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MOVIE Bart Wux' Filmkritiken: Heute: Coraline

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Wie kommt man auf einen Namen wie Coraline? Jeder muss diesen Namen einfach falsch aussprechen, so wie es jeder im Film, außer den Eltern, auch tut. Dazu kommt die Schreibweise auf der DVD. Sei's drum, das größere Problem ist meiner Ansicht nach ein anderes.

FSK 6. Sechs?????????? Wer hat das denn ausgewürfelt? Das ist der gruseligste Film, den ich in 15 Jahren gesehen habe. Sicher, es fließt kein Blut, es werden keine Folterapparaturen gezeigt, keine Gliedmaßen werden abgetrennt, aber entgegen dem aktuellen Trend zu Splatter, Gore und Torture gibt es noch eine andere Art von Horror, die subtile Art, die, die noch nach dem Filmgenuss nach wirkt, die, die man mit ins Bett nimmt. Diejenige, die wesentlich schwieriger, aber auch wesentlich effektiver und nachhaltiger ist. Vielleicht haben die FSKler das über die letzten SAW geplagten Jahre schlichtweg vergessen oder aber es hat ein Blick auf das Cover gereicht und man hat es ob des Stils als Kinderfilm abgeschrieben. Wenn der Horror nicht ausreicht, spätestens die beinahe nackte Rubensdame mit den 20 Kilo-Titten (pro Seite) hätte Zweifel an der Freigabe geben müssen. Davon ab, dass er völlig falsch freigegeben wurde, ist der Film ein verdammt guter "Tim Burton ohne Tim Burton Film" geworden.

Das junge Mädchen Coraline ist mit ihren Eltern frisch umgezogen. Beide Elternteile sind Schriftsteller und überaus beschäftigt, haben also keine Zeit, sich um Coraline zu kümmern, der einzige Junge aus der Nachbarschaft nervt sie etwas während der Nachbar einen eher verstörenden Eindruck hinterlässt. Und so wundert es nicht, dass das lebenslustige Mädchen auf eigene Faust ihrer natürlichen Neugier nachgeht. Im Haus findet sie alsbald eine kleine Türe, die tagsüber zugemauert ist, aber nachts den Weg in eine Parrallellwelt frei gibt. In dieser Welt kocht Mami das Lieblingsessen, Papi singt Songs mit ihr und bastelt im Garten, der Freund von nebenan quasselt nicht soviel, kurzum, alles ist perfekt. ZU... perfekt.

Nach und nach summieren sich kleinere Bedrohlichkeiten und ein gewisses Unwohlsein macht sich breit. Irgendwas stimmt hier nicht, das wird schnell klar. Aber was? Diese Frage bleibt lange unbeantwortet und genau das erschafft mehr Angst als jeder Kettensägenmörder es könnte.

Einen nicht unwesentlichen Teil trägt der Grafikstil dazu bei. Sämtliche Figuren des Films sind geradezu absurd proportioniert. Ob es der Nachbar ist, dessen Bauch eine gigantische Kugel darstellt, gestützt auf zwei Stelzen, der ewig lange Hals und das noch längere Gesicht von Coralines Dad oder der gigantische Vorbau von Miriam Forcible (die ich jetzt hoffentlich nicht verwechsele), die Figuren sind grotesk und unwirklich, aber auch einzigartig. Geschickt wird mit Farbwechsel, bunten Kulissen und trostlosem Grau gewechselt, um die gewünschte Stimmung zu erzeugen und die Unterschiede der Welten sowie der Gefühlsspannungen der Charaktere zu verdeutlichen. Die Übergangseffekte gegen Ende sowie die Transformation von Coralines zweiter Mama zeigen die Zerbrechlichkeit der anderen Traumwelt und damit die Zerbrechlichkeit desjenigen, der sie erschaffen hat. Wenn der andere Vater als zerschmolzener Blob wider Willen "seine" Tochter angreifen muss, erschafft diese eine Tragik, die nachdenklich machen kann, obwohl diese Kreatur ja eigentlich nicht real ist.

Natürlich führt das Ganze unvermeidlich zu einer Moral. Nicht jeder ist perfekt, aber manchmal muss man seine Lieben auch so akzeptieren, wie sie sind. Oder geh nicht mit Fremden mit. Oder hör auf deine Eltern, wenn sie dir verbieten, die verschlossenen Türen zu öffnen. Wie dem auch sei, es wird nichts gepredigt oder rein gehämmert. Die Geschichte verläuft natürlich und die Reaktionen der Charaktere allein reicht aus, um die Botschaften rüber zu bringen.

