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REVIEW Until Dawn [Review] weitgehend spoilerfrei

Benutzer, welche sich diesen Thread anschauen:

weitgehend, aber nicht ganz. Lesen auf eigene Gefahr


Das Medium der interaktiven Unterhaltung bedurfte nicht erst seit Heavy Rain einer neuen Definition. Telltales Adventure Games, Ethan Carter, Everybody's gone to the Rapture, Grown Home, Life is Strange, mehr und mehr Spiele stellen die Geschichte und Interaktion mit den Charakteren deutlich vor das Abschlachten von Zombies, Monstern oder Terroristen. Atmosphäre, Figuren und Geschichten sind hier die Hauptdarsteller. Selbst stehe ich diesem Genre etwas skeptisch gegenüber. Telltales Lösung scheint zu sein, einfach jede Form von echtem Gameplay zu entfernen. Von Back to the Future über The Walking Dead bis zu The Walking Dead 2 und darüber hinaus sind die aktuellen Telltale Games im Grunde nur noch Videos mit gelegentlicher Dialogauswahl. Ethan Carter und Rapture tragen zu Recht den Namen „Walkingsimulator“ und sind demnach für mich so spannend wie Gras beim Wachsen zu beobachten. Ein Spiel, dass diese Elemente mit dem Setting eines klassischen Teenhorror/Slasherfilms kombiniert kann doch eigentlich nur Edeltrash sein, oder?


Alans Wake?


Until Dawn ist genau das, ein Teenhorror/Slasherfilm. In den Ferien (nehme ich an) treffen sich einige Freunde in einer Waldhütte und spielen der Schwester des Gastgebers einen eher geschmacklosen Streich. Das arme Opfer reagiert angemessen und stürzt sich mit ihrer Zwillingsschwester von der nächsten Klippe. Der Bruder und Gastgeber ist begeistert und lädt ein Jahr später zur Feier des Jahrestages ein. Rückblickend hätten hier wohl bereits die Alarmglocken angehen sollen...


Was folgt ist zunächst die Präsentation der acht Protagonisten, die um den Titel „Unerträglichste Person auf dem Planeten kämpfen“. Auf der Startnummer 8: Ashley, weinerlich, nervig und mäßig attraktiv und das sind ihre besten Eigenschaften. Auf der Startnummer 7: Emily, amtierende Titelverteidigerin, Bitch des Jahres 2012, 2013 und 2014. Es folgt auf der 6: Jess(ica): Sie ist zu cool für ihren vollen Namen, spannt Emily den Freund aus und präsentiert sich gern in gemusterter Unterwäsche. Auf der 5: Sam, wie Samwise. Ehrlich gesagt, sie ist ziemlich ok, also weiter mit den haarige(ere)n Exemplaren der Spezies. Nummer 4: Josh, nein, ich habe kein dunkles Geheimnis, wie kommt ihr darauf, grinsgrins winkwink, kommt alle her und stoßt auf meine toten Schwestern an. Startnummer 3: Matt, seines Zeichens der schmächtigste Jock aller Zeiten und aktueller Stecher von Emily. Geht Konflikten gern aus dem Weg ernsthaft, wieso übernimmt er die Rolle des Jock? Startnummer 2: Chris(topher), der Jock, der keiner war. In seiner Freizeit gelt er seine Haare und erschießt Eichhörnchen. Und last but not least auf der Poleposition: Nathan Drake.


Mit Ausnahme von Sam kommen zu Beginn fast alle dieser Charaktere ziemlich übel rüber, eifersüchtig, bitchy, dumm, unreif. Sie spielen sich permanent infantile Streiche, reden nur über Sex ohne jemals wirklich zur Sache zu kommen und benehmen sich generell wie degenerierte Vollpfosten. Naja... Teenager eben...


Erstaunlich, was so eine Motorsäge im Gesicht alles bewirken kann


Was beeindruckend ist, wie das Spiel es schafft, diese Ansammlung an menschlichen Abschaum nach und nach deutlich sympathischer zu machen. Die absolut brillianten Darstellungen der acht Schauspieler tut hierzu sein Übriges. Keiner fällt ab, alle wirken in allen Situationen authentisch und die Entwicklungen kommen glaubhaft und echt rüber.


