Multi Review: Hitman 2

Dieses Thema im Forum "KT Reviews" wurde erstellt von Türenmacher, 4. Dezember 2018.

  1. Türenmacher

    Türenmacher IO Independent Content Team

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    100 Missionen. Mit dem Release von Hitman 2 erreichte die Serie diesen Meilenstein. Ich finde das nicht nur aufgrund der jüngeren Turbulenzen um das Studio bemerkenswert, sondern auch im Rückblick auf die Entwicklung der Marke insgesamt. 100-mal weitläufig, kompakt, belebt, gefährlich, nervig, überraschend oder alles zusammen. Nach Glanzstücken wie Sapienza oder Paris stellte ich mir die Frage, wie weit man die Designphilosophie noch treiben kann. Am Eingang des neuen Miami-Rennens sagt eine Stimme per Lautsprecher, „dass das Rennen bald vorbei sei, aber noch alles passieren könne.“ Das trifft die Ausgangslage auf den Punkt. Nach vier Wochen mit dem neuen Paket bin ich davon überzeugt, dass IO „Independent“ mit seinem Freigeist noch weitere 100 faszinierende Ideen umsetzen könnte.

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    Während sich Season 1 als Reinkarnation der Hitman-Reihe erst wieder auf dem Markt etablieren musste, kann sich der aus Marketinggründen Hitman 2 genannte Nachfolger (der nicht mit dem originalen Hitman 2: Silent Assassin von 2002 zu verwechseln ist) auf das Wichtigste konzentrieren: die behutsame Pflege und Politur der neuen Basis. Es ist ein konsequenter Nachfolger, dessen Missionen durch den neuen Vertriebspartner Warner als Gesamtpaket erschienen sind. Geschraubt wurde an der Einbettung von Fanwünschen wie Akzenten für die NPC oder dem Sniper-Koffer, doch vor allem am Gameplay gab es eine Fülle kleinerer, sinnvoller Erweiterungen: funktionierende Spiegel, neu justierte Überwachungskameras, deutlich mehr Animationen für 47 oder aus so ziemlich jedem modernen Schleichspiel bekanntes Gebüsch sind die auffallenden Neuerungen. Eine noch direktere Steuerung, vor allem im Umgang mit Waffen, und ein stylisches Menü die eher subtilen.

    Besonders gut an Hitman 2 gefallen mir die jetzt „Mission-Stories“ genannten Ingame-Geschichten. Vorher hießen sie „Gelegenheiten“, manchmal auch „Signature Kills“ oder wie ich es persönlich gerne nenne: „Kill-Stories“. An die 30 solcher speziellen Theaterstücke gibt es in den sechs Missionen – und eine ist lustiger, skurriler oder erschreckender als die andere. 47 kann sich als Pitstop-Mitglied, dreisten Flamingo, Makler oder sogar für ein Begräbnis hergemachte Leiche (die von ihm in einer vorherigen Mission umgebracht wurde) verkleiden und in Dialoge und Szenen eintauchen, die diesmal noch reicher an Charme sind als in Season 1. Wenn in Mumbai ein örtlicher Auftragskiller auf dieselben Zielpersonen angesetzt ist wie ich, die Kills von mir „arrangiert“ werden und ich anschließend als „Kashmirian“ verkleidet die Lorbeeren bei der jeweils anderen Zielperson einheimse, ist das einfach genial. Agent 47 redet mehr als sonst, Diana (leider) auch, doch das lockert das Geschehen enorm auf. Ich kille eben keine Namen, sondern Charaktere. Hitman entwickelt sich in dieser Hinsicht immer mehr zum Adventure.

