Das Wort zum Sonntag vorab. Da The Walking Dead praktisch kein Gameplay hat, sondern ausschließlich von der Story lebt, sehe ich keine Möglichkeit, hierüber zu schreiben, ohne die gesamte Story zu spoilern. Es folgen daher Spoiler zu beiden Staffeln, allen Episoden, Charakteren, Enden, hey, ich geb keine Garantie darauf, dass ich euch nicht das Geschlecht eures ungeborenen Kindes verrate. Weiterlesen daher auf eigene Gefahr.
Ich kann nicht wirklich mit der Analyse beginnen, ohne die technischen Probleme vorab anzusprechen. Der große Clou der Spielreihe soll der sein, dass die Geschichte durch die Entscheidungen des Spielers vorangetrieben und beeinflusst wird. Aufgebaut wie eine Fernsehserie, in Episoden und Staffeln unterteilt, seht ihr vor jeder Episode eine Rückblende, die eure Handlungen und Entscheidungen repräsentieren. Daher sollte es eine Möglichkeit geben, sämtliche Entscheidungen aus dem ersten Teil und dem DLC 400 Days für Staffel 2 zu übernehmen. Dieses Feature ist sogar Bestandteil des offiziellen Werbetextes des Spiels. Dummerweise funktioniert das schlicht nicht. Beim Versuch, den vorhandenen Spielstand zu übernehmen, erscheint die Warnung, dass kein Spielstand gefunden werden konnte. Dazu kommt, dass mir sofort die Möglichkeit geboten wird, die erste Staffel zu kaufen. Da ich dies bereits drei Mal getan habe (PSN, Xbox360 Retail, PS4 Retail) wirkt dies schon beinahe verhöhnend.
Nicht, dass es im Endeffekt eine Rolle spielt. Die Entscheidungen aus Teil 1 werden nur vereinzelt in Halbsätzen angesprochen. Mein Lee hatte seinen Arm behalten, aber in einem Satz erwähnte Clem, dass sie jemanden kannte, der seinen Arm nach einem Biss verloren hatte. Keine große Sache. Letztlich waren alle Entscheidungen in Teil 1 auch nur Schall und Rauch. Ben starb immer, egal ob im Glockenturm oder etwas später in der Gasse. Katjaa und Duck sterben immer in Episode 3, Doug und Carly sind beide spätestens ab Mitte Episode 3 tot, Larry stirbt entweder durch Kenny oder durch Kenny und Lee gemeinsam, Lilly wird entweder zurück gelassen oder verlässt die Gruppe nur Minuten später von selbst. Lee stirbt immer, Clem, Omid und Christa überleben immer. Nichts davon könnt ihr ändern, sodass der Grundstock für Season 2 für alle gleich ist. Ob Lilly nun Doug oder Carly erschossen hat, ob Lee den Fremden erwürgt oder Clem ihn erschossen hat... who cares. Den Vogel aber schießt der DLC ab. Die fünf Charaktere haben einen Gastauftritt in Episode 3 der zweiten Staffel, wobei einige sagenhafte zwei Sätze haben. Ansonsten sind sie zu Statisten oder Wächtern verkommen. Lediglich Bonnie übernimmt eine tragende Rolle, wobei ich davon ausgehe, dass es immer Bonnie ist und nicht je nach Spielweise jeder der fünf sein könnte. Sollte dies anders sein, nehm ich diesen Punkt zumindest teilweise zurück.
Ich kann nicht sagen, was schlimmer ist: Dass dieses fundamentale Feature nicht funktioniert, nachdem der PC und PS3 Release schon nicht geklappt hat oder dass es letztlich sogar vollkommen egal ist.
Die zweite Staffel sieht Clementine aus Teil 1 in der Hauptrolle. Sie ist zu Beginn mit Omid (einem meiner Favoriten) und Christa unterwegs, das Spiel verschwendet aber keine Zeit, die beiden aus dem Skript zu entfernen. Omid gibt den Löffel ab noch vor der Titelcard und die schwangere Christa verschwindet kurz darauf ebenfalls auf Nimmerwiedersehen.
