Ich glaube, ich muss mich hier auch mal auskotzen, vielleicht hilfts ja: dass das Jahr 2020 eher semi-gut bisher war, dürfte bekannt sein, aber bei mir persönlich ist das das mit Abstand beschissenste Jahr, das ich bisher miterleben durfte!
In meiner Arbeitsstelle (stationäre Jugendhilfe, ich bin einer von acht Teamleitern, habe noch 6 Kolleginnen im Team) verkommen wir zum Ausbildungsverein der Einrichtung. Anfang des Jahres hat mein Chef eine Mitarbeiterin (Quereinsteigerin, 40 Jahre), die zwar erst seit 2 Jahren bei mir im Team war, aber trotzdem super Arbeit geleistet hat, in ein anderes Gruppenhaus (Gruppenhaus 7), in dem es nicht so gut läuft, versetzt. Wir haben dafür einen jungen männlichen Kollegen im "Austausch" bekommen, der sich dort nicht wohlgefühlt hat und eigentlich kündigen wollte. Nach einem Gespräch mit unserem Chef, hat er sich nochmal auf unser Gruppenhaus als zweite Chance eingelassen. Mal seit langem wieder einen männlichen Kollegen im Team haben, hat mich natürlich auch gefreut.
Rund um Pfingsten hat er unsere Berufspraktikantin (so nennt man das 5. Ausbildungsjahr zum Erzieher), nach ihrer praktischen Prüfung ebenfalls in ein anderes Gruppenhaus (Gruppenhaus 5) wechseln lassen, da dort eine Kollegin in den Ruhestand gegangen ist und sie perspektivisch nach den Sommerferien eh dort hin wechseln sollte - soweit, so gut, hat auch alles gut gepasst.
Am ersten Arbeitstag nach den Sommerferien eröffnet mir dann oben genannter Kollege, dass er morgen kündigen wird - ohne Vorwarnung, einfach so. Ohne es vor den Sommerferien beispielweise in der Supervision anzusprechen, dass er vielleicht mit dem Gedanken spielt zu kündigen... Naja, seine Arbeitsweise war auch relativ unsicher, Hilfestellungen hat er nicht angenommen, Gesprächsangebote hat er abgeblockt. Da er noch nicht mal ein Jahr bei uns arbeitet, hat er auch nur einen Monat Kündigungsfrist, er war also dann zum 01.10 weg und wir einer weniger im Team (6 Leute).
Jetzt muss ich zwischenrein schieben, dass sich eine andere Kollegin am 03.10.2019 das Sprunggelenk doppelt gebrochen hat, es zunächst schlecht operiert wurde und sie nach einem abgebrochenen, ein monatigen Wiedereingliederungsversuch ein zweites mal operiert wurde. Sie fehlt uns also schon seit einem Jahr und das ohne Ersatz, macht 5 anstatt 7 Mitarbeiter (insgesamt 75 Wochenstunden) seit Pfingsten.
Seit September haben wir nun eine neue Berufspraktikantin, die sich als Glücksgriff herausstellt, die menschlich, also auch fachlich, super ins Team passt und super Arbeit macht. Also fehlt im September eigentlich nur die Langzeitkranke. Jetzt hat mein Chef zum Oktober, eine weitere Kollegin in das Gruppenhaus (7) versetzt, in welches die andere Kollegin bereits anfangs des Jahres gewechselt ist. Grundsätzlich hatte ich damit kein Problem, weil die Kollegin relativ unzuverlässig, krankheitsanfällig war und nie so richtig ins Team gepasst hat.
