Wenn ich mich jetzt an meinen Wehrdienst zurückerinnere, denke ich mir auch, dass es irgendwie eine geile oder zumindest interessante, lohnende Erfahrung war. Zum Glück kannte ich damals, 2008 als ich den Dienst ableistete, die trügerische Erinnerung und habe mir geschworen nie zu vergessen wie scheiße die Zeit war.
Eigentlich wollte ich mich sowieso ausmustern lassen. Hatte einfach keinen Bock neun Monate meines Lebens zu verschwenden. Es muss eine glückliche Fügung gewesen sein, dass ich vor meiner Musterung in eine eigene Wohnung gezogen bin und mit einem Kumpel eine kleine horizonterweiternde Experimentierphase hatte. Er wurde dann auch deswegen ausgemustert. Ich nicht. T2 wegen meiner Sehschwäche. Auf Zivi hatte ich ebenso wenig Bock und da mein gesamter Jahrgang auf der Schule verweigert hat, dachte ich mir, dass ich dann halt zum Bund gehe.
Bisschen angepisst war ich, dass ich dadurch die ganzen Abiveranstaltungen verpassen sollte, aber erst einmal nahm ich das alles gelassen. Immerhin war ich hier in einem fortschrittlichen Land und der Bund wird ein organisierter, halbwegs menschlicher Haufen sein, weit weg von der Fantasie irgendwelcher Hollywoodregisseure. Denkste. Als ich dann in Strausberg beim IV. Bataillon des Luftwaffenausbildungsregiment ankam und einen freundlich aussehenden Soldaten nach einem Kugelschreiber fragte, war ich mir erst nicht ganz sicher, ob er einen Scherz machte, als er mich zusammenschiss, weil es "Herr Stabsunteroffizier" heißt und Blablabla. Er lachte nicht.
Dieses Gefühl der Untergebenheit, der Machtlosigkeit zog sich dann durch die gesamte dreimonatige Grundausbildung. Innerhalb der ersten beiden Monate waren wir nie vor 20 Uhr im Dienstschluss, meistens zog es sich bis 22 Uhr. Um 5:10 Uhr mussten wir dann antreten zur Kontrolle, ob man frisch rasiert war und alle Knöpfe auch geschlossen waren.
Dann ging es zum Essen. Wenn man Pech hatte und als einer der Letzten die Kantine betreten durfte, hatte man vielleicht fünf Minuten Zeit etwas von dem Fraß runterzuschlingen. Und ansonsten waren die Tage von Sport geprägt. Ich mache gerne Sport, aber das waren fast ausschließlich Schikanen um Körper und Geist zu zerstören. In voller Montur mit Baumstämmen im Nacken joggen, in ABC-Anzug joggen, in ABC-Anzug und mit Gewehr den Hindernisparkour bewältigen und irgendwelche anderen Spielchen. Mal normal zu joggen oder gar irgendein Mannschaftssport standen natürlich nicht auf dem Programm.
Und natürlich gibt es nur Vollidioten beim Bund. Unser eigentlicher Zugführer, ein Leutnant, war auf einer Schulung, also übernahm ein völlig bekloppter Oberfeldwebel. Er hasste diesen Auslandseinschatzscheiß und trainierte mit uns hauptsächlich die Vaterlandsverteidigung. Ein kleiner, cholerischer schnurrbärtiger Nazi. Wie aus einem schlechten Film. Noch schlimmer waren nur die Hilfsausbilder. Im Nachhinein habe ich gecheckt, wie es abläuft. Scheiße fällt nicht nur von oben nach unten, jeder setzt unterwegs auch noch mal sein Häufchen drauf. Natürlich ist der Ausbildungsplan menschlich. Es soll sogar Pause geben. Aber leider verzerrt die ausführende Kraft diese verweichlichte Scheiße zu harter Scheiße und mit den Ausbildern wird das Stück Scheiße dann mehr und mehr gewürzt und dann kommt eben die AGA dabei raus.
Aber der Bund soll ja durch diese Dressur zusammenschweißen. Und immerhin sitzt man ja mit ca. sechzig anderen Männern im selben Boot... Zug. Aber nein, Kameradschaft habe ich dort nicht erlebt. Oder sagen wir es so: Es wurden sich allenfalls verbündet um einzelne Personen fertig zu machen. So ist z.B. (wieder mal) ein Typ beim Joggen umgekippt und musste dann von den restlichen Soldaten getragen werden, also die mussten auch weiterhin joggen, aber haben halt noch einen Bewusstlosen getragen. (Ich kann es beim Schreiben kaum fassen.) Sieht aus wie Kameradschaft und alle für einen oder so, aber nachts wurde er dann in seinen Schlafsack gesteckt und in seinen Spind geschlossen. Schrankmade nannte sich das.
Spätestens jetzt sind wir an dem Punkt angelangt, wo jeder Mensch mit Verstand sagen würde "Mal den Mund aufmachen". Sowas kann man nicht tolerieren, aber man (ich!) hatte wirklich Angst. Das war eine isolierte Umgebung und man wäre die nächste zerquetschte Made. Für mich waren solche Situationen purer Stress. Und es gibt ja auch die Möglichkeit noch während der Grundausbildung zu verweigern und viele nahmen auch schon in der ersten Woche die Chance wahr. Aber der Bund lässt sich Zeit und erst am Ende der AGA kamen die Leute dann raus. Bis dahin wurden sie von ihren "Kameraden" verabscheut und wurden von den höheren Positionen besonders hart behandelt bzw. bestraft.
Der Horror war dann das einwöchige Biwak. Während andere Züge so etwas wie Schichten hatten (8h Dienst, 8h Bereitschaft, 8h Ruhezeit, glaube ich), hatten wir die ersten drei Tage und Nächte durchgehend Dienst. Die Uniform war innerhalb der ersten Stunden komplett nass, durchgeschwitzt vom Graben und Sandsäcke schleppen. Wechseln durften wir sie nicht. Geschlafen wurde erst in der dritten Nacht 4h auf kaltem Erdboden. Spätestens danach war der Großteil unseres Zuges krank. Ich leider nicht, aber ich war natürlich völlig fertig. In der ganzen Zeit habe ich noch nicht einmal länger gesessen. Mein schönster Moment während der drei Tage war als ich irgendwas bewachen musste und dann mein Gewehr senkrecht auf den Boden abgestellt habe, Kopf mit dem Helm auf dem Lauf, und so etwas einnicken konnte.
Ab dem dritten Monat kam dann unser eigentlicher Zugführer wieder, der Leutnant, und es wurde etwas ruhiger. Wir hatten teilweise sogar schon 17 Uhr Dienstschluss. Ich hatte zwei gute Freunde im Zug gewonnen. Mit dem einen (lustigerweise mit mir der einzige Wessi und Immigrant) war ich dann oft für zwei Stunden in Berlin und wir haben dann von der Welt da draußen geschwärmt und mit dem anderen Kumpel, einem Leistungssportler, war ich abends joggen. Irgendwie hatte es etwas Befreiendes das freiwillig zu tun. Der Rest bestand eigentlich nur aus Idioten und das obwohl das Bildungsniveau nicht niedrig war (50% waren Abiturienten). Aber das sagt halt nichts aus.
Ich habe noch einige typische Bundeswehrgeschichten auf Lager, aber die kennt eh jeder. Jedenfalls kam ich dann irgendwann zum Flughafen Tegel, langweilte mich dort während ich Politiker begrüßte und irgendwann hatte ich die Zeit überstanden und war wieder ein freier Mann.