Da hier, glaube ich, kaum jemand im Onkelzforum unterwegs ist, poste ich mal meinen Beitrag von dort hier:
40 Jahre Böhse Onkelz. 40 Jahre. Böhse. Onkelz. Es gibt wohl kaum einen Menschen in Deutschland, der noch nie von den Onkelz gehört hat. Und es gibt wohl kaum einen Menschen in Deutschland, der keine Meinung über die Onkelz hat. „Gehasst, verdammt vergöttert“ ist weitaus mehr als nur eine alkoholgeschwängerte Phrase, die sich gut grölen lässt. Und nur wir eingeweihten wissen, wieso diese drei simplen Worte so viel mehr bedeuten. „Böhse Onkelz“. Das ist nicht nur der Name einer Band, es ist die musikalische Autobiografie vier Frankfurter, die uns ihr gesamtes Leben, ihre Ängste, Wut, Liebe, Schmerzen, Dämonen, Herzen und Seelen geöffnet und ausgebreitet haben. „Böhse Onkelz“ ist auch der Name dieses Spätwerks, und nicht etwa der selbstbetitelte Name eines Debüts. „Böhse Onkelz“. Ein treffender Name für dieses Spätwerk, das womöglich das letzte Onkelz-Album aller Zeiten sein wird und das hervorragend beschreibt, was wir in den zwölf Songs plus Prolog geboten bekommen – eine Zusammenfassung einer Band – oder anders gesagt, ein Rückblick auf vier Leben. Unweigerlich muss ich hier an Hermann Hesses „Stufen“ denken, weshalb ich hier nicht auf jeden einzelnen Song eingehe, sondern nur meine Ersteindrücke schildern möchte. Ganz gemäß der berühmten Zeile jenes Gedichtes,…
…„jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“
Schon der „Prolog“ bietet so viel Inhalt, dass man jedes Wort auf die Goldwaage legen sollte. Keine Silbe ist sinnfrei gewählt, alles hat Gewicht. Fast schon hätte es nur dieses Prologs ohne weiterer Lieder gebraucht, um zu verstehen, um was es der Band bei „Böhse Onkelz“ geht - ein sich Vergegenwärtigen, was 40 Jahre Onkelz bedeuten. Immer wieder greifen die Onkelz in diesen zwölf ihre eigene Geschichte auf, ihr Leben. Immer wieder beziehen sie sich selbstreferenziell auf ihr Œuvre, und nur die Kenner ihrer Songs können sich ganz dem hermeneutischen Zirkel hingeben. In dieser Form hat es das bisher noch nie gegeben. Unweigerlich muss ich bei „Die Zeit der großen Kämpfe“ an alte Songs wie „Gesetze der Straße“ denken, aber auch „Onkelz vs. Jesus“ der Adiós (das meiner Meinung nach genauso wie „Einmal“ durchaus auf „Böhse Onkelz“ hätte erscheinen können) habe ich sofort im Kopf. „Großes Maul und nichts dahinter“ – „Wir waren doof aber selbstbewusst“, „Das Gaspedal ganz durchgedückt“ – „Liebten den Geruch von Benzin am Morgen“. Schon „Onkelz vs. Jesus“ war ein Rückblick, thematisch reiht sich „Kuchen und Bier“ nahtlos daran an und eröffnet einem den erweiterten Sinnhorizont zu den alten Liedern. Auch „Flammen im Herz“ weckt bei mir sofort eine Assoziation zu „Flammen“ der EINS, und all dem, was darin beschrieben wird, während „Hinter der Musik das Rezept für ein Desaster“ die vielleicht stärkste Zeile des Albums ist. Sie lässt uns alle nochmal vergegenwärtigen, dass die Onkelz nicht nur Musik gemacht haben, sondern ihr Leben besungen haben. Es wurde schon oft beschrieben, und doch mag ich es wiederholen – (fast) alles, was besungen wird, jedes Lied, alles ist genauso passiert und ist autobiografisch.
Doch es geht auch weitaus offensichtlicher, fast schon mit Selbstzitaten, die dieses Spätwerk so besonders machen. „Was lange währt wird endlich Wut“ katapultiert uns direkt ins Jahr 1995, „Hier sind die Onkelz“, während „Macht Krach, Desperados“ uns zur Memento aus dem Jahr 2016 trägt. „Macht Krach und reckt die Fäuste“. Ein bisschen schmunzeln musste ich bei Desperados dann doch, denn auch hier hatte ich sofort ein Bild im Kopf – nämlich das geniale Cover vom „Spiel mir das Lied vom Tod“-Bootleg aus dem Jahr 1995.