Clem findet schnell eine neue Truppe Todeskandidaten, aber wie auch in Teil 1 der spielbare Charaktere nicht die Hauptfigur ist, so wird diese Rolle auch hier einem anderen Charaktere zuteil.
Clem ist nun 11 Jahre alt und von der niedlichen, kindlichen Naivität und ihrem süß-traurigen „Ok“ ist nicht mehr viel übrig geblieben. Sie ist zwar noch schwach genug, um als Kind durchzugehen, killt aber gleichzeitig mehr Zombies als die meisten anderen Charaktere zusammen, trifft die wichtigen Entscheidungen und ist der Go-To-Guy (Girl?) für alle schwierigen und gefährlichen Aufgaben. Sie klingt um ein Vielfaches erwachsener reifer, was der Tatsache geschuldet ist, dass sie nun die Dialoge und Entscheidungen führen muss, aber zwischen Teil 1 und 2 liegen, zumindest intellektuell, deutlich mehr als zwei Jahre. Die Spielbeschreibung greift das aus und beschreibt Clem als vorzeitig gereift auf Grund ihrer Erfahrungen, was man schlucken kann, aber nicht muss.
Früh im Spiel trefft ihr aber auf den eigentlichen Hauptcharakter der Staffel und damit der bisherigen Serie: Kenny. Das Spiel wird alsdann in unschöner Art und Weise manipulativ und versucht alles, um Kenny als Arschloch zu präsentieren. Freilich hatte man hier in Staffel 1 schon begonnen.
Wie Kenny die Zombiehorden in der engen Gasse überlebt hat, wird übrigens nicht erklärt. Er sei entkommen, meint er nur kurz, aber angesichts der Dichte an Zombies hätte es keine Chance gegeben, da heraus zu kommen. Und nein, den Gedärmetrick hat er nicht angewandt, denn als Clem ihn in Staffel 2 erwähnt, hat Kenny offenkundig noch nie davon gehört.
Die Staffel richtet alles auf den Showdown zwischen Kenny und einem neuen Charakter, Jane, aus. Jane will Clem zeigen, wie gefährlich Kenny wirklich ist und der Spieler soll sich als Clem zwischen den beiden entscheiden. Ohne Frage kann man Kenny objektiv als jähzornig und unberechenbar bezeichnen. Er ist herrisch, bestimmend, oft ausfallend, rassistisch, duldet keinen Widerspruch und ist ungeheuer starrköpfig. Er ist gleichzeitig der realistischste Charaktere der Serie.
Er ist kein Held, sondern ein normaler Mann, dem mehr zugemutet wurde, als ein Mensch ertragen kann. Sein Frau erschießt sich auf Grund der Krankheit seines behinderten Sohnes, wenige Momente später muss er den Tod seines Sohnes erleben (oder gar selber herbeiführen). Gleichwohl blieb er bei der Truppe. Am Ende riskierte er sein Leben für einen Freund. Seine neue Freundin stirbt erneut vor seinen Augen einen furchtbaren Tod. Als sodann Jane ihm zur Herausforderung (was für eine Bitch!) mitteilt, dass das Baby, für das er sich verantwortlich fühlt, tot ist, kann man ihm da verübeln, dass er austickt? Zumal das Verhältnis zwischen Jane und Kenny ohnehin nicht das Beste war? Für Kenny war dieses Baby der letzte Ausweg, der letzte Halt in seinem Leben und eine neue Chance. Er konnte seine Familie nicht retten, also sieht er es als seine Pflicht an, sich um dieses Baby zu kümmern. Ist sein Verhalten in Ordnung? An vielen Stellen vielleicht nicht. Ist es nachvollziehbar und verständlich? Zu jeder Zeit.
Kenny ist die tragische Figur der Serie. Die Tatsache, dass die Staffel mir nicht nur einmal, sondern gleich zwei Mal die Chance gibt, ihn zu erschießen, mutet da schon arg merkwürdig an.
Ich habe zu Kenny gehalten und es angesichts seines Verhaltens am Ende auch nicht bereut. Angesichts der drastisch unterschiedlichen Enden dürfte es allerdings unfassbar schwer werden, einen halbwegs kanonische Geschichte zu Staffel 3 zu erzählen.
