Foren Aktuelles Erstellen Mitglieder Anmelden

REVIEW Dead to Rights: Retribution [Review]

Benutzer, welche sich diesen Thread anschauen:

Wie kann man ein Spiel wie Rogue Warrior verbessern? Man vergleicht es mit Dead to Rights: Retribution.

Vorweg: Ich habe den ersten Teil wirklich geliebt, trotz der bemerkenswert dummen Story, die Daniel Weissenberger dankenswerterweise ausführlich zusammen gefasst hat. Ein cooler Shooter mit tollen Mechaniken und Tricks in einem schönen Neo-Noir Ton. Teil 2 war Sondermüll, aber der Erstling hat definitiv einen Platz in meinem Herzen. Umso tragischer ist die Unverschämtheit, die in Form von Retribution in den Regalen ausliegt. Noch ein Disclaimer für die, die meine Professionalität anzweifeln wollen: Ich habe es nicht durch gespielt. Aber wenn ein Steak aussieht wie Scheiße, riecht wie Scheiße und schmeckt wie Scheiße, dann muss ich es nicht komplett aufessen, um es zu bewerten zu können. Und auf den Scheiß: "Es wird später besser." fall ich seit dem Final Fantasy XIII Fiasko auch nicht mehr rein.

Jack Slate. Nicht verwandt oder verschwägert. Mit niemandem!

Das Spiel beginnt mit Jack Slate, dem Helden aus Teil 1. Oder sagen wir besser dem Namen aus Teil 1, denn weder von der Präsentation noch vom Charakter hat dieser Slate etwas mit dem Slate aus Teil 1 zu tun. Selbst der Kanon stimmt nicht oder wie oft soll sein Vater denn bitte noch sterben Spoilerende? Jack Slate stellt sich vor als er einen Kollegen von der Polizei bei einem Einsatz zu einer Geiselnahme in einem Hochhaus kurzerhand die Autorität abspricht und sich entgegen klarer Befehle auf eigene Faust in Richtung Gebäude macht. Vorher gibt er brav Marke und Pistole ab, als ob man danach tun und lassen dürfte, was man will. Das war schon Klischee, als Charles Bronson es gemacht hat. Übersetzt will Jack Slate uns also früh wissen lassen:

"Hi, ich bin das größte Arschloch und gleichzeitig der schlechteste Bulle der Welt. Befehle von Vorgesetzten? Gesetze? Polizeirichtlinien? FUCK OFF! Ich mach, was ich will und zieh mein Ding durch! Ich bin Bruce Willis auf Steroiden. Ich bin das uneheliche Kind von Clint Eastwood und Charles Bronson im God Mode. Ich bin für Chuck Norris, was Chuck Norris für alle Normalsterblichen ist. Ein mit Terroristen besetztes Hochhaus nehm ich im Alleingang auseinander und wenn es jede Geisel das Leben kostet, den Preis bin ich bereit zu bezahlen. Hör mir op mit Verhandlung und friedlicher Lösung, ey! Diese Stadt ist hart und nur ein echter Bulle von der alten Schule mit Klöten von 10 kg Gewicht pro Seite kann hier was ändern. So'n richtiger Obercop, der über dem Gesetz hockt, mit der Lizenz zum Töten, Schänden und Kinderfressen! Und alles im Namen der Gerechtigkeit und shit. Grummel, grummel, tief kling, grübel, grübel...!"

Mit jeder Spielsekunde muss man den muskelbepackten, böse blickenden Vollspasten mehr hassen. Seine Idiotie ist mit Worten kaum zu beschreiben. Wie ein Berserker stürzt er sich durch die Unterwelt und massakriert, was ihm vor die Hände kommt. Dabei sieht er so falsch proportioniert aus, dass ein Chris Redfield im Vergleich beinahe einer Zeichnung von da Vinci entstammen könnte. Ein Ding der Lächerlichkeit ist es, wenn er wie ein von einer Biene gestochenes Kleinkind brüllend und schreiend minutenlang vor seinem angeschossenen Vater rum turnt Spoilerende, anstatt sich mal etwas auf sein Training zu verlassen und etwas Erste Hilfe zu leisten. Ich glaube nicht, dass die Entwickler bei der Szene im Sinn hatten, dem Spieler Bauchschmerzen vor lauter Lachen zu verpassen. Nichts anderes jedoch ist hier geschehen. Ich zahle demjenigen 100 Euro, der bei der Szene ernst bleiben kann (Rechtsbindungswille ausgeschlossen!).

ver.di mit Waffen?

