PC Pillars of Eternity 2: Deadfire a.k.a. Obsidians Meisterstück

Dieses Thema im Forum "KT Reviews" wurde erstellt von Trayal, 3. Juni 2018.

  1. Trayal

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    Pillars of Eternity 2: Deadfire a.k.a. Obsidians Meisterstück



    Meine Reise ging diese Woche leider nach "nur" 65 Stunden zu Ende und leider deshalb, da es eines dieser wenigen Spiele ist, bei dem mir die gebotenen 65 Stunden eigentlich noch viel zu wenig waren. Anhand der an den Tag gelegten Qualität hätte ich auch liebend gerne noch weitere 60 Stunden darin versenkt. Ich sollte dazu auch erwähnen, dass ich die meisten Side Quests ausgekostet habe, die sich in mein Quest Log verirrten. Ausgekostet trifft es hier sehr gut, denn im Gegensatz zum aktuellen Branchen Standard sind Side Quests hier nicht sofort gleichbedeutend mit Check Lists, repetitiver Beschäftigungstherapie und kreativer Armut von Seiten der Entwickler. Statt sie im Selbstschutz zu umgehen, wollte ich so wenig wie möglich von ihnen verpassen, das letzte Bisschen aus dieser tollen Spielwelt in mich aufsaugen. Deadfires Quest Design könnte man gut und gerne als 1x1 guten Quest Designs verkaufen und ich würde mir wünschen, dass die aktuell Verantwortlichen bei Ubisoft, Guerrilla Games, BioWare, Santa Monica oder Nintendo sich dieses Spiel einmal zu Brust nehmen und ihre logischen Schlüsse daraus ziehen. Es würde die Triple-A Branche irrsinnig bereichern.

    War der Vorgänger noch so etwas wie ein sehr guter Baldurs Gate "Klon" - wenn auch mit von Obsidian eigens entwickelter und doch recht origineller Spielwelt (im Gegensatz zu BioWars Baldurs Gate, ohne dessen Klasse irgendwie schmälern zu wollen, welches auf den Forgotten Realms aus Dungeons & Dragons aufbaute) - konnte sich Deadfire nun von seinem großen Vorbild emanzipieren. Obsidian hat den Kunstgriff gewagt ihre "klassische" (Dark) Fantasy Welt mit einem karibisch anmutendem Piraten Thema zu verheiraten. Was im Vorhinein noch wie ein etwas willkürliches Wagnis anmutete (zumindest tat es dies auf mich), entpuppte sich bereits nach nur wenigen Spielstunden als ziemlich aufregender Mix, bei dem ich mich fragte wieso zum Henker noch niemand viel früher auf die Idee kam und sich diese kreative Spielwiese eröffnete. Die Writer des Spiels waren wohl ähnlicher Meinung, zumindest meine ich ihre Lust an ihrer Tätigkeit förmlich beim Lesen und Lauschen ihrer Zeilen zu vernehmen. Das Writing ist wirklich außerordentlich gut und wenn ich daran denke mit welchem fast schon philosophischem Tiefgang sie Themen wie etwa den Imperialismus, Glaube, Kultur und Fortschritt angingen und wie detailliert die gewaltigen Hintergründe ausgearbeitet wurden, geht mir das Herz auf. Das bewegt sich auf einem Niveau mit dem dieses Medium nur äußerst selten beschenkt wird und welches entsprechende Würdigung verdient hat.

    Bei den Charakteren werden die Gemüter einen Scheideweg beschreiten. Diejenigen welche Charaktere mit den "fancy Backgrounds" eines old BioWares erwarten werden enttäuscht werden. Die Charakteres eines Deadfires sind ziemlich geerdet, stecken dafür aber ihre BioWare Pendants in Sachen Authentizität und auch in der vom Spieler beeinflussbaren Plastizität in die Tasche. Besonders hervorzuheben ist hier auch die Interaktion die innerhalb der Party stattfindet und das nicht nur, wie man es etwa von den BioWare Spielen gewohnt ist, vorwiegend am Lagerfeuer oder auf der Normandy, sondern im laufenden Spielfluss, mal während einer Main Quest und mal während einer unbedeutenden Side Quest. Jeder der Charaktere hat klar herausgearbeitete Charakterzüge und Weltanschauungen, die mit den eigenen Handlungen (anhand derer dem eigenen Charakter übrigens auch ein halbwegs transparentes Profil erstellt wird) als auch mit denen der anderen Charaktere abgeglichen werden. Sie mischen sich aktiv in das Geschehen ein, kommentieren Gegebenheiten aus ihrer Warte heraus und so kann es sich auch ereignen, dass sich zwei Charaktere völlig unversöhnlich in die Haare bekommen oder Charaktere unwiderruflich die Party verlassen (Side Note: Es gibt übrigens auch einen Permadeath für Charaktere, im Gameplay, als letzte Konsequenz des Verletzungssystems).

