Was passiert bei einer Änderung der Leinwandbreite?
Proportional zur Leinwandbreite verändert sich auch der horizontale Versatz des linken und rechten Teilbildes.
Bei einer kleineren Leinwand wird der horizontale Versatz geringer, der Tiefeneindruck reduziert sich dadurch.
Bei einer größeren Leinwand erhöht sich der horizontale Versatz, der Tiefeneindruck ebenfalls.
Problem dabei: Das kann zu divergenten Sehachsen führen, die Augen müssten "nach außen schielen". Eine solche Wiedergabe ist ganz schlecht. Es kommt zum binokularem Wettstreit. Weil der Seheindruck unnatürlich ist, streiten sich linkes und rechtes Teilbild um die Gunst des Gehirns. Man sieht mal die eine, mal die andere Variante. Das Raumbild zerfällt.
Hier scheiden sich Theorie und Praxis, denn unser Gehirn baut sich auch bei suboptimaler Wiedergabe ein einigermaßen brauchbares Raumbild zusammen - auch wenn dieses weit vom Optimum und einem natürlichen Eindruck entfernt ist. Es ist eine Mischung von erstaunlichen Fähigkeiten, aber auch von Unzulänglichkeiten unserer räumlichen Wahrnehmung, dass Stereoskopie unter falschen Wiedergabebedingungen überhaupt genießbar ist.
Einfaches Beispiel & Experiment: Aus der Konvergenzstellung der Augen schließt das Gehirn auf die Entfernung und dadurch auf die wahre Größe von Objekten - auch wenn der Abbildungswinkel auf der Netzhaut etwas anderes sagt.
Halte eine Hand ausgestreckt und schau auf deinen Daumen, Abstand ca. 60cm. Nun führe den Daumen zu den Augen, reduziere den Abstand auf 20cm. Erscheint dir der Daumen nun tatsächlich dreimal so groß - oder nur ein wenig größer? Wenn du bei dem Experiment ein Auge zuhältst, wirst du beim Heranführen des Daumes einen größeren Zuwachs bemerken als zwei-äugig.
Dieses Verkleinern wirkt der Stauchung bei Reduzierung des Betrachtungsabstandes (wie ich sie unter "Was passiert bei einer Änderung der Betrachtungsentfernung?" beschrieben habe) entgegen: Durch den geringeren Abstand konverigeren die Sehachsen stärker, das führt wieder zu einer verkleinerten Wahrnehmung der Größe (Höhe, Breite) des Objektes in Relation zur Tiefe. Die Nebeneffekte (Gigantismus, Liliputismus, Pappkameraden) bleiben.
Weiterer Aspekt: Das Raumbild muss nicht unbedingt "unendlich tief" sein.
Beispiel dazu: Augenabstand = 60mm. Ein Punkt am Horizont ist auf der 3m HK-Leinwand 60mm horizontal versetzt. Er erscheint wegen der parallelen Sehachsen auch dort, wo er in der Natur ist, am Horizont.
Gibt man das selbe Material auf einem 100cm breiten Flatscreen wieder, ist der Versatz nur mehr 20mm. Bei einer angenommenen Entfernung vom Flat von 2m schneiden sich die Sehachsen nun 1m hinter der Bildschirmebene. Aus einer ursprünglich "unendlichen" Tiefe ist nun 1m geworden. Der TV wirkt nun wie ein "Kasten" mit 1m Tiefe - alle Punkte am Horizont werden 1m hinter der Bildschirmebene wahrgenommen.
Beinbruch ist das keiner, denn es erwartet auch niemand, dass er beim Blick in den Fernseher kilometerweit in die Ferne blicken kann (das Wort "Fernseher" bekäme eine ganz neue Bedeutung). Irgendwie sieht die begrenzte Raumtiefe dieses Kastens aber dann doch aus wie die Bühne eines Laientheaters oder eine Puppenküche. Und leider bewirkt die Stauchung, dass auch die Tiefenausdehnung von Objekten im Vordergrund, z.B. Personen, gegen Null geht.
Zu Gute kommt auch, dass wir zwar gut Größen (Länge, Breite) schätzen können, aber schlecht sind im Schätzen von Entfernungen.