Elex (Steam)
Habe fertig, nach ~45 Stunden.
Auf der Plus-Seite befindet sich allen voran natürlich die liebevoll gestaltete und sehr atmosphärische Spielwelt, mit ihren vielen Geheimnissen und Belohnungen. Es wird auch sehr gekonntes Environmental Storytelling betrieben, in einem Format wie das eigentlich sonst nur ein Bethesda drauf hat. Die Spielwelt ist für mich ganz klar der große Star des Spiels, der so einige der bestehenden Schwächen gekonnt zu überstrahlen versteht. In seinen besten Momenten konnte ich mich in Elex richtig vertiefen. Summa summarum eine der besten Open Worlds, mit richtig viel Seele, die mir bisher unterkamen.
Ebenfalls gut gefallen hat mir das Gamedesign des Spiels, auch wenn es von den meisten eher als dicker Minuspunkt angeführt wird. Ich mag es, wenn die Welt gefährlich ist, wenn ich eben nicht überall einfach so unbeschadet durch kann und ich nicht von einem Level Scaling bei der Hand genommen werde. In Elex bekommt man halt aufs Maul, wenn man die sicheren Pfade verlässt und darf sich nicht einfach mit jedem Gegner einlassen. Es gibt in jedem Winkel der Welt leichte und höllisch starke Gegner im bunt gemischten Vorkommen. Das ist für mich keine Angelegenheit von schlechtem Balancing, sondern ein Ernstnehmen des Spielers, in Zeiten von (OW) Spielen die einem eigentlich sonst eher geneigt sind die Eier zu kraulen. Elex tut das nicht, hier muss man überlegt vorgehen und immer auf der Hut sein, vor dem nächsten Gegner, welcher einen mal eben mit einem einzigen Schlag aus dem Leben fisten kann.
Auf der Negativ-Seite ganz oben steht das Combat Gameplay. Es hat mich zwar viel weniger genervt als befürchtet aber toll ist anders. Fühlt sich im Endeffekt doch wie ein Klotz am Bein an, der das Spiel unnötig runter zieht und kämpferische Konfrontationen nicht gerade zum größten Vergnügen macht. Ich kann es absolut verstehen, wenn es für manche ein Game Breaker ist. Für mich war es das zum Glück nicht.
Technisch darf man sich auch kein Wunderwerk erwarten. Elex ist vergleichbar mit einem PS3.5 Titel, mit Animationen die noch weiter zurück liegen, auch wenn besonders die Lichteffekte viel rausreißen. Zum Glück aber verfügt das Spiel über ein exzellentes Art Design, welches der alten Technik unter die Arme greift. Auf Bugs bin ich in meiner Spielzeit kaum gestoßen und wenn, dann waren es nur kleine Dinge, die mich nicht weiter gestört haben.
Was mich auch gestört hat, ist das Skills/Stats/Charakter-System. Das Problem besteht darin, dass es für den Spieler kaum bis gar nicht absehbar ist, welche Auswirkungen die jeweilige Verteilung genau hat. Ergo was es einem tatsächlich bringt, wieso ich jene Fähigkeit der einen vorziehen sollte etc...der eigene Charakter ist daher nur sehr, sehr schwer im Detail planbar und das Charakter Building ist mehr eine Gefühlssache. Eigentlich bin ich es von Rollenspielen gewöhnt, dass sie mir genau und detailliert aufzeigen, was dieses und jenes bringt, inklusive entsprechenden Kontrollmechanismen, in Form eines zB umfangreichen Charakter Sheets oder Kampflogs, aus denen man in der Theorie alles ablesen kann. Bei Elex befindet sich das völlig im Dunklen, wenn man nicht gerade wie gewisse Leute (auf reddit gibts da ein paar) die Daten aus dem Arbeitsspeicher analysiert und Spreadsheets erstellt. Erschwerend kommt da hinzu, dass das Balancing eben nicht so gut zu sein scheint und es klare Präferenzen im Wirkungsgrad der jeweiligen Fähigkeiten gibt - die man jedoch im Vorhinein, wegen mangelnder Beschreibung und mangelnden Kontrollmechanismen, nicht wirklich absehen kann. Bricht vielen Spielern keinen Zacken aus der Krone aber lässt die Perfektionisten unter den Charakter Buildern doch Zähne knirschend zurück.
Die Quests werte ich weder besonders negativ noch positiv. Vom Format eines Witchers sind sie doch sehr, sehr weit entfernt aber man gibt sich dennoch mehr Mühe als in einem Bethesda Spiel, mit den verschiedenden Wahlmöglichkeiten, die sich allesamt in der moralischen Grauzone befinden, ohne typische Gut-Böse-Struktur. Sind aber trotzdem viele belanglos wirkende Quests dabei und auch die Hauptstory hätte viel mehr Potential geboten. Sehr gut gefallen haben mir hingegen wieder die verschiedenen Fraktionen und wie differenziert diese voneinander und im Bezug aufeinander herausgearbeitet wurden.
Auch wenn ich nach 40 Stunden nur mehr die Hauptstory zu Ende führen wollte, da mich die übliche Open World Ermüdungserscheinung gepackt hat: Für wen die genannten Kritikpunkte kein Game Breaker sind, dem kann ich nur empfehlen Elex eine Chance zu geben. Das Spiel ist weitaus besser als sein Wertungsschnitt es vermuten lässt.
8/10