Für die Geschichte an sich haben sich die Entwickler das klassische Buch des Teenhorros ausgeliehen und sie zitieren daraus bis zu dem Punkt, an dem sie es beinahe abgeschrieben haben. Von der Hütte im Wald über Jumpscares, die keine Bedrohung darstellen, Mobiltelefone, denen im dümmsten Zeitpunkt der Akku ausgeht und den alten Eremiten, der als einziger weiß, womit man es zu tun hat, das Game greift jedes Klischee auf, das es in dem Genre gibt. Das mag zum Großteil sogar Absicht gewesen sein, dennoch wandelt das Spiel von Psychothriller zu Torture Porn zu Slasher Film zu Monster Movie ohne sich je für ein Genre entscheiden zu können.
Der angesprochene Eremit taucht aus dem Nichts und wird in der ersten Kampfszene enthauptet. Er ist schneller weg als mein Gehaltsscheck im Puff. Er gibt den Hinweis, dass die Monster auf Feuer allergisch reagieren, aber bis zum Schluss macht niemand etwas mit dieser Information (kann daran liegen, dass diese wichtige Information nur Chris gegenüber geäußert wird). Die ersten Kapitel werden noch von einem Psychiater (gespielt von Peter Stormare) begleitet, dessen Existenz auch nie wirklich aufgeklärt wird (ich denke, er war eine Einbildung von Josh?).


Die Entwickler hatten den Wunsch, nahezu alle Klischees des Genres zu verarbeiten, haben dabei allerdings über die Strenge geschlagen und die Geschichte einfach überfrachtet. Man sollte niemals die Macht der Fokussierung und Spezialisierung unterschätzen.


Ok, lass mich raten: Die Tür schlägt gleich zu? Oh, die Tür ist zugeschlagen. Wenn jetzt gleich auch noch ein Zombie aus dem Schrank springt, schrei ich.


Wenn ich einen wirklichen Kritikpunkt habe, dann den. Until Dawn ist nicht gruselig. Es ist atmosphärisch, keine Frage. Es ist teilweise auch blutig und es ist sicherlich spannend. Aber gruselig? Angst einflößend? Nicht wirklich. Zumal die Jumpscares so inflationär genutzt werden, dass sie teilweise eher komisch wirken.


Das Spiel an sich ist in zehn Kapitel unterteilt und spielt, auch wenn das Spiel daraus intelligenter weise nie einen Hehl macht, mehr oder weniger in Echtzeit. Ihr wechselt dabei zwischen den einzelnen Charakteren durch. Das Gameplay ist am ehesten mit Heavy Rain zu vergleichen. Die Charaktere bewegt ihr mit dem Stick durch die Locations, interagiert mit markierten Gegenständen (scheinbar keine Option, dies abzustellen) und trefft Entscheidungen. Letztere kommen am laufenden Band und lassen euch nie wirklich Zeit zum Verschnaufen. Die Entscheidungen haben mal mehr mal weniger große Auswirkungen. Dabei ist auch nie wirklich klar, welche Entscheidung nun was bewirken kann. Dies ist der von den Entwicklern gern zitierte Butterfly Effekt. Kleine Ursache, große Wirkung. Das führt natürlich dazu, dass eine absolut nebensächlich wirkende Entscheidung plötzlich über Leben und Tod entscheidet, manchmal erst fünf Kapitel später. Dies mag ärgerlich, sogar frustrierend sein, ist aber vom Spielprinzip so gewollt. Ein paar Beispiele: Drake trifft einen Hund. Stellt er sich gut mit diesem, führt er einen später durch eine verwinkelte Location. Auch die Beziehungen der Charaktere untereinander können verändert werden. Ihr könnt sogar Beziehungen auseinanderbrechen oder verbessern, was ebenfalls Auswirkungen auf die Story hat. Schon scheiße, wenn das eigene Leben von der Ex abhängt.