Weiter hab ich von der Story nichts mit bekommen. Irgendeinen Union (Gewerkschaft?), deren Mitglieder wie Clowns aussehen und mit schweren Waffen durch die Stadt laufen und Unterstützung von Militärleuten haben... wen juckt's? Solange sie grimmig gucken, darf Jack sie erschießen. So läuft das zumindest hier im Staate Fuck-law-nistan.

Nachdem man den Scheiß akzeptiert hat, geht es unmittelbar über zur vielleicht schlechtesten Kontrolle seit... weiß nicht, seit dem letzten Spiel, bei nichts funktioniert hat. Zu allererst kann die Belegung nur jemandem eingefallen sein, der zuletzt den NES Controller in der Hand gehabt hat. In diesem ThirdPersonCoverShooter liegen das in Deckung gehen, das Entwaffnen der Gegner und das Sprinten auf dem SELBEN Knopf. Dass das ein Rezept für absolutes Desaster ist, dürfte jedem einleuchten. Wie oft rennt man wie blöd um den Gegner herum, wo man doch nur seine Waffe haben will. Oder man will in Deckung hechten und springt mal locker-flockig drüber mitten ins Feuer. Oder umgekehrt, man will sich zurück ziehen und hängt plötzlich neben dem Feind an der Wand fest. Ist klar, warum diese drei Aktionen niemals auf der gleichen Taste liegen sollten? Und ja, Gears of War hat einen ähnlichen Fehler gemacht. Aber bei Gears konnte man beispielsweise nicht versehentlich über eine Wand sprinten, wenn man noch gar nicht dran klebte. Das passiert bei Retribution sehr wohl.

Dazu kommt, dass diese Aktionen nicht nach dem Willen des Spielers ausführbar sind, nein! Nur wenn der kontextsensitive Prompt erscheint, lässt sich die gewünschte Aktion ausführen... manchmal. Wo wär denn auch die Herausforderung, wenn das immer klappen würde? Um Gegner als Geisel zu nehmen, sind erstmal zwei Tasten gleichzeitig zu drücken, um ihn zu greifen, was im dritten Anlauf meist klappt, bevor eine weitere Taste zu drücken ist, damit der Gegner tatsächlich als Schutzschild vor sich gehalten werden kann. Alles selbstverständlich während die restlichen fünf Clowns auf euch ballern.

Shoot'n'Beat

Womit wir beim zweiten Problem wären. Shooter, ok. Beat'emUp, nicht so gerne, aber auch das kriegen wir hin. Abwechselnd Shooter und Beat'emUp? Etwas sinnlos, aber ok. ABER DOCH NICHT GLEICHZEITIG!!!!!!!!!!!!!!!!! Die eine Hälfte der Gegner schießt aus der Deckung heraus auf euch, die andere sprintet auf euch zu und will einen Faustkampf. Die bringen nicht mal Messer zu einer Schießerei, die bringen gar nichts. Manchmal rennen die Gegner los und suchen Waffen, lassen diese wieder fallen, nehmen sie wieder auf oder rennen einfach nur wie kopflose Hühner um die immer praktisch aufgestellten halbhohen Mauern, bis entweder Jack oder ihre eigenen Mannen sie durch Friendly Fire erlösen. Es ist ein erbarmungswürdiger Anblick. Jedes Tamagochi hatte eine bessere KI.

Die Beat'emUp Sequenzen sind eine Katastrophe vor dem Herrn. Mit teils zweiphasigen Animationen prügelt Jack ohne Sinn und Verstand auf Gegner, die jegliches Feedback vermissen lassen. Ohne gescheites Targeting geht die Hälfte der Schläge ins Leere oder treffen dank Kollisionsabfrage direkt aus der Hölle trotz Distanz von einem halben Meter. Gegner breakdance-glitchen sich durch den Fußboden, wenn nicht Jack eine vorgefertigte Superanimation zieht, die aus einem Comicwrestlingtitel stammen könnte. Mit cool haben diese Animationen nicht das Geringste zu tun, außerdem passen die Positionen von Jack und seinem Gegner oft genug gar nicht zusammen. Ein Glück daher, dass die Kamera nicht selten Probleme hat, diese Moves überhaupt einzufangen.