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    Für mich noch bedeutender sind die Easter Eggs, Andeutungen und Fan-Kleinigkeiten innerhalb der Maps. Zwar wurde hier schon immer viel geboten, wenn man nur genau hinsah, doch diesmal schießen sie den Vogel ab. Es gibt dutzende Verkleidungen, Randcharaktere, Dialoge, Plakate oder auch Briefe in diesen unfassbar detaillierten Miniwelten, dass es nicht nur als Kulisse überzeugt, sondern immer lebendiger wirkt. Wer sich an meine alte Liste mit den besten Missionen erinnert, wird auch noch den Donut-Level in einem kleinen US-Vorstädtchen kennen. Nicht nur, dass dies meine Lieblingsmission der alten Teile ist, nein, die bereits im Namen „Another Life“ (im Vergleich mit „A New Life“) angedeutete Fan-Liebe wird hier besonders deutlich. Statt Donuts gibt es nun Muffins, mit denen man auch deutlich mehr anstellen kann, als sie nur dem FBI hinzustellen. Die nie fertiggestellte Gartenfeier wurde hier Realität, und direkt zu Beginn der Mission joggt eine Einheimische an mir vorbei. „Bist du dir bewusst, welche Welt du formst, 47?“, heißt es in einer Cutscene. Bekannte Figuren, Firmen oder Ereignisse der Vorgänger werden in Hitman 2 über teils mehrere Ecken miteinander verankert und sprühen vor Nostalgie. Das Cello von Fernando Delgado steht im Keller des Neffen, den man nun umlegen muss!

    Zu den einzelnen Missionen möchte ich nicht viel verraten. Sechs große Locations, von denen das Tutorial zwar deutlich kompakter, aber nicht weniger atmosphärisch ist, sind es auch in Hitman 2 wieder. Während in Season 1 vor allem Colorado und Bangkok als eher durchwachsen gelten, ist der Tenor hier ein anderer: IO lernt immer mehr hinzu, sie wissen, was die Essenz der Marke ausmacht, was Fans wollen, und spitzen die Qualitäten immer weiter zu. Vor allem das Auto-Rennen in Miami, ein belebter Ort voller Schaulustiger und einem gerade stattfindenden Rennen, sowie Mumbai als Schmelztiegel indischer Kultur haben mich schlichtweg weggeblasen. Die Gestaltung, das Flair, die Frische der einzelnen Kartenbereiche, die Kill-Optionen, einfach wow. Hinzu kommen eine Mission bei Nacht am Strand, eine Drogen-Villa in Kolumbien, eine herbstliche US-Vorstadt und eine geheimnisvolle Insel der Ark-Gesellschaft. Manchmal gibt es (optionale) Zusatzaufgaben, manchmal Trigger und Loops, die ich so nicht erahnen konnte. Ein wildes Potpourri aus Hitman-Träumen, mit einer Diversität, die Season 1 übertrifft. Sapienza bleibt zwar unbestritten auf Platz 1, doch Mumbai und Miami stoßen auf das Treppchen vor.

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    Bei den Spielmodi hat sich auch etwas getan. IO versucht stets, den Hitman-Spirit in andere Bereiche zu übertragen. Während die Escalation-Aufträge und der Contracts-Modus bereits bekannt sind und im Laufe der Zeit sicher ihre Feinabstimmungen erhalten werden, gibt es drei interessantere Umstände. Die schwer zu fassenden Ziele, die nicht an Spannung verlieren, wurden aufwändiger als erwartet. Sean Bean (!) wurde verpflichtet und ist die Zielperson in einem Auftrag samt kleiner Story-Mission und einem coolen, explodierenden Stift. Im „Ghost-Modus“ wiederum können zwei Spieler gegeneinander antreten und ausloten, wer die Map besser kennt und lautloser Killer bleibt. Highlight ist für mich aber der eigenständige „Sniper-Assassin“-Modus, in dem es wunderschöne, reinrassige Sniper-Maps gibt, die genau wie die Kampagne mit immer neuen Missionen versorgt werden sollen. Zu Zeiten von Absolution gab es die Sniper Challenge als Bonus, jetzt wurde daraus ein ganzer Modus. Wenn IO mit sowas Multiplayer-Ideen und andere Hirngespinste ausprobieren möchte, dann nur zu.