Sie haben eine Mücke getötet. Als Resultat wurde Frankreich entvölkert.



Auch wenn die Auswirkungen der Entscheidungen nie von vornherein klar ist, so ist das Spiel im Nachhinein sehr transparent. Im Pausenmenü könnt ihr jederzeit sehen, welche Entscheidung welche Auswirkung hatte. Mir persönlich wäre es lieber gewesen, all dies wäre erst nach dem Abspann angezeigt worden. So konnte ich leider nicht umhin, nach jeder Entscheidung sofort zu prüfen, was ich nun erreicht habe und online zu prüfen, ob ich (gemessen an meinem Ziel) „recht“ hatte mit der Entscheidung. So wirkt das Spiel auch leider mehr mechanisch und weniger organisch. Etwas mehr Vorhang bis zum Schluss wäre hier gut gewesen. Ändern kann man übrigens nicht mehr viel. Das Spiel verfügt nur über einen Saveslot, es gibt kein „Restart Checkpoint“ oder Laden eines alten Spielstandes, auch wenn man, so man es denn wirklich wollte, wohl mit Hilfe eines USB Sticks das Spiel austricksen könnte.


Charaktere können sterben und das Spiel geht ohne weiter, wie auch in Heavy Rain oder Telltales Spielen. Aber wie immer, die eigentliche Story ist und bleibt linear. Sie kann modifiziert werden, aber letztlich bleibt sie im Kern erhalten. Manche Charaktere sind gar unsterblich bis hin zu den letzten drei Minuten des Spiels. So wird es wohl auch bleiben, denn kein Entwickler kann 100 Geschichten auf eine Disc pressen, von denen die Spieler, wenn sie engagiert sind, maximal zwei sehen. Man wird nie den Hauptdarsteller im Prolog töten können und dann ein komplett neues Spiel haben. Gemessen an diesen Grundsätzen und mit diesen Limitierungen im Hinterkopf aber reiht sich Until Dawn in die besten Spiele dieser Art ein.


Until Dawn hat's raus: Einfach mal nichts tun!


Auch wenn eigentlich klassisches Gameplay eher rar ist, verkommt das Spiel nie zu einem Walkingsimulator oder Film. Ihr steuert eure Charaktere sehr oft und tatsächlicher Input ist sehr häufig vom Spieler gefragt. Die actionreichen Szenen sind dabei oft von QuickTimeEvents gekennzeichnet, allerdings durchaus mit dem einen oder anderen Curveball. Eine absolute Alternative zum schnellen Knopfdrücken ist häufig auch Inaktivität. Manchmal ist abwarten die beste Option, die ihr habt. Im originellsten Fall ist absolutes Stillhalten gefragt, wobei ihr den Controller so still halten müsst wie möglich. Das ist wesentlich leichter als gesagt und fängt die Spannung der Szene wesentlich besser ein als man denken sollte. Tatsächlich könnte Until Dawn das erste Spiel sein, dass sogar mit Motion Controls Sinn macht (diese Steuerungsalternative steht zur Verfügung).


Clues in der Umgebung, Hinweise auf Vergangenes lässt sich in allen Kapiteln finden und gibt Einblicke in die Geschichte der Umgebung, der Minen oder das Leben der Zwillinge. Einige davon sind gar vital, wenn es darum geht, bestimmte Charaktere zu retten. Findet bestimmte Hinweise und ihr schaltet weitere Szenen und Dialoge frei, die ihr andernfalls verpasst. Aufmerksames Absuchen der Umgebung ist daher wichtig.


Gut daher, dass auch die Optik stimmt. Etwas arg blau und dunkel gehalten (es ist Nacht im Wald, y'all), verursacht das Lighting in Kombination mit dem Sound eine hervorragende Atmosphäre. Die detaillierte Waldhütte lädt zum Erkunden ein genauso wie das ehemalige Irrenhaus (Klischeeeeeeee!). An der Grenze zwischen Videogameavatar und „Mensch, die kenn ich doch“ sind auch die Charaktere, extrem detailliert modelliert und lebensecht wirkend. Die, teils schon übertriebene, Mimik hebt das Spiel positiv hervor (Murdered: Soul Suspect hätte diese Optik ebenfalls gut getan). Until Dawn ist ein gutes Beispiel, warum Grafik eben doch wichtig ist.