Die Schusssequenzen sind besser not. Gegner halten eine geradezu lächerliche Anzahl an Treffern aus. Ein Volltreffer aus Point-Blank-Range mit einer Pumpgun direkt in den Genitalbereich wird mit einem kurzen Grunzen beantwortet bevor weiter geschossen wird. Kopftreffer werden manchmal nicht gezählt, Körpertreffer könnten genauso gut gar nicht gewertet werden, so wenig Wirkung haben sie. Hier fällt auch die extrem ungenaue Steuerung auf, die durch viel zu große Fadenkreuze nie wirklich präzise Schüsse auf bestimmte Körperteile erlaubt. Waffen sind limitiert und haben in der Regel nur eine geringe Anzahl an Munition bis Jack sie automatisch weg wirft. So seid ihr gezwungen, permanent den Raum nach auf dem Boden verstreuten Knarren abzusuchen anstatt euch endlich mal auf die eigentlichen Kämpfe zu konzentrieren. In die Sparte fallen auch die als Geiseln genommenen Gegner, die, nachdem man sie erst geprügelt, überwältigt und dann zu Boden getreten hat, nichts besseres zu tun haben, als unmittelbar zur nächsten Waffe zu rennen und weiter zu kämpfen. Dank Ragdollphysics aus der Hölle ist auch nicht zu erkennen, ob nun ein Gegner tatsächlich ausgeschaltet ist oder ob er seinen kaputten Körper gleich entknotet und sofort wieder zum Kampf übergeht.

Es gibt noch einen Bullettime Modus, in dem ihr in Zeitlupe das tun könnt, was ihr sonst auch macht: Aus der Deckung heraus Kopfschüsse verteilen. Wo ist der Hechtsprung? Wo sind die Ausweichmanöver mit zwei Knarren in der Hand? Wo ist John Woo? Wie ein grimmiger Cop hinter einer Mauer hervor lugt, um mit einem MG einem Clown in die Fresse zu ballern, muss ich nicht in Zeitlupe sehen. Und wo wir grad dabei sind, wo sind die Disarms, also die Entwaffnungen? Die Frage ist ernst gemeint, es scheint welche zu geben, aber wirklich hinbekommen hab ich nur das einfach Wegnehmen der Waffe. Ohne gescheites Tutorial (dafür wird einem das Boxen gleich ZWEI Mal erklärt!) und nur mit vagen Beschreibungen während der Ladezeiten kann ich auch nix anfangen. Das einfache Aus der Hand nehmen ist unspektakulär und somit langweilig. Der ganze überdrehte Stil des ersten Teils ist weg. Geblieben ist ein düsterer, viel zu dreckiger Shooter, der sich selbst viel zu ernst nimmt und damit viel zu lächerlich rüber kommt. Nicht mal ein Max Payne hat sich ansatzweise so ernst genommen.

Lassie als Killerspieler

Euer dämlicher Köter ist mit an Bord, um Feinden den Hals aufzubeißen, Waffen zu sammeln und mitten auf dem Schlachtfeld zu sterben, damit ihr ihn im Schusswechsel wieder beleben und ebenfalls sterben könnt. Grandios! Ähnlich wie in Teil 1 müsst ihr die Töle an bestimmten Stellen selber übernehmen. Ihr haltet die Schleichtaste gedrückt und ähm... schleicht von Gegner zu Gegner, alle passender weise schon mit dem Rücken zu euch gedreht, drückt dann jeweils X, um zu sehen, auf welch verstörende Art das Flohmobil die Gegner zerfleischt und schleicht dann zum nächsten Opfer, das die Todesschreie seines Kameraden, der zwei Meter von ihm entfernt von einer wilden Bestie zerfleddert wurde, glücklicherweise nicht mit bekommen hat. Anspruch und Spaß gleich Null.

Au, meine verdammten Augen!