    Kritik übe ich vor allem an bereits bekannter Stelle. In Miami lassen sie ein paar Rennwagen um die Strecke fahren, einen funktionierenden Aufzug gibt es aber immer noch nicht. Der Sniper-Koffer ist endlich dabei, doch zur physikalisch übermächtigen, zielsuchenden Rakete mutiert. Zielpersonen können sich immer noch nicht selbstständig wehren, und die doofe KI hat jetzt auch noch Blendgranaten in der Jackentasche. Die Story wurde aus Budgetgründen auf animierte Artworks reduziert und ein sinnvolles Progression-System, am besten mit erworbenem Geld wie in Blood Money, gibt es nach wie vor nicht. Wenn die Missionen noch komplexer werden, prallen beim Programmieren irgendwann die Zielpersonen in einem Paralleluniversum aufeinander und der Computer explodiert. Ein Engine-Wechsel kommt derzeit nicht in Frage, muss aber auch nicht sein. Vieles wurde bereits gefixt, andere Stellen werden es vielleicht nie. It’s not a bug, it’s a feature – dieses Motto wird in der Hitman-Community noch lange Bestand haben.

    Aus dem damaligen Versprechen, eine große, zusammenhängende „World of Assassination“ zu erschaffen, ist seit der Trennung von Square Enix nur indirekt etwas geworden. Ursprünglich hätte es im selben, schlicht HITMAN genannten Launcher alle Missionen geben sollen, chronologisch aneinandergereiht. Durch die Aufspaltung in einen formal eigenständigen Nachfolger musste sich IO etwas einfallen lassen. Durch das sogenannte „Legacy Pack“ erhalten alle Besitzer der ersten Season alle bisherigen Missionen kostenlos. Und zwar nicht unberührt, sondern mit allen neuen Grafik- und Technik-Features, die Hitman 2 eingeführt hat. Durch diesen riesigen Download habe ich jetzt alles doppelt auf der PS4-Festplatte und kann über das Menü Missionen und Story-Stränge auswählen. Ich ziehe den Hut vor IO, dass sie das durchgezogen haben. Doch ehrlich gesagt habe ich das von Anfang an erwartet und ich gehöre zu den Spielern, die durch regelmäßig neue Missionen und Updates all das gerne über das Jahr verteilt bekommen hätten. Der Überfluss an Content von Hitman 2 und dem Legacy Pack sowie die Tatsache, dass ich die Meisterschaftsstufen in den alten Missionen nochmal erspielen musste (was dank meines Wissens nicht besonders lange dauerte) verdeutlicht mir, wie gut der episodische Grundgedanke zu Hitman passte und noch passen würde. Vielleicht kehren sie eines Tages dazu zurück, ich wünsche es mir.

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    IO hat Spaß an Hitman. Das merke ich an jeder Ecke. Ob die Trennung von Square Enix vielleicht das Beste war, das IO passieren konnte, wird die Zukunft zeigen. Darf man den Verantwortlichen trauen, stehen sie finanziell solide da, die technischen Grundlagen, sowohl was die Glacier-Engine als auch Azure-Server angeht, stehen, sie müssen keine teuren Lizenzen wie Telltale verwalten, und einige Entwickler stellen sich für Animationen sogar selbst ins Mocap-Panorama. Derzeit klar ist nur, dass neben zwei großen Expansions für Hitman 2 der Abschluss der Trilogie geplant ist – in irgendeiner Form, womöglich in 2020. Mit Warner, als Teil von Microsoft (Gerüchte gibt es), ganz alleine oder am Ende auch gar nicht. Ich freue mich jetzt erstmal auf die 101. Mission.
     
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  2. eape

    eape slicing up eyeballs

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    Ist gar nicht mein Fall, aber immer schon so einen Bericht von einem Fan zu lesen. :dhoch:
     
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