Meine Neigung zu Kenny lag auch unter anderem daran, dass der Rest der neuen Figuren kaum prägenden Eindruck hinterlassen konnte. Viele Charaktere sterben zu früh ohne jemals irgendwas zur Story beizutragen. Am schlimmsten und sinnlosesten dürfte Sarah gewesen sein. Lediglich Luke und Jane, mit Abstrichen Mike und Bonnie erhalten etwas Persönlichkeit. Allerdings war die Gruppe in Staffel 1 im Ergebnis interessanter. Lilly und Larry hatten starke Persönlichkeiten, mit denen sich der Spieler auseinander setzen musste und die ihn herausforderten. Solche Charaktere fehlen in Staffel 2 nahezu komplett, die einzige interessante Figur, die eine Entwicklung und Wandlung durchmacht und die durch ihre Handlungen die Geschichte voran treibt, ist Kenny. Der Rest ist nahezu komplett austauschbar.
Das Spiel an sich beginnt ähnlich wie die erste Staffel als eine Art Adventure light, mit gelegentlichen Sucheinlagen und einem absoluten Minimalanteil an Rätseln. Je größer die Nummer hinter der Episode wird, desto mehr verkommt das Spiel zu einem Film, in dem ihr ab und an in die Dialoge eingreifen könnt, aber nicht müsst. Rätsel fahren nahezu auf 0 runter, Exploration fällt komplett weg und viele Aufgaben übernimmt Clem einfach automatisch. Das Spiel bringt euch an die richtigen Orte und ihr müsst oft nur noch zum Bestätigen einen Knopf drücken. Dafür, dass ihr angeblich die Story formt, geht ein erheblicher Teil davon vollautomatisch.
Das klingt alles recht negativ, es spricht allerdings Bände, wenn ich nach einer dreiviertel Stunde erstmalig beide Hände wieder ans Pad legen muss und dann merke, dass ich es gar nicht vermisst habe. TellTale zieht emotional alle Register und hält immer da drauf, wo es weh tut. Ob ihr einen Hund töten müsst, euren verletzten Arm selbst versorgt oder Kenny dabei zuseht, wie er einen ehemaligen Peiniger mit einem Brecheisen buchstäblich den Schädel einschlägt, das Spiel verdient sowohl das 18er Logo wie auch die Wertung mature. Mehr als eine Entscheidung wurde von mir im Effekt getätigt, mit dem ständigen Hintergedanken, ob das wohl richtig war. Auch wurden meine Entscheidungen immer selbstsüchtiger und egoistischer anstatt wie der typische Held immer nur das Beste für alle zu wollen, alles geschmälert durch die Befürchtung, dass die Reise am Ende doch immer die gleiche ist und ich nur die eine oder andere Kurve bestimme. So manche „Entscheidung“ in Staffel 2, teilweise solche, die eine Episode beendet und als Cliffhanger für die nächste Folge dient, erweist sich sofort nach dem Start eben dieser als heiße Luft.
Des Weiteren erfährt die Staffel einen klaren Höhepunkt am Ende von Episode 3, eben in dem Camp, von dem in 400 Days die Rede war, mit einem klar definierten Antagonisten und einem klaren gemeinsamen Ziel. Die letzten beiden Episoden leiden etwas an dem zu frühen Ende der Misere Gefangenschaft, wodurch die Geschichte etwas ungeschickt vor sich dümpelt. Der ganze weitere Konflikt wirkt viel zu künstlich gepusht. Wo die Emotionen und der Streit zwischen Lee und Kenny immer glaubwürdig waren, wird nun per Zwang eine Eskalation hervor gerufen, die kein normaler Mensch mehr zugelassen hatte. In Staffel 1 wirkte jeder Konflikt echt. In Staffel 2 erscheinen viele Konflikte wie der verzweifelte Versuch eines Drehbuchautors, Spannung zu schinden.