    Auf Seiten des taktischen, pausierbaren Echtzeit-Kampfsystems lässt das Spiel für Werte Fetschisten und Komplexitätsliebhaber auch kaum Wünsche offen. Hier hat sich Obsidian gänzlich der Core Audienz zugewandt, ohne Zugeständnisse für Casuals und jene die es mit dem Genre nicht so haben, jedoch vielleicht vom Setting angelockt wurden (abgesehen von einem Story Mode, der quasi sämtliche Herausforderung aus dem Spiel streicht). Das beginnt schon im Charaktere Editor, in dem ich mich bestimmt 1-2 Stunden aufgehalten habe und in den ich innerhalb der ersten Spielstunden noch mehrere Male zurückgekehrt bin, da ich mich dann doch für andere Charaktere entschied, die mir unter den Fingernägeln brandten, ehe ich mich auf einen festgelegt hatte. Ich will nur anhand eines einfachen Beispiels erläutern mit welcher erschlagenden Entscheidungsvielfalt man hier konfrontiert wird und dieses Beispiel betrifft lediglich die Wahl der Klasse: Es gibt 11 Basis Klassen, von denen verfügt jede minimum über 3 Sub Klassen (4 der 11 bieten sogar 4-5 Sub Klassen) und nun kommts, man kann jede Sub Klasse einer Klasse (sowie die Klasse selbst) mit jeder beliebigen Sub Klasse einer anderen Klasse zu einem Hybriden verbinden, mit all den gegebenen gravierenden Vor- und Nachteilen. Das alleine hat mich schon rotieren lassen und dann kommen da noch Attribute, Rassen, Sub-Rassen, aktive und Passive Skills, Hintergrund, Kultur und Waffen Fokus hinzu!

    Die Party umfasst hier bis zu 5 Charaktere (den eigenen Charaktere plus vier Companions) und wenn man nicht gerade im Easy Mode spielt, sollte die Zusammenstellung bzw. im Speziellen die Abstimmung der einzelnen Character Builds aufeinander auch sorgfältig geplant werden. Besonders auf Path of the Damned, der Schwierigkeitsgrad den ich dann final gewählt habe, spielt auch das Verzauberungs-, Alchemie- und ganz Allgemein das Crafting-System eine essentielle Rolle, womit Deadfire endgültig zu einem ziemlich komplexen Leviathan ausartet.

    Was das (gemächliche) Pacing des Spiels betrifft wechselt es sich ab zwischen dem Erkunden der World Map via eigenem Schiff (Ja, ein eigenes Schiff, man spielt immerhin sowas wie einen Piraten Kapitän...oder für was auch immer für einen Pfad man sich entscheidet aber dazu gleich mehr), dem Erkunden der jeweils einzelnen Areale, viele, viee~ele mit hervorragendem, englischem Voice Acting vertonter Dialoge, taktischer Echtzeit Kämpfe und etwas das man am besten als digitales Abenteuer Spielbuch bezeichnen könnte. Eine große Rolle spielen hier auch die aktiven und passiven Skills, wie etwa Athletik, Tiefblick, Bluff, Diplomatie, Einschüchtern, Metaphysik und noch einige mehr, deren Wert in unzähligen Situationen zur Abfrage gestellt wird, wenn man sich für die jeweilige Option entscheidet. Apropos Entscheidungen, das Spiel ist bis zum Anschlag voll mit Entscheidungen aller Art, die mal kleine und mal größere Konsequenzen nach sich ziehen. Dementsprechend hoch ist auch der Wiederspielwert, in Kombination mit der abartigen Vielfalt an möglichen Charakter Builds. Bin auch bis zum Ende begeistet davon geblieben wie viele tolle kleine und große Ideen in diesem Spiel stecken.