Nochmal in aller Kürze: zum 01.10 hat der Kollege gekündigt, die andere Kollegin wird in ein anderes Gruppenhaus versetzt (beide arbeiten 40Std/Woche, macht ein Minus von 80 Wochenstunden), wir sind jetzt also zu 4., allerdings startet jetzt die Wiedereingliederung der Langzeiterkrankten. Dabei darf man allerdings nur werktags arbeiten und keine Nachtbereitschaften machen - die Berufspraktikantin macht aufgrund ihrer Einarbeitungsphase auch noch keine Dienste alleine, sowie noch keine Nachtbereitschaften. Diese Dinge verteilen sich nun also 3 Mitarbeiter (mich, eine ältere Kollegin, die aktuell ihr 40. (!!!) Dienstjubiläum hat und eine ebenfalls ältere, aber -eigentlich- topfitte Kollegin). Da es aktuell keine Bewerbungen gibt, hat unser Chef eingesehen, dass wir so nicht arbeiten können und hat wiederum von einem anderen Gruppenhaus (3) einen jungen, aber doch schon erfahrenen Kollegen für den Oktober zu uns versetzt. Er war eine super Hilfe, hat uns viel abgenommen, musste jetzt zum 01.11 aber wieder in sein Gruppenhaus, da es von vorhinein klar war, dass er nur bei uns Aushilft. Die Wiedereingliederung der Langzeitkranken verläuft aber gut und sie kann uns nun auch mit Wochenenddiensten und Nachbereitschaften unterstützen. Uns fehlen aber immer noch zwei Mitarbeiter und insgesamt 80 Wochenstunden. Weiterhin gibt es keine Bewerbungen, so kommt der Chef auf die Idee, wiederum eine andere Mitarbeiterin bei uns Aushelfen zu lassen. Diese hat darauf aber gar keinen Bock und gibt diverse Gründe an, warum sie das nicht machen könne. Mein Chef besteht aber darauf... ich soll sie einplanen. Also schreibe ich einen neuen Dienstplan, komme ihr etwas bei den Dienstzeiten entgegen, um sie etwas positiv zu stimmen. Was passiert schlussendlich? Sie lässt sich den kompletten November krankschreiben, somit ist uns absolut nicht geholfen. Kollegialität sieht anders aus und wir müssen die Machtspielchen des Chefs ausbaden. Zumindest macht unsere Berufspraktikantin weiter gute Fortschritte und kann mittlerweile auch Nachtbereitschaften übernehmen, wenigstens etwas. Da sie aber in der Ausbildung ist, hat sie noch mehrere Wochen Blockschule im Jahr - so wie jetzt wieder zur Zeit. In dieser Zeit fehlt sie natürlich dann bei uns in der Gruppe. Die eine ältere, aber eigentlich topfitte und ansonsten auch kaum kranke Kollegin erwischt es und sie bekommt plötzlich relativ starke Rückenprobleme und wird zwei Wochen krankgeschrieben. Somit sind wir in der Zeit zu 4.! Langsam aber sicher merken wir alle, dass die verbleibenden Mitarbeiter alle über der Belastungsgrenze sind.
Kommenden Freitag kommt nun eine Bewerberin zum Probearbeiten vorbei. Bis jetzt hat sie nach der Ausbildung genau 3 Monate Berufserfahrung und die auch noch im Kindergarten. Sie wünscht sich aber eine größere Herausforderung und hat sich deshalb bei uns beworben. Im Vorstellungsgespräch hat sie auch einen recht guten Eindruck vermittelt - hoffen wir mal, dass das klappt und sie am 01.01 bei uns anfängt. Dann wäre nur noch eine Stelle zu besetzen und somit Licht am Ende des Tunnels...
Dazu kommt die ständige Belastung während der Coronazeit. Während des ersten Lockdowns, hatten wir alle Kinder und Jugendlichen auch vormittags hier in der Gruppe und haben mit ihnen ihre Aufgabenblätter für die Schule gemacht. Also ein Mitarbeiter für 9 Kinder und Jugendliche, von der 2 Klasse Förderschule, bis zur 10. Klasse Gymnasium, nach dem Vormittagseinsatz braucht man eigentlich nichts mehr und ist fertig mit der Welt, vor allem, weil man ja vorher schon eine Nachtbereitschaft gemacht hat. Dadurch entstanden natürlich auch viele viele Überstunden, da wir ansonsten, außer zur Teamsitzung, vormittags eigentlich nicht in der Gruppe sind. Unser Klientel durfte zunächst ja auch nicht mehr nach Hause fahren, was bedeutete, dass wir fast sechs Wochen lang alle Gruppenmitglieder 7 Tage/Woche hier in der Gruppe hatten, was an sich schon sehr anstrengend ist. Sonst entzerrt sich das zumindest am Wochenende etwas, wenn einige nach Hause fahren, aber zu der Zeit im Frühjahr, konnte man auch noch nicht abschätzen, wie lange der Lockdown und das Besuchsverbot sich noch hinziehen.