„Des Bruders Hüter“ macht hier gleich weiter. „Da wo wir gehen, wo wir stehen“ ist eine Referenz auf „Wo auch immer wir stehen“ der Memento, und in Gänze nur zu verstehen, wenn man die Geschichte der Band, das Verhältnis von Kevin und Stephan und natürlich die Songs kennt. „Wird das Leben hart“ kann durchaus als Anspielung auf „Nichts ist so hart wie das Leben“ gesehen werden, auch hier gilt es wieder, die Gesamtaussage des Liedes von 1996 zu memorieren und in Bezug auf das Leben der vier Frankfurter zu setzen.
Das gesamte Werk ist geprägt hiervon, es ist ein wahres Sammelsurium für Kenner. „Ein Hoch auf die Toten“ verweist „Gleiches Recht für alle, jeder kommt mal dran“ auf „Der Preis des Lebens“ der 1998er Viva Los Tioz, und noch offensichtlicher wird an Trimmi gedacht – „Der Tod kommt Freunde und Familie hol’n; die Besten hat er schon gestohl’n“. „Nur die Besten sterben Jung“ vom 1991er Album Wir ham‘ noch lange nicht genug hätte man wohl kaum besser indirekt zitieren können. „Ich hänge den Himmel von Rosen“ erweckt bei mir wieder eine Assoziationskette, und ich lande erneut im Jahr 1998 – „Ich pflücke Rosen für dein Grab“. Wie es schon im „Prolog“ heißt – „Aus Respekt vor den Toten wurde alles genau so erzählt, wie es sich zugetragen hat“.
Ich könnte ewig so weitermachen, überall hinterlassen uns die Onkelz Krümel, die uns auf eine Spurensuche in ihr Gesamtwerk, ja, ihr Leben versetzt. Jeder wird vielleicht etwas anderes finden und interpretieren, aber wir alle wurden herzlich eingeladen, uns gemeinsam auf die Spurensuche zu begeben.
Als letztes möchte ich auf die „Erinnerung tanzt in meinem Kopf“ eingehen. Das Lied kann für sich selbst stehen, und sagt alles aus, was gesagt werden muss. Doch auch hier möchte ich noch einige Referenzen hervorheben, die verdeutlichen sollen, was dieses Spätwerk so bedeutend macht. Fangen wir doch gleich beim Titel des Liedes an. „Erinnerung tanzt in meinem Kopf“. Mühelos könnten, dürfen, ja, müssen wir hieraus ein Zitat im Zitat machen, auch wenn es im Booklet nicht so dargestellt wird. „‚Erinnerung‘ tanzt in meinem Kopf“. „Erinnerung“, Onkelz wie wir, 1987. „Von ganz unten nach ganz oben“ weist meiner Meinung nach direkt in zwei Wege und kann verschieden interpretiert werden, oder eben als beides. Offensichtlich springt uns hier „Ich war ganz unten und ganz oben“ der Adiós von 2004 ins Gesicht, doch musste ich zunächst an „Onkelz 2000“ von „Ein böses Märchen…“ denken, während es uns „Wir wollten lieber krepier’n; als auf Knien leben“ wieder einfach macht – „Lieber stehend sterben“, Weiß, 1993. Und auch eine Referenz auf den damaligen Onkelz-Abschied meine ich entdeckt zu haben, „An meine Brüder und Begleiter, Freunde feiert weiter. Wenn es die Onkelz nicht mehr gibt, hört dieses Lied“ katapultiert mich, vor allem angetrieben durch Dennis Diels und Marco Matthes‘ „Gonzo“-Biografie, auf den Lausitzring 2005, Vaya Con Tioz. Schließe ich die Augen, so habe ich Gonzos Abschiedsrede vor mir, die genau das aussagte, was diese Zeilen nun in sich tragen. Da der Text von Stephan stammt, darf man auch hier gerne darüber nachdenken, wie er wohl nun über Gonzos damalige Wortwahl, das Ende der Band, denkt, und wie er sie in sich aufgenommen hat. Ohnehin ist es wohl kein Wunder, dass die „Gonzo“-Biografie, die sich nun mal mit dem Leben Matthias Röhrs beschäftigt, zu einem recht ähnlichen Zeitpunkt wie „Böhse Onkelz“ erschienen ist. Beides ist Selbstreflektion und eben „Erinnerung“.
Abschließend möchte ich es nun mit Walter Benjamin (1882-1940) halten: „In den Gebieten, mit denen wir es zu tun haben, gibt es Erkenntnis nur blitzhaft. Der Text ist der langanhaltende Donner“, und so wird es auch die Onkelz, die die Texte, die Musik, ja, die musikgewordene Biografie dieser vier Menschen aus Frankfurt länger geben als von 1980-2020. Und noch in 40 Jahren wird man sich von ihnen erzählen, auf die eine oder andere Weise.
„Wenn es die Onkelz nicht mehr gibt,
hört dieses Lied.“