Die außenpolitische US-Doktrin
Roses Grund-Thesen, die er in seiner sehr lesenswerten Studie "Amerika, das Rom der Moderne?" (hg. in Zusammenarbeit mit der Informationsstelle Wissenschaft und Frieden in Bonn, Juni ´99) ausführlicher belegt, hat bereits 1993 Alfred Mechtersheimer folgendermaßen beschrieben:
"Am 8. März 1992 veröffentlichte die New York Times Auszüge aus einem geheimen Pentagon-Papier, in dem genau das, was Kritiker den USA unterstellt hatten, nun als die amtlichen Ziele der Administration formuliert waren: `Wir müssen versuchen zu verhüten, daß irgendeine feindliche Macht eine Region dominiert, deren Ressourcen - unter gefestigter Kontrolle - ausreichen würden, eine Weltmachtposition zu schaffen´. Die angestrebte neue Weltordnung entpuppte sich als ein nationalistisches Machtkonzept. Das Papier, bei dem es sich um den Entwurf einer "Defense Planing Guidance" für die Haushaltsjahre 1994-1999 handelte, liest sich wie eine prophylaktische Kriegserklärung gegenüber potentiellen Konkurrenten: `Wir müssen unsere Strategie jetzt darauf konzentrieren, dem Aufstieg jedes möglichen Konkurrenten globaler Dimension zuvorzukommen´. In Tokio und Bonn, wo man sich angesprochen fühlte, hatte diese machtpolitische Offenbarung wie ein Schock gewirkt, was zeigt, daß man auch dort auf die feierlichen Erklärungen von Präsident Bush über die `neue Weltordnung´ hereingefallen war, obwohl dieser bereits am 2. August 1990 in Aspen (Colorado) - wegen des Beginns der Kuwait-Krise von niemand beachtet - erklärt hatte, daß keine Region der Welt von einer Amerika feindlich gesinnten Macht kontrolliert werden dürfe" (in: A. Mechtersheimer, Friedensmacht Deutschland, Frankfurt 1993, S. 58f).
Der US-Politologe und Kriegsforscher Professor Daniel Kolko meinte am 8. Mai 1999 im "Berliner Tagesspiegel": "Bei der Entscheidung der Amerikaner, den Krieg zu führen, spielte die spezielle Situation im Kosovo nur eine untergeordnete Rolle. Für die USA ging es darum, militärische Macht zu demonstrieren und ihre Vormachtstellung in der Nato auszubauen".
Thomas Friedmann, Berater von US-Außenministerin Madeleine Albright, brachte am 28.3.99 in der New York Times die derzeitige US-Politik auf folgenden Punkt: "Damit der Globalismus funktioniert, darf Amerika sich nicht scheuen, als die allmächtige Supermacht aufzutreten, die es ist. Die unsichtbare Hand des Marktes wird nie ohne eine unsichtbare Faust funktionieren. Mc Donald kann nicht ohne den F-15-Konstrukteur Mc Donell Douglas florieren. Und die unsichtbare Faust, die dafür sorgt, daß die Welt für Silicon Valley Technologien sicher ist, heißt Heer, Luftwaffe, Marine und Marineinfanterie der USA" (zit. nach: Kosovo, Jugoslawien, Nato, hg. vom Komitee für Grundrechte und Demokratie, Köln 1999, S.29f).
Die wichtigsten Gründe für den Kosovo-/Jugoslawienkrieg in Kurzform
Nach allen bisher genannten Quellen müssen andere als die von Nato-Seite angegeben Gründe den Ausschlag für die Bombardierungen gegeben haben. Zu diesen dürften mit unterschiedlichem Gewicht stichwortartig folgende gehören:
1. Testlauf der neuen Nato-Doktrin: Erster Militäreinsatz ohne UN-Mandat
2. Durchsetzung des weltweiten Führungsanspruches der Nato unter US-Führung bei gleichzeitiger Ausschaltung von OSZE und UNO
3. Konkurrenz zwischen USA und Europa, Dollar und Euro; Desintegration Europas durch die USA bei gleichzeitiger Erschwerung bzw. Verhinderung der Zusammenarbeit Berlin-Moskau
4. Sicherung der Existenzberechtigung der Nato und Auslastung der Rüstungskapazitäten
5. Testfall für Krieg der US-Luftwaffe bei scharfer Konkurrenz um Haushaltsmittel zwischen Luftwaffe, Heer und Marine
6. Verhinderung neuer Flüchtlinge und deren Kosten in Westeuropa
7. Möglicher Präzedenzfall für künftige Konflikte im Kaukasus
8. "Disziplinierung" des "Fremdkörpers" Serbien als letztes mit Rußland und China verbundenes Land in Europa, das sich Globalisierung widersetzt hat
9. Nach Irak-Bombardierung durch Unterstützung der albanischen Muslime Sammeln neuer "Pluspunkte" in der (ölreichen) arabischen Welt
10. Verhinderung einer Glaubwürdigkeitskrise der Nato bei Nichtangreifen trotz Androhung
Bei genauerer Analyse sind beim Jugoslawienbombardement 1999 zwei Kriege zu unterscheiden, die nur begrenzt etwas miteinander zu tun hatten und aus sehr unterschiedlichen Motiven geführt wurden: Erstens der Krieg zwischen serbischer und albanischer Seite und zweitens ein sehr komplexer verdeckt geführter Krieg mit unterschiedlichen Teilkoalitionen zwischen den USA, Europa, Russland und China aus geostrategischen Machtüberlegungen. Die chinesische Botschaft sei - laut britischem "Observer" (16./17.10.99) - von den USA bewußt bombardiert worden, da über das Botschaftsgebäude jugoslawische Armeekommunikationen übertragen worden seien.
Historiker werden sich vermutlich irgendwann darüber streiten, ob das größere Verbrechen dieser sich überlagernden Kriege - abgesehen von den jeweiligen Menschenrechtsverletzungen vor Ort - die Nato-Bombardierungen mit ihren furchtbaren Folgen waren oder die aktive Behinderung der OSZE bei einer diplomatischen Lösungssuche vor allem durch die amerikanische Regierung, wobei die OSZE bei Nichtbehinderung möglicherweise die serbisch-albanische Auseinandersetzung ohne Eskalation hätte beilegen können.