bleibt diesem Spiel und dem sympathischen Entwicklerteam nur zu wünschen. 60 Euro für diesen Inhalt und Umfang sind fast als Diebstahl zu klassifizieren und selbst die 150 Euro für die Collector's Edition ist billig.
Der Titel Game of The Year dürfte sicher sein und am Pokal für Game of The Generation hat es auch schon eine Hand. Es ist mit Abstand das beste Spiel, das ich je spielen durfte (noch deutlich vor Grand Theft Auto V) und ich beende dieses Review mit der traurigen Realisierung, dass ich zukünftige Spiele weniger genießen werde. Denn egal, wie brilliant sie auch sein mögen, am Ende wird nur das enttäuschende Fazit stehen, dass sie nicht so gut sind wie The Witcher 3.
Ein Wilder Hund? Wo?
The Witcher 3: Wild Hunt ist der dritte Teil der Witcher Saga, auch wenn die 3 so stilisiert ist, dass sie kaum noch wahrnehmbar ist, womöglich, um Neueinsteiger nicht zu verschrecken. Die auf den Romanen des polnischen Autoren Andrzej Sapkowski basierende Spielreihe kann auf eine umfassende Geschichte und Lore zurück blicken und auch wenn Teil 3 den Einstieg dank ausführlicher Tutorials und Einleitung der Charaktere leichter macht als die fast undurchdringlichen Vorgänger, so schadet es nicht, sich einen Überblick über die Welt des Hexers zu verschaffen. Allein das Wiedersehen mit Charakteren aus dem zweiten Teil hinterlässt einen stärkeren Eindruck, wenn man den Vorgänger gespielt hat.
Stell dir vor, es ist Krieg und deine Tochter ist schon wieder durchgebrannt.
Der Krieg, den der Vorgänger im Abspann angekündigt hat, ist in vollem Gange. Wo nun jedes andere RPG den Protagonisten als ersten an die Front geschickt hätte, findet die gesamte Geschichte hier mehr oder weniger im Schatten des Krieges statt. Natürlich kann der Hexer, Geralt von Rivia (Trivia: Er kommt gar nicht aus Rivia), es nicht immer vermeiden, in politische Prozesse einzugreifen, aber sein Ziel ist ein anderes. Er ist auf der Suche nach Ciri, einer jungen Frau, die er seinerzeit mit seiner damaligen Liebe Yennefer of Vengerberg mehr oder weniger als Tochter angenommen und als Hexerin (wäre das nicht eigentlich Hexe?) trainiert hat.
Diese ist, nicht zuletzt auf Grund ihrer mystischen Fähigkeiten, auf der Flucht vor der Wild Hunt, eine Fraktion mächtiger Krieger und Jäger, die im Grunde Sauron und die neun Nazgûl vereinen. Und ja, das ist mindestens so gruselig wie es klingt. Darüber hinaus ist sie auch noch die Tochter des Kaisers, der ein leichtes Interesse daran hat, sie wieder zu sehen. Und der Kaiser hört das Wort “Nein” nur dann gerne, wenn die Frage lautet: “Wirst du jemals Nein zu mir sagen?”. Viel mehr mag ich über den Inhalt der Geschichte kaum sagen, einmal weil dieser Text dann endgültig aus allen Nähten platzen würde, zum anderen weil nicht mehr gespoilt werden soll als unvermeidbar. Soviel nur: Sie ist gut. Verdammt gut und mitreißend.
Warum sind Zauberinnen alles solche Bitzen?
Die Charaktere, die Geralt auf seiner langen Reise trifft, sind an Authentizität und Stärke nicht zu überbieten. Yennefer of Vengerberg ist eine unglaubliche Erscheinung. Sie ist eine extrem mächtige Zauberin und bildschön, sich dessen aber auch bewusst und daher meistens arrogant und überaus herrisch. Sie ist stark, ihr Wesen einnehmend, ihre Präsenz fast schon demütigend. Triss Merrigold, Geralts Flamme aus dem zweiten Teil, ist deutlich lockerer, dabei nicht weniger mächtig als Yennefer of Vengerberg. Sie wirkt etwas verspielter und weniger ernst. Ciri selbst ist jung und etwas übermütig, aber schlau und liebenswert. Sie will sich beweisen, nicht wie ein Kind behandelt werden, sondern Verantwortung übernehmen. Ihre Beziehung zu Geralt ist eines der (oh so vielen) Highlights des Spiels. Ein Elfen-Magier bleibt bis zum Schluss hochmystisch und undurchsichtig. Als gut oder böse kann er nie eingeordnet werden. Die weiteren Zauberinnen sind ebenfalls hoch interessant und vielschichtig wie die ebenfalls etwas biestige, aber mächtige Philippa Eilhart. Zoltan und Dandelion sorgen für die nötige Unterhaltung und jeden Troll, den man trifft, sollte man dringend in ein Gespräch verwickeln.