Die erste Staffel war einzigartig, denn sie bot eine ungeahnte emotionale Tiefe, die insbesondere durch die enge Beziehung zwischen Lee und Clementine viele Spieler zu Recht in ihren Bann zog. Das schon damals recht seichte Gameplay war da kein Hindernis, im Gegenteil. Das Letzte, was The Walking Dead gebraucht hätte, wären willkürliche Schiebe- oder Mathematik-Rätsel gewesen, die die Spieler stundenlang aufgehalten und dadurch das Pacing gekillt hätten.
Durch den Wegfall Lees fiel auch die emotionale Bindung zwischen den Hauptfiguren weg. Die Beziehung Kenny zu Clementine kann diese nicht ersetzen und andere Charaktere stoßen ebenfalls nicht nach vorne. Viele Tode kommen plötzlich, teils zu willkürlich, um nachhaltig zu sein, Charaktere ändern zu oft ihre Motivation und Clem schwebt zwischen Anführerin und hilflosem Kind, ohne sich entscheiden zu können.
Quo vadis, Walking Dead? Mit zwei Staffeln und dem sehr ähnlichen Wolf Among Us läuft TellTale Gefahr, dass das Unerwartete zum Erwarteten wird. Die erste Staffel von The Walking Dead wird als absoluter Ausnahmetitel in die Historie eingehen. Es wäre eine Schande, wenn er ähnlich wie Modern Warfare zum Blueprint für jährliche Updates würde. Staffel 2 kann man dies noch nicht vorwerfen. Was diese Staffel jedoch noch rettet, ist Kenny und seine Entwicklung. Die Tatsache, dass er jedoch tot sein könnte (und glaubt man der Statistik, die am Ende jeder Episode angezeigt wird, ist er dies bei 87% der Spieler!), wird es schwer sein, ihn vernünftig in Staffel 3 einzubauen. Ohne klaren Ausgangspunkt und ohne klares Ziel wird es Staffel 3 im schlimmsten Fall ergehen wie insbesondere Episode 4, ein weiter Weg ins Nichts. Clem allein wird, wenn die Autoren sich nicht endlich entscheiden, wie stark oder schwach sie wirklich sein soll, nicht im Alleingang eine Staffel tragen können und eine endlose Aneinanderreihung von Zombieopfern wird daran nichts ändern.
Vielleicht sollte man tatsächlich aufhören, wenn es am schönsten ist.
Ich kann nicht wirklich mit der Analyse beginnen, ohne die technischen Probleme vorab anzusprechen. Der große Clou der Spielreihe soll der sein, dass die Geschichte durch die Entscheidungen des Spielers vorangetrieben und beeinflusst wird. Aufgebaut wie eine Fernsehserie, in Episoden und Staffeln unterteilt, seht ihr vor jeder Episode eine Rückblende, die eure Handlungen und Entscheidungen repräsentieren. Daher sollte es eine Möglichkeit geben, sämtliche Entscheidungen aus dem ersten Teil und dem DLC 400 Days für Staffel 2 zu übernehmen. Dieses Feature ist sogar Bestandteil des offiziellen Werbetextes des Spiels. Dummerweise funktioniert das schlicht nicht. Beim Versuch, den vorhandenen Spielstand zu übernehmen, erscheint die Warnung, dass kein Spielstand gefunden werden konnte. Dazu kommt, dass mir sofort die Möglichkeit geboten wird, die erste Staffel zu kaufen. Da ich dies bereits drei Mal getan habe (PSN, Xbox360 Retail, PS4 Retail) wirkt dies schon beinahe verhöhnend.
