https://www.zeit.de/politik/ausland/karte-ukraine-krieg-russland-frontverlauf-truppenbewegungen
3,6 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer sind nach russischen Angaben (Stand Anfang September) seit dem Einmarsch nach
Russlandgebracht worden, darunter 587.000 Kinder. Die Zahlen lassen sich wie die meisten im Krieg schwer überprüfen. Iryna Wereschtschuk, die stellvertretende Ministerpräsidentin der Ukraine, sprach im Juni von 1,2 Millionen Zivilisten, die gewaltsam verschleppt worden seien. Klar ist der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch
zufolge, dass es sich um Kriegsverbrechen und potenziell um Verbrechen gegen die Menschlichkeit handelt.
Human Rights Watch konnte in einer ersten Untersuchung ebenfalls keine genauen Zahlen nennen. Russlands Prozess ist jedoch bekannt: In sogenannten Filtrationszentren werden Menschen festgehalten, fotografiert, Fingerabdrücke aufgenommen und Daten über Familie, Beruf und politische Ansichten gesichert. Vom besonderen Interesse ist für die Besatzer die Nähe zur ukrainischen Regierung und den Sicherheitskräften. Dazu werden laut Human Rights Watch Handys durchsucht und Nachrichten gesichtet. Manche müssten sich ausziehen, sodass nach Tattoos gesucht werden kann, die auf Verbindungen zur ukrainischen Armee oder rechten Gruppen hinweisen. Anschließend folgten mehrstündige Verhöre, heißt es in einem
deklassifizierten Berichtvon US-Geheimdiensten. Dabei würden einige gefoltert.
Nach den Untersuchungen werden die Verhörten laut dem Bericht in drei Kategorien eingeteilt: "Harmlose" erhalten demnach eine Bestätigung des Filtrationsprozesses. Die Dokumente erlaubten begrenzte Bewegungsfreiheit und dienten als Tauschkarte für Essen und Kleidung. Einige Bewohner der Stadt Mariupol berichteten allerdings, sie seien als "harmlos" klassifiziert worden und wurden dennoch nach Russland geschickt.
"Weniger gefährliche", die der russischen Okkupation trotzdem feindlich gesinnt sind, werden demnach deportiert. In Russland angekommen, würden diejenigen ohne russische Kontakte oder Geld weiter im Land verteilt. Mehr als zwei Dutzend Umsiedlungszentren gebe es im ganzen Land – einschließlich in Wladiwostok am Japanischen Meer.
Die am gefährlichsten eingestuften Menschen – besonders Männer mit Verbindungen zum Militär oder die das Militär aktiv unterstützen – werden laut dem US-Bericht potenziell in Gefängnissen auf russischem oder russisch besetztem Gebiet festgehalten. Mitte April meldete der ukrainische Generalstaatsanwalt, 1.700 ukrainische Soldaten und Zivilisten würden von den Russen festgehalten
Ukrainische Kinder fallen ebenfalls unter das Deportationssystem. Russland macht keinen Hehl daraus, dass sie von ihren Familien getrennt und in Russland zur Adoption freigegeben werden. Der russische Vizepremierminister, Marat Khusnullin, sagte der staatlichen Nachrichtenagentur RIA Novosti, mehrere Tausend hätten die Region Cherson verlassen und "ruhen sich in Kinderlagern" aus. Als Begründung nannte Khusnullin den Beschuss, der die Gegend unsicher mache. Daher sollten zuerst Kinder die Gegend verlassen