Tja, ich denke da gehört noch eine Menge an Aufarbeitung dazu, wie das in den letzten Jahren gelaufen ist. Die Autorin dieses Buches, das ich gerade lese, Catherine Belton erklärt ja ziemlich genau die Netzwerke des russischen Führungsriege und wie sie systematisch, auch vor den Augen des Westens, aufgebaut wurden.
Die gesamte Wirtschaft war gierig darauf, als Putin in seiner zweiten Amtszeit, nach 2004 damit anfing die ganzen Energieunternehmen des Landes zu verstaatlichen und zu fusionieren, mit der Möglichkeit dass sich auch westliche Anleger daran beteiligen können. Dafür hat man ignoriert, wie er sich große Unternehmen der Oligarchen illegal einverleibte, im Westen respektierte Leute wie Chodorkowski ins Arbeitslager steckte und von diesem Moment an auch die russische Justiz unter staatliche Kontrolle an die Leine legte. Das war der Weg in die Diktatur und das werden die Geheimdienste des Westens sicherlich auch erkannt haben. Im Hintergrund stehen alles KGB-Leute, die Putin seit seiner Zeit in Petersburg um sich geschart hat, damals jüngere Leute, die weitaus skrupelloser sind und für die die Zusammenarbeit mit der Mafia normal war. Diese Leute haben nicht erst irgendwann, sondern von Anfang an den Plan verfolgt, eine bestimmte Form von Kapitalismus in das Land zu holen, um nach einer Weile damit den Westen anzugreifen und zu destabilisieren.
Die Dimensionen, wer da alles gefügig gemacht wird und wie weitreichend das geht, ist teilweise erschütternd.
Die Autorin hat schon Anfang des Jahres in einem Interview gesagt:
Belton: Wir beobachten seit langer Zeit, wie es dem Kreml möglich gewesen ist, durch Gazprom seinen Einfluss in das Herz Europas auszuweiten. Ich erinnere mich an Gespräche in den Jahren 2007/2008 mit einem westlichen Senior Banker, der sagte: Sehen Sie sich die ganzen Gazprom-Zwischenhändler in Deutschland an, die sind alle mit ehemaligen Stasi-Funktionären besetzt. Das sind alles Wege, um Amtsträgern Geld zuzuleiten und zu beginnen, sie zu korrumpieren oder sie zu benutzen, indem man mit ihnen eine Art russischer Softpower zur Geltung bringt.
Ich finde, ein Beispiel war gerade am vergangenen Wochenende der nun ehemalige Chef der Deutschen Marine, der sagte, Russland solle als Großmacht anerkannt und Russland sollte Respekt gezollt werden und alles würde gut. Das scheint ein wenig unsinnig, wenn es doch Russland ist, das mehr als 100.000 Soldaten an der ukrainischen Grenze zusammengezogen hat.
Sie sehen, mit dieser großen ökonomischen Präsenz kann man Einfluss gewinnen. Gazprom ist mit Hilfe seiner Mittelsmänner und mit Hilfe von Leuten wie dem ehemaligen Kanzler Gerhard Schröder darin sehr, sehr effektiv.
Ich weiß gar nicht, wie die Situation wäre, wenn die Amerikaner sich da nicht so engagieren würden. Da haben sich über Jahrzehnte so viele die Taschen voll gemacht, die haben doch alle Schiss, dass das mal rauskommt.