Selbst Questgiver sind immer interessant. Es gibt Unterweltbosse mit einer anschaulichen Hintergrundgeschichte, einen Baron, der auf den ersten Blick wie ein ziemlicher Kotzbrocken wirkt und sich mit zunehmender Questdauer zu einer tiefgründigen, tragischen und hochinteressanten Figur entwickelt und Verbündete, die zwischen Freund und Feind wechseln. Prinz und Prinzessin auf Skellige halten den hohen Standard. Was es nicht gibt, sind Klischees, Stereotypen, dumme Plottwists, Platitüden. Es gibt kein Schwarz, kein Weiß, kein wirkliches Böse, keine Vorhersehbarkeit.
Bezahl mich erst mal!
Selbst Geralt ist nicht der wirkliche Held. Er hilft Leuten, klar, aber dem Hexercode folgend fast nur gegen Geld. Und der Spieler ist geneigt, dem zu folgen, denn Waren und Waffen sind teuer und Gold ist knapp. Klar suche ich nach deinem Bruder, aber das Leben ist hart, also lass mal was springen. Allein dadurch wirkt das Spiel um ein Vielfaches erdiger als die Genrekollegen, in denen die Helden allen und jedem für lau helfen und dann die Millionen aus den Leichen der unterwegs erlegten Skelette ziehen. Geralt ist sich nicht zu schade, einen über den Durst zu trinken oder ein Bordell aufzusuchen (wobei das natürlich vom Spieler abhängt). Einige der besten Momente sind eine Schnellballschlacht mit einem anderen Charakter oder einfach ein längeres Gespräch im Rahmen einer mehr als feucht-fröhlichen Feier mit Witcherkollegen. Arbeiten, Leiden, Trauern, Lachen, Feiern, Saufen, Lieben, Geralt ist mehr als die Summe einzelner Handlungen und kommt dadurch rüber wie ein echter Mensch, mit den gleichen Bedürfnissen, Wünschen und Zielen wie jeder von uns.
So realistisch die Charaktere wirken, so echt wirkt auch die offene, frei begehbare Welt, unterteilt in verschiedene, große Gebiete. Ob kleine Siedlungen, größere Städte, Festungen oder die riesige Stadt Novigrad, alles wirkt lebensnah. Menschen haben einen Tages- und Nachtrythmus, Geschäfte öffen und schließen und nachts kommen die Gauner und Diebe raus. Warum letztere ausgerechnet einen weißhaarigen Mann mit zwei Schwerten auf dem Rücken angreifen, ist mir zwar ein Rätsel, aber Training ist immer gut.
Auftragslage ist gut
Die Story geht unmittelbar über in die Quests. Die Quests, oh mein Gott, die Quests. Selbst die simpelsten und dümmsten “Neben”quests sind tiefer und teilweise länger als so manches andere vollständige AAA Game (The Order:1886, ich schau in deine Richtung, denn wann immer das absolute Negativbeispiel für ein mieserables AAA Game gebraucht wird, bist du ab sofort dran!). Die Quests greifen fließend in einander über. Mainquests generieren Secondary Quests, Secondary Quests führen die Geschichte weiter oder fügen ihr Hintergrundinfos oder alternative Handlungsstränge hinzu. Fetchquests? Sammelaufgaben? Go there, kill them? Nichts dergleichen. Jede Aufgabe hat eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden, einen abwechslungsreichen Handlungsstrang und alternative Ausgänge. Auch ist es möglich, Quests komplett zu vergeigen. Mit den Konsequenzen muss dann gelebt werden.
