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REVIEW Anomaly: Warzone Earth [Review]

Benutzer, welche sich diesen Thread anschauen:

Wir brauchen zwei Städte als Setting für unser neues Strategiespiel. Zwei Städte, die wir so richtig schön von Aliens verwüsten lassen können. Am besten wählen wir solche, die ansonsten keine Probleme haben, das wär ja sonst unfair. Städte, die in allen Reisebüros boomen, wo jeder gerne seinen Lebensabend verbringen würde. Hm... wie wäre es mit Bagdad und Tokio?

Ok, man wird fairerweise sagen müssen, dass Anomaly Warzone Earth wohl weitsgehend fertig war bevor das jüngste Unglück die japanische Metropole heimgesucht hat, aber so einer gewissen Tragik entbehrt es nicht, dass ausgerechnet diese beiden Städte gewählt worden sind. Mysteriöse Aliens übernehmen die Erde und es liegt an an den Engländern (dem Akzent nach zu urteilen zumindest), den Kollegen zu zeigen, wo es lang geht.

Hier hasse noch'n Gefährt...

Die ersten Missionen dienen noch als eine Art Tutorial. Nach und nach werden euch neue Optionen und Kniffe vorgestellt, bis ihr am Ende ein riesiges Arsenal an Möglichkeiten habt, um die Missionen zu beenden. In Kürze: Ihr steuert aus der Vogelperspektive einen Commander, der einen Konvoi auf einer Route von Punkt A zu Punkt B begleitet. Per Mausklick ruft ihr die jeweilige Karte auf und sucht eine passende Route aus. Das reicht freilich nicht, denn die Aliens lieben es, Hindernisse zu bereiten und euch Fallen zu stellen, sodass ihr immer damit rechnen müsst, schnell die Route zu ändern und euren Konvoi um eine Todesfalle herum zu lotsen. Überblick und vorausschauendes Fahren ist hier angesagt.

Tower...Offense??

Im Prinzip ist Anomaly ein Tower Defense Game, nach der gängigen Definition aber eher ein rollen-verkehrtes Tower Defense Game. Normalerweise ist es Aufgabe des Spielers, die Karte vor Invasoren zu verteidigen, hier ist es so, dass ihr als Invasoren die Karte durch die Defensive der Gegner überqueren sollt. Ich war schon immer der Meinung, dass viele, auch ausgelutschte, Spielprinzipien schlichtweg dadurch wieder extrem interessant werden könnten, indem man einfach die Rolle des Spielers umkehrt. Ich wollte schon immer mal den Bösen spielen und Fallen für die Helden aufstellen, den Terminator in einem Terminatorspiel übernehmen und die Menschen in Angst und Schrecken versetzen oder ein Funhouse wie in Saw II erstellen und meine Opfer zappeln lassen. Zu wenige Entwickler nutzen diese Möglichkeiten und allein dafür verdient Entwickler 11bit meinen Respekt.

Die Zusammensetzung des Konvois ist ebenfalls ungeheuer wichtig und liegt auch recht fix in eurer Hand. Panzer sind hart im Nehmen, aber eher schwach im Durchschlag während Crawler zwar viel Schaden anrichten, aber auch recht schnell selbst drauf gehen. In der Praxis allerdings funktionierte die Zusammensetzung Panzer-Schild-Crawler(-Crawler) fast immer am besten. Die Crawler-Schild-Crawler Kombination richtet zwar verheerende Schäden an, ist bei Nachlassen des Schildes aber zu verwundbar und die Panzer-Schild-Panzer richtet kriegt die Gegner nicht platt.

Warum fahren wir in den Abgrund? Weil keiner gesagt hat, dass wir es nicht tun sollen.