Nicht, dass es im Endeffekt eine Rolle spielt. Die Entscheidungen aus Teil 1 werden nur vereinzelt in Halbsätzen angesprochen. Mein Lee hatte seinen Arm behalten, aber in einem Satz erwähnte Clem, dass sie jemanden kannte, der seinen Arm nach einem Biss verloren hatte. Keine große Sache. Letztlich waren alle Entscheidungen in Teil 1 auch nur Schall und Rauch. Ben starb immer, egal ob im Glockenturm oder etwas später in der Gasse. Katjaa und Duck sterben immer in Episode 3, Doug und Carly sind beide spätestens ab Mitte Episode 3 tot, Larry stirbt entweder durch Kenny oder durch Kenny und Lee gemeinsam, Lilly wird entweder zurück gelassen oder verlässt die Gruppe nur Minuten später von selbst. Lee stirbt immer, Clem, Omid und Christa überleben immer. Nichts davon könnt ihr ändern, sodass der Grundstock für Season 2 für alle gleich ist. Ob Lilly nun Doug oder Carly erschossen hat, ob Lee den Fremden erwürgt oder Clem ihn erschossen hat... who cares. Den Vogel aber schießt der DLC ab. Die fünf Charaktere haben einen Gastauftritt in Episode 3 der zweiten Staffel, wobei einige sagenhafte zwei Sätze haben. Ansonsten sind sie zu Statisten oder Wächtern verkommen. Lediglich Bonnie übernimmt eine tragende Rolle, wobei ich davon ausgehe, dass es immer Bonnie ist und nicht je nach Spielweise jeder der fünf sein könnte. Sollte dies anders sein, nehm ich diesen Punkt zumindest teilweise zurück.
Ich kann nicht sagen, was schlimmer ist: Dass dieses fundamentale Feature nicht funktioniert, nachdem der PC und PS3 Release schon nicht geklappt hat oder dass es letztlich sogar vollkommen egal ist.
Die zweite Staffel sieht Clementine aus Teil 1 in der Hauptrolle. Sie ist zu Beginn mit Omid (einem meiner Favoriten) und Christa unterwegs, das Spiel verschwendet aber keine Zeit, die beiden aus dem Skript zu entfernen. Omid gibt den Löffel ab noch vor der Titelcard und die schwangere Christa verschwindet kurz darauf ebenfalls auf Nimmerwiedersehen.
Clem findet schnell eine neue Truppe Todeskandidaten, aber wie auch in Teil 1 der spielbare Charaktere nicht die Hauptfigur ist, so wird diese Rolle auch hier einem anderen Charaktere zuteil.
Clem ist nun 11 Jahre alt und von der niedlichen, kindlichen Naivität und ihrem süß-traurigen „Ok“ ist nicht mehr viel übrig geblieben. Sie ist zwar noch schwach genug, um als Kind durchzugehen, killt aber gleichzeitig mehr Zombies als die meisten anderen Charaktere zusammen, trifft die wichtigen Entscheidungen und ist der Go-To-Guy (Girl?) für alle schwierigen und gefährlichen Aufgaben. Sie klingt um ein Vielfaches erwachsener reifer, was der Tatsache geschuldet ist, dass sie nun die Dialoge und Entscheidungen führen muss, aber zwischen Teil 1 und 2 liegen, zumindest intellektuell, deutlich mehr als zwei Jahre. Die Spielbeschreibung greift das aus und beschreibt Clem als vorzeitig gereift auf Grund ihrer Erfahrungen, was man schlucken kann, aber nicht muss.
Früh im Spiel trefft ihr aber auf den eigentlichen Hauptcharakter der Staffel und damit der bisherigen Serie: Kenny. Das Spiel wird alsdann in unschöner Art und Weise manipulativ und versucht alles, um Kenny als Arschloch zu präsentieren. Freilich hatte man hier in Staffel 1 schon begonnen.
Wie Kenny die Zombiehorden in der engen Gasse überlebt hat, wird übrigens nicht erklärt. Er sei entkommen, meint er nur kurz, aber angesichts der Dichte an Zombies hätte es keine Chance gegeben, da heraus zu kommen. Und nein, den Gedärmetrick hat er nicht angewandt, denn als Clem ihn in Staffel 2 erwähnt, hat Kenny offenkundig noch nie davon gehört.
Die Staffel richtet alles auf den Showdown zwischen Kenny und einem neuen Charakter, Jane, aus. Jane will Clem zeigen, wie gefährlich Kenny wirklich ist und der Spieler soll sich als Clem zwischen den beiden entscheiden. Ohne Frage kann man Kenny objektiv als jähzornig und unberechenbar bezeichnen. Er ist herrisch, bestimmend, oft ausfallend, rassistisch, duldet keinen Widerspruch und ist ungeheuer starrköpfig. Er ist gleichzeitig der realistischste Charaktere der Serie.