Zu den Quests kommen die Hexer-Aufträge, Geralts beste Einkommensquelle. Die Bewohner der Siedlungen haben hier und da Probleme mit diversen Monstern, Geistern etc. Und who you gonna call? Ghostb... Geralt... wiu wiu, wiuwiu, wiu... Nachdem Geralt in einem (schwachen) Minispiel den Preis ausgehandelt hat, begibt sich auf die Suche nach dem Monster. Geralt kann einen Preis vorschlagen. Dieser kann angenommen oder abgelehnt werden. Mit jedem zu hohen Vorschlag neigt sich die Geduld der Auftraggeber. Ist dieser zu Ende bzw. der Balken voll, heißt es “Friss oder Stirb”. Nimm meinen Preis oder lass es. Irgendwie wirkt die Verhandlungsbasis der Auftraggeber zu stark. Es wirkt, als könnte Geralt auch recht locker sagen: “Ok, dann lassen wir es. Grüß den Greifen, wenn er euer Dorf das nächste Mal auseinander nimmt! Tschö.” Ich könnte mir denken, dass der eine oder andere da noch mal einen Fuffi locker machen könnte, aber gut.
Um die Monster zu erlegen, gilt es als erstes zu ermitteln. Entweder er fragt sich im Dorf schlau oder er begibt sich zum Tatort und untersucht diesen mit seinem Hexer-Sinn (lies Batman-Detektiv Mode). Fußspuren, Kampfspuren, Blut, Gerüche, all das gibt Geralt Aufschluss, womit er es zu tun hat und wo er es finden kann. Sobald er seine Beute gefunden, kann er sich derer entledigen, wobei dies nicht zwangsläufig mit einem Gefecht verbunden sein muss. Mit den intelligenteren Arten kann er auch durchaus in Verhandlung treten. Einige der besten und schaurigsten Gegner bekommt ihr in diesen Aufträgen zu sehen. Selbst eine Mordserie im besten Dektetivstil kann Geralt aufklären, inklusive Leichenschau. Allein dies lohnt die Annahme in der Regel.
Quests stammen aus Notizen, die die Dorfbewohner aufgeben, aus Ereignissen, die man in der freien Natur findet, aus Hinweisen aus Büchern, gefundenen oder gekauften Schatzkarten oder alten Überlieferungen. Nahezu alles, was man macht, kann eine neue Quest auslösen. Zu den vier Questarten (Haupt, Sekundär, Aufträge und Schatzsuchen) kommen Erkundungsaufgaben. Auf der offenen Karte lassen sich verschiedene Orte aufsuchen wie Monsterhöhlen, Banditencamps, Siedlungen, die von Monstern befallen sind und befreit werden können oder mystische Orte der Macht, die Geralt für eine halbe Stunde einen Magiebonus und einmalig einen Erfahungspunkt bescheren.
Wo ist mein TomTom?
Nach dem Tutorial steht die Welt dem Hexer offen. Neben dem Palast des Kaisers stehen die riesige Stadt Novigrad (siehe oben), Velen und die Skellige Inseln zur Verfügung. Der Unterschied allein zwischen Skellige und Velen ist dramatisch, das eine eher Flachland, das andere ein Gebiet voll Seen, Inseln und Gebirgen. Jedes einzelne ist riesig genug, um zwei Open World Games zu bedienen und die schiere Größe und Anzahl an Möglichkeiten, Orten, Quests und Markierungen auf der Karte ist so unfassbar groß, dass mein Gehirn beim ersten Anblick fast in Schockstarre verfallen wäre. Man kann sich kaum entscheiden, was man zuerst tun soll und die Tatsache, dass das Spiel weder Vorgaben noch Hindernisse bereitet, kommt erschwerend hinzu. Das führt natürlich dazu, dass man mit Level 3 auch auf Level 16 Gegner treffen kann. Eine Schnellreisefunktion hilft hier, zu lange Wege zu vermeiden, wobei diese Wege (im Gegensatz zu Red Dead Redemption) nie durch die Leere führen, sondern immer durch eine Welt voll Leben und Optionen.
Einzig die Anzahl der Points of Interest in Skellige könnte etwas übertrieben sein, insbesondere da Skellige auf Grund der Berge und des Meeres schwerer zu durchqueren ist als Velen. Nach dem 20. Schmugglerversteck unter Wasser, das auch nur den üblichen Schrott zu Tage fördert, stellt sich unweigerlich die Frage, ob man die weiteren 75 Fragezeichen (keine Übertreibung!) noch abklappern soll.
