Der Putsch wirkte relativ dilettantisch geplant. Es wurde zwar der staatliche Fernsehsender TRT besetzt, doch über andere Stationen konnte Erdoğan zum Widerstand aufrufen. Der Präsident selbst wurde nicht inhaftiert, sondern konnte als Symbolfigur des Widerstands auftreten. Es waren zwar Teile des Militärs am Putsch beteiligt, doch viele andere Truppeneinheiten blieben loyal. Daneben kämpfte auch die Polizei auf Seiten der Erdoğan-Fraktion. Die Polizei hat in der Türkei eine militärähnliche Ausrüstung und besitzt zahlreiche eigene Panzer.
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Der aktuelle Putsch soll nun also der Versuch von Erdoğan sein, endgültig reinen Tisch zu machen und ein diktatorisches System mit ihm an der Spitze durchzusetzen. Und tatsächlich ist es sehr realistisch, dass ein solches System die Folge des gescheiterten Putschversuchs sein wird. Der Umkehrschluss, dass Erdoğan deshalb für den Putsch verantwortlich ist, kann allerdings nicht so einfach gezogen werden.
Eine solche Inszenierung müsste Hunderte, wenn nicht Tausende Mitwissende haben. Das Problem dabei ist, dass sich vermutlich irgendjemand verplaudern wird oder sein oder ihr Gewissen erleichtern möchte. Dann wäre Erdoğan vor aller Augen verantwortlich für den Tod von Hunderten seiner eigenen Anhänger und Anhängerinnen. Es stellt sich auch die Frage, wie eine solche gigantische "False flag"-Operation administriert werden sollte.
Entweder hätten Erdoğan oder seine engste Umgebung selbst alle Befehle gegeben. Das wäre aber, siehe oben, ein äußerst gefährliches Unterfangen, wenn es bekannt würde. Wenn aber die Regierung nur einzelne Verschwörer gesteuert hätte, dann hätte sie riskiert, dass Teile des Militärs mit modernen Kampfflugzeugen, Helikoptern und Panzern unkontrolliert auf die eigenen Anhänger losgehen und sich eventuell sogar durchsetzen würden. Eine reine Inszenierung, um die eigene Macht zu stärken, wäre beispielsweise mit einem großen Terroranschlag weit einfacher, mit weniger Risiko und mit weniger Mitwissenden zu haben.
Dafür, dass der Putsch so schlecht organisiert wirkte, gibt es auch noch eine zweite Erklärung: Der Putsch musste früher als geplant stattfinden, weil die Regierung Wind davon bekommen hatte und kurz davor war, die Verschwörer zu verhaften. Die Putschisten setzten also alles auf eine Karte, obwohl sie wussten, dass sie keine große Chance auf Erfolg hatten. Der Politikwissenschaftler Akin Ünver
nannte das Ganze deshalb auch eine "Kamikaze-Aktion". [...]