Er ist kein Held, sondern ein normaler Mann, dem mehr zugemutet wurde, als ein Mensch ertragen kann. Sein Frau erschießt sich auf Grund der Krankheit seines behinderten Sohnes, wenige Momente später muss er den Tod seines Sohnes erleben (oder gar selber herbeiführen). Gleichwohl blieb er bei der Truppe. Am Ende riskierte er sein Leben für einen Freund. Seine neue Freundin stirbt erneut vor seinen Augen einen furchtbaren Tod. Als sodann Jane ihm zur Herausforderung (was für eine Bitch!) mitteilt, dass das Baby, für das er sich verantwortlich fühlt, tot ist, kann man ihm da verübeln, dass er austickt? Zumal das Verhältnis zwischen Jane und Kenny ohnehin nicht das Beste war? Für Kenny war dieses Baby der letzte Ausweg, der letzte Halt in seinem Leben und eine neue Chance. Er konnte seine Familie nicht retten, also sieht er es als seine Pflicht an, sich um dieses Baby zu kümmern. Ist sein Verhalten in Ordnung? An vielen Stellen vielleicht nicht. Ist es nachvollziehbar und verständlich? Zu jeder Zeit.
Kenny ist die tragische Figur der Serie. Die Tatsache, dass die Staffel mir nicht nur einmal, sondern gleich zwei Mal die Chance gibt, ihn zu erschießen, mutet da schon arg merkwürdig an.
Ich habe zu Kenny gehalten und es angesichts seines Verhaltens am Ende auch nicht bereut. Angesichts der drastisch unterschiedlichen Enden dürfte es allerdings unfassbar schwer werden, einen halbwegs kanonische Geschichte zu Staffel 3 zu erzählen.
Meine Neigung zu Kenny lag auch unter anderem daran, dass der Rest der neuen Figuren kaum prägenden Eindruck hinterlassen konnte. Viele Charaktere sterben zu früh ohne jemals irgendwas zur Story beizutragen. Am schlimmsten und sinnlosesten dürfte Sarah gewesen sein. Lediglich Luke und Jane, mit Abstrichen Mike und Bonnie erhalten etwas Persönlichkeit. Allerdings war die Gruppe in Staffel 1 im Ergebnis interessanter. Lilly und Larry hatten starke Persönlichkeiten, mit denen sich der Spieler auseinander setzen musste und die ihn herausforderten. Solche Charaktere fehlen in Staffel 2 nahezu komplett, die einzige interessante Figur, die eine Entwicklung und Wandlung durchmacht und die durch ihre Handlungen die Geschichte voran treibt, ist Kenny. Der Rest ist nahezu komplett austauschbar.
Das Spiel an sich beginnt ähnlich wie die erste Staffel als eine Art Adventure light, mit gelegentlichen Sucheinlagen und einem absoluten Minimalanteil an Rätseln. Je größer die Nummer hinter der Episode wird, desto mehr verkommt das Spiel zu einem Film, in dem ihr ab und an in die Dialoge eingreifen könnt, aber nicht müsst. Rätsel fahren nahezu auf 0 runter, Exploration fällt komplett weg und viele Aufgaben übernimmt Clem einfach automatisch. Das Spiel bringt euch an die richtigen Orte und ihr müsst oft nur noch zum Bestätigen einen Knopf drücken. Dafür, dass ihr angeblich die Story formt, geht ein erheblicher Teil davon vollautomatisch.
Das klingt alles recht negativ, es spricht allerdings Bände, wenn ich nach einer dreiviertel Stunde erstmalig beide Hände wieder ans Pad legen muss und dann merke, dass ich es gar nicht vermisst habe. TellTale zieht emotional alle Register und hält immer da drauf, wo es weh tut. Ob ihr einen Hund töten müsst, euren verletzten Arm selbst versorgt oder Kenny dabei zuseht, wie er einen ehemaligen Peiniger mit einem Brecheisen buchstäblich den Schädel einschlägt, das Spiel verdient sowohl das 18er Logo wie auch die Wertung mature. Mehr als eine Entscheidung wurde von mir im Effekt getätigt, mit dem ständigen Hintergedanken, ob das wohl richtig war. Auch wurden meine Entscheidungen immer selbstsüchtiger und egoistischer anstatt wie der typische Held immer nur das Beste für alle zu wollen, alles geschmälert durch die Befürchtung, dass die Reise am Ende doch immer die gleiche ist und ich nur die eine oder andere Kurve bestimme. So manche „Entscheidung“ in Staffel 2, teilweise solche, die eine Episode beendet und als Cliffhanger für die nächste Folge dient, erweist sich sofort nach dem Start eben dieser als heiße Luft.