Einziges Beförderungsmittel ist neben der Schnellreise das Pferd Roach, dessen hakelige Steuerung allerdings noch eher dazu verleitet, die Schnellreise zu nutzen.
InfoDump
Um die Immersion zu stärken, verfügt das Spiel über umfangreiche Optionen, das HeadsUpDisplay zu verändern. Ist alles eingestellt, werdet ihr förmlich von (nützlichen) Informationen erschlagen. Wer alles ausstellt, kann sich voll und ganz der Welt widmen. Ich habe den Mittelweg gewählt und das HUD verkleinert, aber Minimap und Lebensanzeige angelassen. Die Karte ist extrem hilfreich, vorbei die elendige Sucherei aus The Witcher 2 endgültig der Vergangenheit angehört. Informationen über die Gegner waren auch immer willkommen. Kritikpunkt: Man kann die jeweilige Aufgabe nur entweder einblenden oder ausblenden. Nicht ist es jedoch möglich, diese nur kurzfristig anzeigen zu lassen. Wer also den Bildschirm nicht mit Texten verklebt haben, aber dennoch wissen möchte, was er gerade konkret tun soll, der muss immer ins umfangreiche Menü gehen und nach jeder Aktualisierung manuell prüfen, was er nun machen muss.
Srebro i Stal
Als Hexer kommt man nicht um den einen oder anderen Kampf herum und wie in allem anderen zeigt The Witcher 3 hier seine Komplexität. Dies beginnt wie immer bei der Vorbereitung. Es gibt eine Vielzahl von Potions zu brauen, die verschiedenste Auswirkungen haben (und nunmehr auch während des Kampfes eingenommen werden können, was einen der größten Kritikpunkte beider Vorgänger eliminiert). Ein Auge zu werfen ist dabei auf die Vergiftungsanzeige, die mit jedem Trank zunimmt. Potions müssen im Gegensatz zum Vorgänger nur noch ein einziges Mal erstellt werden. Danach werden sie bei jeder Meditation Geralts neu aufgefüllt, solange Geralt Alkohol im Inventar trägt.
Im Kampf greift Geralt auf seine beiden Schwerter, Stahl für Mensch und Tier, Silber für Monster, und seine Zeichen zurück. Geralt kann blocken, kontern, er beherrscht eine Rolle sowie einen Dash, schnelle Angriffe, starke Angriffe und fünf magische Angriffe. Yrden ist eine magische Falle, die extrem nützlich gegen Geister ist, da sie ansonsten keine korporelle Form darbieten. Igni ist eine Feuermagie, die Wunder gegen Werwölfe wirkt. Quen ist ein magischer Schild, der in der alternativen Form (im “A night to remember” Trailer zu sehen) sogar absorbierte Schläge in Gesundheit umwandelt. Axii ist eine Art Jedi-Mind-Trick, der auch sehr gut in Dialogen funktioniert und unbedingt maximiert werden sollte. Zum Schluss ist Aard eine Art Forcepush, der kleinere Gegner von den Füßen fegt und größere immerhin aus dem Gleichgewicht bringt. Dazu kommen ein Crossbow, nützlich, wenn Geralt unter Wasser ist und eine Reihe von Bomben mit unterschiedlichen Wirkungen. Kaum eine Figur ist so vielseitig wie der Hexer.
Kämpfe sind von Taktik geprägt und davon, die richtigen Moves im richtigen Moment zu ziehen. Menschliche Gegner reagieren immer gut gegen Konter, Aard, Axii und Igni. Bei Monstern empfiehlt sich eher eine Hechtrolle verbunden mit Kombinationsattacken in den Rücken. Bestimmte Monstern sind gegen bestimmte Attacken empfindlich. Öle verleihen den Schwerten Zusatzboni. Wer gegen Vampire kämpft, sollte daher das Schwert mit dem richtigen Öl einreiben.
Dabei gibt es nicht nur einen richtigen Weg, sodass Experimente durchaus fruchtbar sein könnten. Magie wird durch eine Ausdaueranzeige limitiert, die auch Geralts Rolle und andere anstrengende Aktionen verbraucht wird. Dazu kommt eine Adrenalinanzeige, die sich durch gute Angriffe füllt und dann Geralts Stärke erhöht, wenn sie nicht für Spezialmoves verbraucht wird.