    Zum vorhin erwähnten Schiff: Statt einer Burg, wie im Vorgänger, besitzt man nun ein Schiff samt (rekrutierbarer) Crew. Es gibt verschiedene Schiffs-Typen, mit verschiedenen Eigenschaften, eine Vielzahl an Upgrades fürs eigene Schiff und ein Level System der Crew. Natürlich grast man mit dem Schiff nicht nur die World Map ab, sondern kann sich auch in viele Seeschlachten stürzen und bekommt tolle Shantys zu hören. Kein Spiel seit Sid Meier's Pirates! konnte mir so ein Freibeuter Gefühl wie Deadfire vermitteln!

    Technisch und in seiner Präsentation darf man sich natürlich keine Triple-A Produktion erwarten. Deadfire ist ein klassiches Rollenspiel aus der isometrischen Überblicksperspektive und ist auch dementsprechend inszeniert. Die Kulissen jedoch sind außerordentlich liebevoll gestaltet, der OST ist ein geiles und sehr abwechslungsreiches Stück, welches sich von epischen Titeln, eines Dark Fantasy Werkes geziemlich bis hin zu Freibeuter Orchestralik, Tavernen Hymnen und vielen Shantys erstreckt. Wie bereits erwähnt verfügt Pillars of Eternity 2 dieses Mal auch über ein exzellentes, englisches Voice Acting (Vollvertonung aller Dialoge). Negativ fielen mir einige kleinere Bugs auf, jedoch nichts was mir den Spielfluss getrübt hätte oder gar gamebreaking gewesen wäre. Muss jedoch erwähnen, dass mir das Spiel ziemlich oft abgestürzt ist, nämlich irgendwo zwischen 5 und 10 mal innerhalb meiner ~65 Spielstunden. Da die automatischen Saves jedoch ziemlich oft angelegt werden und ich auch regelmäßig mal auf die F5 Taste (Quick Save, welcher nebenbei am Betätigung des Short Keys erfolgt und dabei das Spiel nicht unterbricht) geklopft habe, ging mir dabei jedoch kaum etwas an Spielfortschritt verloren.

    Kann man Deadfire spielen ohne den Vorgänger gespielt zu haben? Ich würde empfehlen den Vorgänger vorher zu spielen aber unbedingt notwendig ist es nicht, wenn man ihn denn auslassen möchte und gewillt ist sich in die Story der Welt reinzuknien. Die Texte sind ja nur so von Highlights zugekleistert, die man mit der Maus hoovern kann, um dann eine gute Erklärung zu den jeweiligen Namen und unbekannten Begriffen zu erhalten. Zudem bietet einem auch jeder NPC, den man im ersten Teil bzw. dessen Addon antraff, die Möglichkeit ihn zu befragen woher man sich denn kennt oder was dieser in der Zwischenzeit tat. Dazu noch die unzähligen Bücher die man überall findet, die einen mit Background Wissen nur so erschlagen. Also wenn man gewillt ist das auch aufzusaugen, dann sehe ich da überhaupt kein Problem. Wenn man natürlich nicht gerne liest bzw. sich auch nicht gerne durch verschachtelte Dialogbäume bewegt, dann kann ich diesbezügliche Bedenken schon verstehen, denn dann lässt einen das Spiel schon etwas im Regen stehen. Irgendwo muss man aber auch eine klare Linie ziehen, wenn man so einen komplexen Hintergrund spannen möchte und ich finde es gut, dass Obsidian hier keine Kompromisse eingeht. Dumm sterben muss aber niemand, der sich auf das Ganze tatsächlich auch einlassen möchte.

    Ich könnte noch so viel mehr über dieses Spiel erzählen aber da das kleine Review eigentlich schon viel länger als ursprünglich beabsichtigt wurde, beende ich nun an dieser Stelle. Wenn ihr auch nur ansatzweise so sehr für dieses Genre zu begeistern seid wie ich und es nicht immer eine Triple-A Produktion sein muss: Scheiße nochmal, spielt dieses Spiel! Yo ho ho, spielt es und versinket im Deadfire Archipelago!

    10/10

     
    Zuletzt bearbeitet: 3. Juni 2018
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  2. Roitherkur

    Roitherkur

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    Sehr schöner Text. Danke fürs Schreiben!
     
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  3. Fanmake

    Fanmake KauScH

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    Jep, geil geschrieben und macht definitiv Lust - auch wenn ich vom ersten Teil gesättigt bin.
     
  4. Fuchs

    Fuchs

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    Toller Testbericht, danke. Hat mich dazu inspiriert, zunächst mal den ersten Teil zu testen.

    Edit 1: Ist leider nicht meins.
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. August 2018
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