Des Weiteren erfährt die Staffel einen klaren Höhepunkt am Ende von Episode 3, eben in dem Camp, von dem in 400 Days die Rede war, mit einem klar definierten Antagonisten und einem klaren gemeinsamen Ziel. Die letzten beiden Episoden leiden etwas an dem zu frühen Ende der Misere Gefangenschaft, wodurch die Geschichte etwas ungeschickt vor sich dümpelt. Der ganze weitere Konflikt wirkt viel zu künstlich gepusht. Wo die Emotionen und der Streit zwischen Lee und Kenny immer glaubwürdig waren, wird nun per Zwang eine Eskalation hervor gerufen, die kein normaler Mensch mehr zugelassen hatte. In Staffel 1 wirkte jeder Konflikt echt. In Staffel 2 erscheinen viele Konflikte wie der verzweifelte Versuch eines Drehbuchautors, Spannung zu schinden.
Die erste Staffel war einzigartig, denn sie bot eine ungeahnte emotionale Tiefe, die insbesondere durch die enge Beziehung zwischen Lee und Clementine viele Spieler zu Recht in ihren Bann zog. Das schon damals recht seichte Gameplay war da kein Hindernis, im Gegenteil. Das Letzte, was The Walking Dead gebraucht hätte, wären willkürliche Schiebe- oder Mathematik-Rätsel gewesen, die die Spieler stundenlang aufgehalten und dadurch das Pacing gekillt hätten.
Durch den Wegfall Lees fiel auch die emotionale Bindung zwischen den Hauptfiguren weg. Die Beziehung Kenny zu Clementine kann diese nicht ersetzen und andere Charaktere stoßen ebenfalls nicht nach vorne. Viele Tode kommen plötzlich, teils zu willkürlich, um nachhaltig zu sein, Charaktere ändern zu oft ihre Motivation und Clem schwebt zwischen Anführerin und hilflosem Kind, ohne sich entscheiden zu können.
Quo vadis, Walking Dead? Mit zwei Staffeln und dem sehr ähnlichen Wolf Among Us läuft TellTale Gefahr, dass das Unerwartete zum Erwarteten wird. Die erste Staffel von The Walking Dead wird als absoluter Ausnahmetitel in die Historie eingehen. Es wäre eine Schande, wenn er ähnlich wie Modern Warfare zum Blueprint für jährliche Updates würde. Staffel 2 kann man dies noch nicht vorwerfen. Was diese Staffel jedoch noch rettet, ist Kenny und seine Entwicklung. Die Tatsache, dass er jedoch tot sein könnte (und glaubt man der Statistik, die am Ende jeder Episode angezeigt wird, ist er dies bei 87% der Spieler!), wird es schwer sein, ihn vernünftig in Staffel 3 einzubauen. Ohne klaren Ausgangspunkt und ohne klares Ziel wird es Staffel 3 im schlimmsten Fall ergehen wie insbesondere Episode 4, ein weiter Weg ins Nichts. Clem allein wird, wenn die Autoren sich nicht endlich entscheiden, wie stark oder schwach sie wirklich sein soll, nicht im Alleingang eine Staffel tragen können und eine endlose Aneinanderreihung von Zombieopfern wird daran nichts ändern.
Vielleicht sollte man tatsächlich aufhören, wenn es am schönsten ist.


. Hat das Spiel bereits nen Patch zum download, für nen deutschen Untertitel? Wenn ja, auch für die 360 Ver., weil ich kaufs mir für die 360. Danke
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