Während der Konvoi lemming-artig stetig nach vorne prescht, könnt ihr den Commander per Mausklick überall auf die Karte hinschicken. Das ist auch bitter nötig, denn nur er verfügt über die lebensrettenden Gadgets. So kann er die Fahrzeuge des Konvois reparieren oder später diverse Ablenkungsmittel einsetzen wie eine Rauchbombe, die eurem Konvoi im Angriff Vorteile verschafft. Der Vorrat an Einsätzen ist limitiert, euer Hauptquartier fliegt aber hin und wieder neue Ausrüstung ein, die ihr dann einsammeln dürft. Den richtigen Zeitpunkt dafür zu erwischen ist eine weitere Herausforderung, denn nichts kommt schlechter als hinter einer Rauchbombe her zu rennen während am anderen Ende der Karte der Konvoi vom einem Alienturm zermalmt wird. Das ist mieses Timing.

Die Aliens kommen in verschiedenen Varianten, von kleineren Türmchen bis hin zu gigantischen, Energiestrahlen verschießenden Stationen. Während es bei ersten durchaus reichen kann, einfach an ihnen vorbei zu fahren und sie im Vorbeigehen zu zerschießen (so es denn nicht zu viele sind), verlangen die großen eine bessere Strategie und am besten das eine oder andere Ablenkungsmanöver. Hierfür bedient man sich entweder dem Kommandeur selbst, der die schwerfälligen Geschütztürme dazu bringt, in die andere Richtung zu sehen oder gleich den vorhandenen Ablenkungsmanövern. Letztere sind freilich recht selten, sodass man sie nicht verschwenden sollte.

Zahltag

Eure Truppen arbeiten nicht umsonst. Geld gibt es entweder gleich vom Militär oder aus wertvollen Mineralien, die ihr während der Missionen aufsammelt. 'türlich sind die häufig bewacht, sodass man abwägen sollte, ob sich der Umweg lohnt oder ob man sich für den direkten Weg entscheidet. Häufig gibt es als Belohnung für besiegte Gegner neue Items, die im späteren Missionsverlauf hilfreich sein können. Erneut die Frage: Zerstöre ich diese Reihe Angreifer oder verzichte ich auf die Belohnung? Das hängt maßgeblich davon ab, wie hoch man seine Chancen einschätzt, ohne Verluste durch die Aggressoren zu kommen. Schließlich macht es keinen Sinn, am Ende schlechter da zu stehen, weil man seine Ausrüstung schon verbraten hat.

Die Ziele der Mission sind unterschiedlich. Von „Erreiche das Ziel“ bis „Töte alles“ ist alles dabei. Ok, in der Praxis ist der Unterschied nicht so groß, wie man meinen sollte. Mir persönlich lagen die Missionen mehr, in der man strategisch auch Feinden ausweichen konnte, denn die Search and Destroy Missionen neigen dazu, meine Vorräte an Geld und Items schnell zu verbrauchen und mich nackt gegen ein dutzend feuernde Türme antreten zu lassen.

Chef, wo bist du?

Ohnehin ist Anomaly ein Spiel, beim ich als Actionspieler gerne mal den Überblick verliere. Das liegt zum Teil sicher an mir (wie gesagt: Action), eine Teilschuld gebe ich der Kamera. Diese ist fixiert auf den Kommandeur, was dazu führt, dass man aktiv vom Geschehen weglaufen muss, um einen Überblick über das Geschehen zu haben. Dieses Problem tritt häufig auf, wenn man einerseits Gegenstände aufnehmen will, andererseits aber eure Truppe unaufhaltsam weiter marschiert. Man kann die Kamera nicht weit genug über die Karte ziehen, um hier wirklich den Überblick zu behalten und präzise seinen Commander da zu positionieren, wo er hin soll. Erforderlich ist zunächst, euren Truppenführer näher an das Geschehen zu bringen, um dann die richtige Position (häufig für die Heilung der Truppe) zu wählen. Das fügt dem Spiel einen zusätzlichen Handlungsschritt hinzu in Situationen, die oft schnelles Handeln erfordern. Nicht selten hat mich genau das wenigstens ein Mitglied des Konvois gekostet, manchmal mehr. Glücklicherweise bieten die Missionen an Schlüsselstellen Checkpoints, sodass sich größerer Frust in Grenzen hält.