Vier gwint
Wer keinen Bock auf Fights hat, kann sein Glück im Kartenspiel Gwent versuchen, im Deutschen übersetzt mit Gwint weil... ... ...
Gwent ist ein Spiel, in dem ihr Karten verschiedener Stärken sammelt und auf einem Brett auslegt. Der Gegner legt sodann stärkere Karten auf das Brett und zieht euch aus. So jedenfalls lief es bei mir ab bis ich endgültig auf das Ding pfiff und mich nur ärgerte, die mit dem Spiel zusammen hängenden Quests nicht entfernen zu können. Manche haben Spaß an dem Ding, nur bin ich nie an den Punkt gekommen, dass ich irgend jemanden damit besiegen konnte, was dazu führte, dass ich keine guten Karten bekam was dazu führte, dass ich niemanden besiegen konnte.
Bei so vielen Optionen wundert es nicht, dass das Menü natürlich voll ist. Ein Bestiary enthält umfassende Informationen zu den Kreaturen dieser Welt. Alchemie und Crafting zeigen die vorhandenen Möglichkeiten, neue Potions zu brauen und bessere Ausrüstung bei den Schnieden herstellen zu lassen. Das Inventar kann etwas unübersichtlich werden und wenn es voll ist, was bei hunderten von Alchemiezutaten schnell passiert, ist die Navigation sehr schwierig und hakelig.
Die Zutaten für Potions bzw. die Bestandteile für Schwerter und Rüstungen lassen sich kaufen, finden oder aus anderen Gegenständen herstellen. Aus reinem Silber können Silberbarren hergestellt werden. Alte Schwerter können aber auch in die benötigten Bestandteilte zerlegt werden. Allein das Herstellen der berühmten Hexer-Ausrüstungen ist eine Mammutaufgabe. Zuerst müssen die Karten gefunden werden, damit ihr an die Pläne kommt. Die Pläne müssen auf der ganzen Welt zusammen gesucht werden. Für jede Ausrüstung gibt es Verbesserungen. Diese müssen von den besten Schmieden hergestellt werden, die nur verfügbar sind, wenn ihr die entsprechende Quest vorher gemacht habt. Die Bestandteile müssen beschafft werden und es müssen für die beste Version der Gegenstände, sei es Schwert oder Rüstung, immer die Vorversionen vorhanden sein.
Klarer Fall von überqualifiziert
Ein Kritikpunkt an dieser Stelle ist das Levelsystem. Wie in vielen RPGs sammelt Geralt Erfahrungspunkte, um im Level zu steigen. An dieser Stelle soll nun das System analysiert werden, soweit es die Entwickler geplant haben. Auf eventuelle Fehler soll später eingegangen werden.
Geralt erhält Erfahrungspunkte (kurz XP) für das Besiegen von Gegnern, aber hauptsächlich von Quests. Hierbei sind die Quests alle in vorgeschlagene Level unterteilt. Die Entwickler haben nun eine Overlevel-Protection eingebaut, um zu verhindern, dass Geralt den Endboss mühelos durch den Fleischwolf dreht (erfolglos, genau das habe ich trotzdem gemacht). Quests (und Gegner) sind farbkodiert: weiß, grün, rosa, rot. Grün bedeutet, man ist im vorgeschlagenen Fenster (Quest ist Level 16, Geralt ist 15). Weiß bedeutet, Geralt ist deutlich drüber (mindestens 6, also Quest Level 10, Geralt 16 oder höher). Rosa heißt, es könnte schwierig werden und rot soll der sichere Tod bedeuten. Generell muss man sagen, dass man in The Witcher 3 bis zu 10 Level ohne Weiteres mit Skill und Umsicht kompensieren kann (alles darüber hinaus wird in der Tat knifflig, bliebe aber möglich).
