Enslaved ist wie ein künstlerisch als auch philosophisch fein gestrickter, mehrschichtiger Independent-Film, weder aufgeblasen noch der Effekte willen, sondern in erster Linie ein Kammerspiel der Charaktere. Das was so vielen Spielen fehlt macht sich Enslaved zum Leitmotiv, das Zwischenmenschliche, zwei Figuren die über das Spiel hinweg mit soviel Leben gefüllt werden das sie bereits Geschichten erzählen sobald sich nur ihre Blicke treffen. Die Gestaltung der Spielwelt, der Kontrast, Natur gegen Maschinen, Überwucherung und Rost, ein Sinnbild der Charaktere welche ebenfalls im Kontrast als auch Konflikt zu sich und ihrer Welt stehen, eine Welt die zerstört und verlassen in sich ruht, als Abbild einer fragilen und zerrissenen Seele.
Monkey ist mehr als nur der muskelbepackte Schlagetot, mehr als ein leeres Gefäß beklebt mit Abziehbildern ausgewaschener Helden. Monkey ist die Kraft, Katalysator von Trips Wut und Zorn, der Wille zur Tat, stets an der Grenze zur Explosion, Mimik und Gestik sind angespannt, Gefühle angestaut. Wenn Monkey redet oder agiert ist es als würde sich die Luft aufladen, elektrisiert und unruhig, dieser Charakter hat eine Geschichte, eine Vergangenheit, er ist kein Zustand sondern ein Ergebnis seines bisherigen Lebens, dessen Entdeckung und Erforschung gleichzusetzen ist mit der Reise beider Protagonisten.
Im Gegensatz zu Monkey steht Trip. Ist Monkey Trips Weg ihrer Wut Ausdruck zu verleihen so bildet sie wiederum den Schlüssel zu Monkeys Seele. Sie fordert Schutz und Fürsorge, lässt sich aber nicht zum Anhängsel degradieren, sondern ist Dreh- und Angelpunkt des Spiels. In der rauen und trostlosen Spielwelt wirkt sie durch ihre liebevollen Züge wie ein Schatz den es zu beschützen gilt, ein Relikt aus längst verrosteten Zeiten. Wenn sie traurig ist trauert auch Monkey, trauert der Spieler, trauert das Spiel. Ihre Augen spiegeln die Furcht, den Zorn und die Freude wieder die der Spieler über das Abenteuer hinweg durchlebt und wenn ihr auch nur eine Haarsträhne in's Gesicht fällt, so will man ihr sie am liebsten wieder zurückstreichen.
Doch Leid und Liebe liegen in diesem Spiel nah beieinander, tauschen oft ihre Positionen aber bleiben allgegenwärtig und stetiger Antrieb der Geschichte, der Charaktere, des Spielers. Enslaved ist ein Charakterspiel, überbordend vor Menschlichkeit, Gefühlen und Charaktertiefe. Charaktertiefe wie man sie in Videospielen selten und in dieser Form noch nie erlebt hat.