Ein weiteres Problem ist, dass die Truppe (meiner Ansicht nach) nicht immer den optimalen Gegner anvisiert. Zu lange wartet der Crawler mit dem Feuern, obwohl er (erneut: meiner Ansicht nach) längst in Reichweite gewesen wäre oder die Truppe konzentriert sich auf einen kleinen, harmlosen Turm, obwohl der große auf der anderen Straßenseite wesentlich gefährlicher, aber ebenso in Reichweite ist.

Hast du wirklich geglaubt, es geht so einfach?

Von diesen Kleinigkeiten, die einen Veteranen des Genres vielleicht weniger treffen als mich, abgesehen, überzeugt Anomaly durch den guten Mix aus Vorbereitung und schneller Reaktion. Das Leveldesign stellt sicher, dass eine einmalig gewählte Strategie nicht zwingend bis zum Ende durchhalten muss. Wenngleich es freilich etwas willkürlich wirkt, wenn mit einem Mal zwei Dutzend neue Türme auftauchen, nur um dem Spieler eine neue Route auf zu zwingen. Dennoch: Das Kartendesign gehört zu den größten Stärken des Spiels, die Experimentierfreude nicht nur fördern, sondern auch belohnen. Was erstmalig unmöglich wirkt, wird machbar durch zwei, drei Klicks auf eurer Route.

Präsentiert mit netten Effekten und Explosionen zeigt sich Anomaly optisch durchaus ansprechend, wenn auch nie wirklich beeindruckend. Übersichtlichkeit ist hier sicherlich das Wichtigste und mit der Auswahl der Farben für die Level, den eher grauen Truppen und den im Kontrast hervor stechenden knallroten Aliens hat 11bit durchaus die richtigen Entscheidungen getroffen. Akustisch fällt (warum auch immer) die übertrieben britische Mundart auf, der Militärjargon wirkt dadurch aber eher karikiert. Weiß nicht, ob das beabsichtigt war.

Neben der Story gibt es zwei Modi namens Bagdad Inferno und Angriff auf Tokio, die ich mangels Können beide noch nicht freispielen konnte. Für Schwanzvergleicher (17 cm in beruhigtem Zustand!) gibt es einmal diverse Achievements, aber auch eine Onlinerangliste, die nach jeder Mission in Punkten misst, wie effektiv ihr gewesen seid. Ich war, obwohl das Spiel zu dem Zeitpunkt noch gar nicht draußen war, regelmäßig auf den letzten fünf Plätzen zu finden. Mir steht da noch ein wenig Übung bevor. Es zeigt sich aber, dass das Spiel nicht nur auf das reine Durchspielen wert legt, sondern dass ein Meister durchaus noch weiter an Technik und Geschwindigkeit feilen kann. Dieses und die Tatsache, dass viele Karten mehr als eine Option und Route bieten, dürfte sich positiv auf die Langlebigkeit des Spiels auswirken.

Warzone Earth.... ziemlich große Kriegszone, oder? Aber wenigstens geringe Chance auf zivile Verluste.

Ich geb zu, das Strategie Genre ist nicht mein Kerngebiet, was man an meinen Resultaten auch sieht. Aber es ist nicht zu schwer zu erkennen, dass das umgekehrte Prinzip eines alteingesessenen Genres viel Potential bietet. Der Mix aus guter Vorbereitung, Ressourcenmanagement und Improvisation macht den Reiz aus und dank der offen, gut designten Karten kann man mit diesen theoretischen Möglichkeiten auch praktisch einiges an Erfolgen erzielen. Kurze Missionen eignen sich hervorragend für kleinere Sessions zwischendurch und die Onlineranglisten geben sofort das Feedback wie gut (oder in meinem Falle schlecht) der aktuelle Durchgang war. Lediglich die Kamera macht durch ihre Limitierung das Spiel an einigen Stellen schwerer als nötig. Sei's drum:Wer den gebeutelten Locations des Spiels ausnahmsweise mal wieder etwas Gutes zukommen lassen möchte, der kann ja mal versuchen, die Engländer beim Kampf gegen Alientürme zu unterstützen.
 
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