Nun ist es so, dass nach dem Plan der Entwickler weiße Quests keine XP mehr geben sollen. Alles andere soll XP geben. Dies kann dazu führen, dass manche Mainquests keine XP mehr geben obwohl diese mit Abstand am meisten hergeben sollten. Noch seltsamer ist, dass die Quests im Level schwanken. Der erste Besuch in Skellige ist für Level 16 vorgesehen. Nach dieser Quest sind die weiteren dann aber zunächst wieder für 14 und 13 vorgesehen und auch Secondarys, die man erhält, können niederrangig sein, was dazu führt, dass man lange Zeit ohne XP bleiben kann.
Das alles wäre fragwürdig genug. Denn wieso ein Spiel dieser Größe, das ansonsten Freiheit über alles stellt, eine Limitierung und Vorgabe der Entwickler ausgerechnet durch diesen Punkt erfolgen soll, ist nicht erklärlich. Ein, mittlerweile bestätigter, Bug sorgt allerdings dafür, dass dieses System nicht zuverlässig funktioniert und Spieler für grüne Quests keine XP erhalten. Ich selbst war von diesem Bug betroffen und habe lange Zeit für Quests keine Xp erhalten, wenn ich nur drei Level über Soll war. Gleichwohl hat es am Ende zu Level 37 bei mir gereicht, was aber dazu führte, dass ich für das gesamte Finale samt allen Bossen satte 0 XP erhalten habe. Die gesamte Entscheidung kann nur als unverständlich und komnplett kontraproduktiv für den Rest des Spiels verstanden werden, selbst wenn es funktioniert. Mit dem Bug hingegen wird es grenzwertig kriminell und Spieler werden genötigt, erst die Mainquests zu machen, bevor der Bug sie am Fortschritt hindert.
Immer diese Entscheidungen
Die unverständlichen Entscheidungen gehen weiter. Um einen Über-Geralt zu verhindern, muss der Spieler Fähigkeiten, die er aus vier Skilltrees auswählen kann, einsetzen bzw. erst ausrüsten. Geralt kann wählen zwischen Kampf (selbsterklärend, Geralt wird besser mit seinen Schwerten und der Armbrust), Zeichen (Geralts Magie), Alchemie (die Stärke der Potions) und einigen Sonderelementen. Bis zu zwölf (bei Level 30) dieser Fähigkeiten kann Geralt maximal gleichzeitig ausrüsten. Zwölf ist im Vergleich zu den verfügaren Fähigkeiten eine erschreckend geringe Zahl. Über weite Strecken des Spiels und insbesondere am Ende hatte ich Abilitypoints im Dutzend billiger über, einfach weil ich keine Fähigkeiten mehr ausrüsten konnte. Meine Slots waren voll, obwohl ich nur ein paar Kampffähigkeiten sowie Axii und Quen drin hatte. Kein einziger Punkt aus dem Alchemie Baum war drin, obwohl dort einige sehr nützliche Fertigkeiten schlummerten. Da ich selbst nach 100 Stunden nur auf Level 37 war und dies nicht im Ansatz gereicht hätte, um alle Fähigkeiten zu erwerben, ist mir absolut unklar, warum dazu noch diese weitere Limitierung notwendig war. Dass man Geralt nicht zur ultimativen Kampfmaschine machen wollte, ok. Aber diese doppelte und dreifache Limitierung frustriert nur, zumal gerade die Vielseitigkeit Geralts sein größter Appeal ist. Ihn so wie ich fast nur mit Nahkampffertigkeiten auszustatten wird dem vielseitigen Kampfstil eines Hexers doch nicht gerecht. Ich schätze, man kann hier von Gegner zu Gegner wechseln, also entweder einen auf Zeichen spezialisierten Hexer gegen Monster schicken oder einen nahkampf-erprobten gegen menschliche Gegner, allerdings liegt mir nicht viel daran, vor jedem Kampf das gesamte Skillsetup auszutauschen.
Zur Unterstützung der Skills gibt es zudem Mutagens, die Boni verleihen, insbesondere wenn man die richtigen Mutagens mit den richtigen Skills koppelt. Rote Mutagens beispielsweise kombinieren gut mit Angriffsfähigkeiten.