Dann hat man natürlich auch noch ein Privatleben, das in der Zeit auch sehr hart war. Ich habe ja zwei Jungs (4,5 & 3 Jahre alt) und während des ersten Lockdowns musste ich mich diverse Stufen nach oben Streiten, damit ich einen Notbetreuungsplatz in Anspruch nehmen konnte, da meine Frau Arzthelferin ist und auch arbeiten musste. Zunächst musste ich sogar meinen Dienstplan vorlegen und durfte die Kinder nur bringen, wenn beide Elternteile gearbeitet haben. Was aber bedeutet: Frau beginnt um 07:30 Uhr, ich um 13 Uhr zu arbeiten. Die Kinder darf ich an dem Tag nur von 12 - 14:30 Uhr in den Kindergarten geben, da meine Frau bis 14 Uhr arbeitet und ich einen Arbeitsweg von ca. 1std. habe und also gegen 12 Uhr losfahre. Dass das pädagogisch für die Kinder absoluter Quatsch ist, weil sie ja nur zum Mittagessen und Mittagsschlaf den Kindergarten besuchen dürfen, hat niemanden interessiert

Nachdem ich mich mit dem Landratsamt, Jugendamt und der Kirchenverwaltung gestritten hatte, musste ich keinen Dienstplan (Datenschutz?!) mehr vorlegen und ich konnte die Kinder ganz normal von 09 - 14.30 Uhr bringen (um bei dem Beispiel von oben zu bleiben). Das ich täglich andere Dienstzeiten in einem Schichtsystem arbeite, macht die Sache natürlich nicht leichter.
In unsere Einrichtung gibt es ja nicht nur pädagogisches Personal, sondern auch hauswirtschaftliches, Therapeuten, Hausmeister, etc..
Letzte Woche bekommen wir die Nachricht, dass eine Therapeutin, ca. 50 Jahre alt, die seit 2 Jahren bei uns arbeitet und wirklich eine ganz tolle Frau ist, nach einer Routineoperation einen Schlaganfall erlitten hat. Dabei wurde u.a. das Sprachzentrum beschädigt und sie ist seitdem halbseitig gelähmt und liegt auf der Intensivstation
Seit gestern ist unser Hausmeister und unsere Hauswirtschaftskraft (Ehepaar) krankgeschrieben. Ihre 29 jährige Tochter musste in eine onkologische Fachklinik mit dem Hubschrauber geflogen werden. Sie hat Krebs und bereits eine Chemotherapie hinter sich, es sah alles auch ziemlich gut aus, sie hat sogar eine neue Ausbildung angefangen und war voller neuem Lebensmut. Gestern war der Infostand, dass sie dort in dieser Klinik auf der Intensivstation liegt. Heute morgen habe ich die Nachricht erhalten, dass sie verstorben ist
Im Moment hört man nur von solchen beschissenen Nachrichten: Die Oma meiner Kollegin ist verstorben, die junge Kollegin meines besten Freundes hat Krebs (sieht auch schlecht aus), von einem anderen Kollegen meines Freundes, ist die Schwester bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen (letztes Jahr geheiratet - stand mitten im Leben)
Mein Vater, ebenfalls im pädagogischen Bereich unterwegs, wurde wegen irgendwelchen haltlosen Anschuldigungen von Eltern eines Kindes von einer heilpädagogischen Wohngruppe zu einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge versetzt. Anstatt die Einrichtungsleitung sich hinter ihren Mitarbeiter stellt, wird dieser erstmal versetzt, um die Eltern zu besänftigen - tolles Krisenmanagement! Im kommenden Jahr hätte er 20 jähriges Dienstjubiläum gehabt. In der neuen Wohngruppe werfen sie ihm nach 3 Wochen vor, dass er zu nah an den Jugendlichen wäre. Ja, er hat von den Jugendlichen auch schon die Rückmeldung bekommen, dass es schön ist, dass ein Mitarbeiter sich mal mit an den Tisch setzt und den Jugendlichen zuhört, von ihrem selbst gekochten Essen probiert... sich halt einfach um sie kümmert und sich für das Klientel interessiert. Wird dort wohl nicht gern gesehen, scheint ein komischer Laden dort zu sein. Ende letzter Woche hat er sich dann mit der Leitung dort auf einen Aufhebungsvertrag geeinigt und ist jetzt das erste mal in seinem Leben arbeitslos - er wird im Februar 63.
Das musste jetzt mal raus. Im Moment könnte ich gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen wollte. Danke fürs zuhören!