Until Dawn 2: The Night returns


Until Dawn 3: The final Night


und mein Liebling: Until Dawn 4: Resurrection



Until Dawn kommt als absoluter Überraschungshit. Die Idee, das vielleicht trashigste Filmgenre in eines der umstrittensten Spielekonzepte zu übertragen, kann nur als Wahnsinn bezeichnet werden, aber irgendwie haben die Entwickler ihre nicht vorhandene Chance genutzt und eines der besten Spiele des Jahres fabriziert. Technisch und handwerklich absolut hochwertig wird die Geschichte genau mit der richtigen Mischung aus Ernsthaftigkeit und Ironie präsentiert, die sie braucht, um zu funktionieren. Gut aufgelegte Darsteller, eine tolle Atmosphäre und ein gelungenes Gameplay mit einer interessanten und klasse umgesetzten Spielmechanik machen aus Until Dawn ein absolutes Highlight. Dass es eine komplett neue IP ist, exklusiv für die aktuelle Generation, kommt nur noch lobenswert hinzu. Ein klein wenig mehr Zurückhaltung in Sachen Genrehommage und weniger durchsichtige „Aktion-Reaktion“ Mechanik hätten dem Spiel zwar gut getan, letztlich schaden sie ihm aber auch nicht einem solchen Maße, dass man vom Kauf abraten müsste. Ich jedenfalls habe nach dem Spiel richtig Lust auf eine Nacht in einer Waldhütte... mit einer üppigen 18jährigen.


Einen hab ich noch:


Until Dawn 2020: Das Re-boot!
 
@Bart Wux

Was sagst du denn zur Sprachqualität

Ich empfinde die deutsche Synchronisation sehr merkwürdig. Sie klingt so, als würde sie aus nem Telefon oder Radio kommen. Also iwie blechern.
 
Soll im Englischen aber wohl nicht viel besser sein. Wobei sich die dt. Synchro gefühlt ab der 3.-4. Episode etwas verbessert. Warum auch immer.
 
Ich hab ja keine PS4, war von den bisherigen Berichten so angetan, dass ich mir jetzt zum ersten Mal n Lets Play reinziehen werde. Aber das Mädel spielts leider auf Deutsch und die deutsche Synchro ist ja mal _ÜBELST_. Ist das gewollt um den Trashfaktor zu erhöhen? Teilweise ergebn die Dialoge nicht mal wirklich Sinn. oO
 
Bloß kein Lets Play gucken, das versaut einen völlig das Spielerlebnis für alle Zeiten. Zumal es auch die Story spoilert, nicht aber wer überlebt, oder nicht..
 
Ich hab ja keine PS4, war von den bisherigen Berichten so angetan, dass ich mir jetzt zum ersten Mal n Lets Play reinziehen werde. Aber das Mädel spielts leider auf Deutsch und die deutsche Synchro ist ja mal _ÜBELST_. Ist das gewollt um den Trashfaktor zu erhöhen? Teilweise ergebn die Dialoge nicht mal wirklich Sinn. oO

Finde es auch sagenhaft wie Leute da sagen "ganz okay" oder "richtig gut". Das fand ich abartig schlecht und wenn es absichtlich für den Trashfaktor war, dann möchte er mir überhaupt nicht zusagen und lässt mich gruseln... da kaufe ich mir das Spiel lieber für 20€ oder so.
 
Finde es auch sagenhaft wie Leute da sagen "ganz okay" oder "richtig gut". Das fand ich abartig schlecht und wenn es absichtlich für den Trashfaktor war, dann möchte er mir überhaupt nicht zusagen und lässt mich gruseln... da kaufe ich mir das Spiel lieber für 20€ oder so.

Du kannst auch in der deutschen Version auf die englische Original-Synchro umschalten.
 
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