Stumpfes Schwert
Neu hinzugekommen ist Abnutzung der Waffen und Rüstungen. Diese geht nie soweit, dass ihr mit zerstörter und unbrauchbarer Ausrüstung da steht, sie verliert nur (minimal) an Stärke. Da das Reparieren sehr teuer, Gold sehr rar und der Malus letztlich kaum der Rede wert ist, habe ich das System weitgehend ignoriert und mich damit abgefunden, dass all meine Waffen einen leicht geringeren Schaden machen. Das System kann man letztlich ignorieren, es stellt sich gleichwohl die Frage, warum die Entwickler meinten, im Finale noch so ein unbeliebtes System einbauen zu müssen.
Ungeachtet all dessen war das Spiel auf dem normalen Schwierigkeitsgrad am Anfang recht leicht, zur Mitte piss-easy und gegen Ende ein Treppenwitz. Selbst Gegner, die 12 Level über meinem eigenen waren, fielen in Sekunden ohne dass es Öls, Zauber oder Potions bedurft hätte. Die Wild Hunt hätte Angst vor meinem Geralt haben müssen. Ein Hochstellen des Schwierigkeitsgrades
dürfte angezeigt sein.
Witcher.exe hat Urlaub
Weiter negativ müssen leider die Bugs und Glitches erwähnt werden. Der XP Bug oben war bereits erwähnt. Ein weiterer verhinderte das Laden von Spielständen (anscheinend hing dies mit einer verbuggten Quest namens The Mystery of the Byways Murders zusammen. Scheinbar darf diese Quest nicht unterbrochen werden. Weitere Glitches umfassen das minutenlange Nachladen von Texturen, Figuren und in Novigrad ganzen Gebäuden, das Hängenbleiben an allen möglichen Pflanzen und Gegenständen der Umgebung (zu Pferde unerträglich), das Fallen durch die Welt, Clipping Fehler noch und nöcher, erledigte Quests, die etliche Stunden später wieder im aktiven QuestLog auftauchen und so weiter und so fort. Selbst meine genaue Spieldauer kann ich nicht benennen, da der Counter mehrfach zurück gesetzt hat. Laut meiner Anzeige habe ich das Spiel in 1 Stunde, 52 Minuten durchgespielt. Das kommt nicht ganz hin. Der Ausmaß an Bugs, Glitches und Fehlern ist massiv und hart an der Grenze. Trotz fortlaufenden Supports muss man hart konstatieren: Das Spiel hätte locker noch ein halbes Jahr allein zum Feinschliff benötigt. Zwar kein Bug, aber die Ladezeiten sind, wenn sie mal notwendig sind, unerträglich lang.
Wenn das Spiel mal ohne Bugs läuft, sieht es fantastisch aus. Eine hervorragend inszenierte Welt, frei begehbar, schöne Gesichtsanimationen, tolle Fights mit harten Goreeffekten, Wind, Regen, Schnee, Sonnenuntergänge, Nacht-Tag-Wechsel und brilliantem Monsterdesign. Nicht minder herausragend ist der Soundtrack, wenngleich sich die Musik etwas wiederholt. Einsames Highlight: Das Theme der drei Crones. Unfassbar gruselig und creepy, ein superbes Stück Musik passend zu den widerlichsten Figuren des gesamten Witcher Universums. Auch die (englischen) Voiceactor sind stimmig, allen voran Geralts Sprecher, der den Löwenanteil leisten muss und die Stoik des Charakters rüber bringt ohne zu emotionslos zu wirken (eine gewisse Gefühlskälte ist Witchern antrainiert!). Auffällig ist, wie sehr sich Geralts Tonfall ändert, je nachdem mit wem er spricht. Man merkt, wie sehr ihm Yennefer of Vengerberg unter die Haut geht, wenn er mit ihr zusammen ist, man merkt aber auch, wie entspannt er in der Nähe von Triss ist. Bemerkenswert auch die starke Stimme von Charles Dance (Tywin Lannister aus Games of Thrones), die seinem Charakter genau die unnachgiebige Autorität verleiht, die er benötigt.
Better make way when the Witcher comes! (Miracle of Sound)
Wahrscheinlich habe ich dutzende Elemente vergessen zu erwähnen. Es dürfte aber auch nicht zielführend sein, eine Abhandlung über jedes einzelne Element zu fertigen, denn The Witcher 3 ist mehr als die Summe seiner Teile. Die Probleme sind mannigfaltig und fast ausschließlich technischer Natur. Dabei können Sachen wie QuestBugs und der XP Bug, die einschneidend ins Gameplay eingreifen, auch nicht überspielt werden. Diese stellen zum gegenwärtigen Zeitpunkt einen ernst zu nehmenden Kritikpunkt dar. Im Laufe der Zeit, mit weiteren Patches und einer möglichen Enhanced Edition, werden diese Probleme wohl nach und nach behoben werden können.
