Sea of Solitude ist ein stimmungsvolles modernes Märchen. In seinen besten Momenten erinnert es mit seinen monströsen Kreaturen an Ghibli-Filme wie Chihiro, außerdem gefallen mir die souverän inszenierten Wechsel zwischen Idylle und Finsternis - so wird auf visueller Ebene auch die psychologische Zerrissenheit der Heldin gespiegelt. Allerdings erreicht man nicht ganz die erzählerische Klasse eines
What Remains of Edith Finch und die spielerischen Elemente sorgen zwar für überraschend viel Interaktion, sogar für Bosskampf ähnliche Szenen, aber haben ähnlich wie die Sammelobjekte auch einige Defizite. Trotz der ernsten Themen wie Angst, Hass und Depressionen wird man als Erwachsener vielleicht nicht so ergriffen wie in einem
The Cat Lady, das noch abgründiger und grausamer wirkte. Und man wird nicht so schockiert oder verstört wie in einem
Silent Hill oder Survival-Horror der extremen Art. Andererseits findet Sea of Solitude über seine fünf Stunden eine gute emotionale Balance, wirkt überraschend unheimlich, aber in seinen situativen Auflösungen auch heilsam, so dass man der Heldin durch all ihre Konflikte gerne bis zum Ende folgt. Es gibt allerdings lediglich englische Sprachausgabe und deutsche Untertitel, was angesichts der Berliner Bezugs natürlich unheimlich schade ist.