Dass nix funktioniert, ist schlimm genug, aber muss es dann auch noch so scheiße aussehen? Eine braune Brühe, so unscharf und verschwommen, dass ich glatt annehmen könnte, die Konsole wär kaputt, wenn es sich nicht um eine PS3 gehandelt hätte. HD hab ich jedenfalls anders in Erinnerung. Jack selbst ist kein Charakter, das ist ein Ziegelstein auf Beinen und genauso geschmeidig bewegt er sich auch. Gleiches gilt für sämtliche Gegner. Bis heute warte ich darauf, dass mal die eigentlichen Texturen geladen werden. Phsyikeffekte sind vollkommen kaputt und sorgen für unglaubliche Momente in denen Gegner in den anatomisch unmöglichsten Verrenkungen durch die Luft oder über den Boden schlittern. Ein Kollege flog nach einem Ellbogenstoß einmal durch den halben Level bevor er sich drehend hinter Jack einfand. Zwei Polizisten lösten sich unmittelbar vor Jack in Luft auf. Im Gegenzug ploppten mehrere Pappkartons direkt vor Jacks Nase auf. Die Kamera ist die meiste Zeit viel zu dicht an Jack ekelhaften, detailarmen Rücken, sodass man kaum etwas von der Umgebung sehen kann. Goreeffekte sind ebenfalls extrem billig. Blut fließt in Massen, vor allem wenn Shadow die Gegner bearbeitet, aber Schadenstexturen fehlen vollkommen. Unmittelbar nach Spielen wie Heavy Rain oder God of War III fällt es sehr schwer, eine derartige Präsentation zu akzeptieren. Nun kann sicherlich nicht jedes Spiel die Qualität der beiden genannten Games haben, aber dass diese Titel und Retribution zur gleichen Konsolengeneration gehören sollen, ist kaum zu glauben.

Der Sound ist keinen Hauch besser. Ob Musik überhaupt dabei ist, weiß ich zum Zeitpunkt des Tippens schon gar nicht mehr. Die Effekte sind nichts sagend und schwach und das Voiceacting ist eine Zumutung, für die ich normalerweise Sonderzuschlag erheben sollte. Ich kann mir den Quatschkopf, der Jack verbrochen hat, geradezu bildlich vorstellen, wenn er in schon besagter Vater-Sterbe-Szene Hände ringend versucht, die Anweisung auf dem Skript um zu setzen, um seine zwei Mark fuffzig pro Stunde zu verdienen.

Worst... shooter... eeeever

Der einzige, der hier Retribution geltend machen dürfte, wäre ich, weil ich dieses Machwerk für Vollpreis erworben habe als großer Fan des Erstlings. Ich hör bis hier die Programmierer lachen. Das Spiel hat nix mit Vergeltung oder Rechten zu tun, die Reihe ist tot. Im Grunde war Teil 2 schon eine Totgeburt, aber das Spiel war geradezu göttlich im Vergleich zu diesem mit coolem Cover ausgelieferten Datenmüll. Jack Slate lässt einen Chris Redfield da stehen wie ein Genie und die Jungs aus Army of Two wie die Eloquenz in Person. Bei all den Menschen, die im Spiel sterben, wäre der einzige, der es wirklich verdient, die Hauptfigur. Eine vollkommen idiotische Controllerbelegung, die dann auch noch nur in einem Drittel aller Fälle tatsächlich so funktioniert wie geplant, macht das Spielen zur reinen Qual. Der Mix aus Beat'em UP und Shooter funktioniert zu keinem Zeitpunkt und macht das Gameplay, bei dem die Gegner nicht wissen, was sie tun sollen, zu einem schlechten Witz.

Dead to Rights: Retribution ist ein Spiel, das in der Form eigentlich nicht hätte veröffentlicht werden dürfen. Wie diese Datenträgerverschwendung den Weg durch die Qualitätskontrollen geschafft hat, ist mir ein Rätsel. Selbst einige der schlechteren Titel dieser Generation wirken geradezu frisch im Vergleich mit Jack Slates neuesten (und hoffentlich letzten) Eskapaden. Maximal ein Titel wie Rogue Warrior dringt noch in die Tiefen eines DtR:R vor, das hatte aber wenigstens einen guten Voiceactor als Lead. Retribution hat nichts. Gar nichts. Und wenn es nach mir ginge, nicht mal Käufer oder Entleiher. Es sei denn, ihr wollt mal richtig ablachen. Dann stellt auf easy und quält euch vor zu Daddies Tod Spoiler- und Reviewende.
 
Zurück
Oben