Was dann kommen wird, ist wohl nichts anderes als das intensivste, größte, emotionalste und schlichtweg beste RolePlayingGame aller Zeiten. Die Kombination aus unfassbar starken Charakteren, männlich wie weiblich, einer langen, emotionalen und persönlichen und durch Entscheidungen beeinflussbare Geschichte, einer toll designten und authentischen Welt voller Intrigen, Politik, Monstern und Menschlichkeit, einem tollen, umfangreichen, abwechslungsreichen Gameplay mit einigen der besten Quests überhaupt lässt dem geneigten Schreiberling die Superlative ausgehen. Durchgehender Support, bereits angekündigte 16 kostenlose (!!!!!!!) DLC, der Support selbst für Raubkopien, all dies zeugt von einem Passionproject, wie es diese Konsolengeneration noch nicht gesehen hat und mit Pech auch nicht wieder sehen wird.
Geralts Reise ist ein besonderes Erlebnis, das mit keinem anderem Medium erreichbar wäre. Es präsentiert keine andere Welt, es erschafft eine andere Welt und entführt den Spieler in diese. Alles, was man macht, hat Auswirkungen, manchmal sofort, manchmal erst Stunden später. The Witcher 3 kommt ohne Quick Time Events, ohne SetPieces, und ohne Trailershots aus. Es ist kein glatt gebügeltes, emotionsloses Fließbandprojekt. Es steht für mich außer Frage, dass wir hier eines der Ausnahmespiele überhaupt erlebt haben, welches im Gegensatz zu so vielen Titeln nicht in wenigen Monaten vergessen sein wird, sondern das, ähnlich wie Half Life 2, wie Final Fantasy VII, auch in 10, 15 und 20 Jahren noch relevant sein wird.
Darüber, dass The Witcher 3 das Medium weiterbringen wird, brauchen wir nicht reden. Das wird nicht passieren. The Witcher 3 ist ein Meisterwerk, das auf viele viele Jahre unerreichbar bleiben wird. Es kann nicht erreicht werden. Wer will es erreichen? Bioware? EA? UbiSoft? Sony? Microsoft? Sie werden es, wohl wissend warum, nicht einmal versuchen. Sie werden nach wie vor Geld mit Fließbandprodukten scheffeln und so wird ein Assassin's Creed, das von 200 Studios aus aller Welt lieblos aus Versatzstücken zusammen gefrickelt ist genauso viel oder mehr Verkäufe einfahren als das von 200 Menschen aus Polen entwickelte Witcher 3. Doch wenn sich in 10 Jahren kein Mensch mehr an Unity erinnern wird können, nicht einmal der Glitches wegen, werden passionierte Zocker dann noch über Schlüsselmomente aus The Witcher 3 reden, genauso wie sie heute noch über Aeriths Schicksal reden.
Über Final Fantasy VII schrieb seinerzeit ein deutsches Magazin: „Dieses Spiel hat Gott gemacht.“
The Witcher 3: Wild Hunt ist Gott und ich bete es an. Es sind Spiele wie dieses, die den Zynismus für ein paar Wochen verstummen lassen und belegen, warum Gaming das schönste Hobby der Welt ist. Ein immenser Erfolg bleibt diesem Spiel und dem sympathischen Entwicklerteam nur zu wünschen. 60 Euro für diesen Inhalt und Umfang sind fast als Diebstahl zu klassifizieren und selbst die 150 Euro für die Collector's Edition ist billig.
Der Titel Game of The Year dürfte sicher sein und am Pokal für Game of The Generation hat es auch schon eine Hand. Es ist mit Abstand das beste Spiel, das ich je spielen durfte (noch deutlich vor Grand Theft Auto V) und ich beende dieses Review mit der traurigen Realisierung, dass ich zukünftige Spiele weniger genießen werde. Denn egal, wie brilliant sie auch sein mögen, am Ende wird nur das enttäuschende Fazit stehen, dass sie nicht so gut sind wie The Witcher 3.