Ein nie zu unterschätzendes Problem bei Darstellern unter einer bestimmten Altersgrenze ist, schlichtweg jemanden zu finden, dessen künstliches Gequieke nicht bereits nach 20 Sekunden Mordgelüste auslöst. Dies ist die erste Produktion mit Kinderstar Dakato Fanning, die ich bisher selber gesehen habe und ich könnte beeindruckter kaum sein. Mit einer recht angenehmem Stimme erweckt Dakato ihre Coraline von Beginn an mit Leben und macht das quirlige, aufgeweckte, aber trotzdem kindlich wirkende Mädchen zu einer echten, natürlichen, witzigen und überaus sympathischen Figur. Trotz des hervorragenden übrigen Casts bleibt Dakota das Highlight des Films.

Verzweifelte Hausfrau und SuperMan-Spielzeug Teri Hatcher ist ebenfalls gefordert mit ihrer Doppel (eigentlich Dreifach-) Rolle. Ein- und denselben Charakter zwei Mal zu spielen in völlig verschiedenen Tönen ist zweifelsohne eine Herausforderung. Ein Scheitern an dieser Rolle wäre gleichsam mit einem Scheitern des ganzen Films verbunden gewesen. Glücklicherweise ist Hatcher der Aufgabe gewachsen und bietet einen tollen Antagonisten mit einer perfiden, aber nicht comic-haft aufgesetzten Gefährlichkeit. John Hodgman als Vater hat einige witzige Szenen, muss aber nicht ganz soviel tragen wie Hatcher. Erwähnenswert ist das comic-relief Duo Jennifer Saunders und Dawn French, die hörbar ihren Spaß mit ihren persiflierenden Rollen haben. Robert Bailey Jr. liefert seine erstaunlich weiße Stimme für den kleinen Geekjungen Wyborne und Keith David, seines Zeichens eine der coolsten Stimme auf dem Planeten spricht... die Katze. David hat nur wenige Zeilen, diese haben aber daher eine umso größere Ausdruckskraft.

Die Liebe zum Detail, die sich aus der Kombination des Stils und des tollen Cast ergibt, erschafft einen hervorragenden Film, der schwerlich als Kinderfilm und noch nicht ganz als Horrorfilm zu klassifizieren ist, der aber einige sehr interessante Aspekte aus der Kindheit auf greift und in sehr reifer und verantwortungsbewusster Manier aufbereitet und erzählt. Die genial-absurden Charaktere mit all ihren Macken und kleinen Hässlichkeiten verleihen dem Film eine unheimliche, ureigene Persönlichkeit, etwas, das vielen Top-Produktionen einfach abgeht.

Coraline ist kein Popcornfilm, den man nach dem Anschauen wieder halb vergessen hat. Coraline bleibt, jedenfalls zu Teilen, auch nach dem Ansehen. Coraline weckt Erinnerungen bei Älteren und wirft ein bekanntes Problem bei Jüngeren auf. Er spricht somit alle Generationen an ohne dabei auf den kleinsten gemeinsamen Nennern kommen zu müssen. Zu schade, dass ein solch schöner Film wohl von zu vielen missverstanden werden wird, so wie die FSK ihn für einen x-beliebigen, dummen Kinderfilm gehalten hat. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein.
 
Gutes Review.
Das mit der FSK 6 versteh ich auch nicht, 12 wäre schon passender gewesen (gibts FSK12 eigentlich? egal...)
ein toller Film, mit dem ich eigentlich nicht gerechnet habe und meiner Meinung nach auch besser als "Oben", der mir persönlich nicht sehr zusagte, obwohl er stark anfing.
 
Ich hab den Film noch nicht gesehen, kenne aber das Buch und das war auch sehr, sehr sehr gruselig und "schräg". Ich hätte jetzt drauf getippt, dass sie das im Film halt einfach total verharmlost und verniedlicht haben, aber...meine Güte...*_*
 
Ich hatte mal meinen Neffen (7 Jahre) und meine Nichte (8 Jahre) über nacht zu Besuch und wollte Coraline mit ihnen schauen. Schon beim Vorspann, als die Knöpfe der Puppe angenäht werden, sollte ich ausschalten...:D Soviel zu "FSK 6".
 
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