http://www.zeit.de/kultur/film/2012-09/precht-zdf-philosophie schrieb:
Was dann 45 Minuten lang folgt, ist eine Art Crash-Kurs Reformpädagogik, das kleine Einmaleins fortschrittlicher Bildungspolitik. Der Unterschied zu einem Wikipedia-Eintrag liegt vor allem im Sound: Gerald Hüther würzt alarmistisch nach ("Wenn wir jetzt nichts ändern, wird es unser Land bald nicht mehr geben"), und Precht peppt die Reformpädagogik sozialkritisch auf ("Hartz IV ist Entschädigung für nichtgewährte Chancengleichheit"). Zeitgemäßes Vokabular muss natürlich auch sein ("Lehrer sollten zu 'Potenzialentfaltungscoaches' werden, sprich: zu Mentoren").
Man kann das als ehrenvolles Anliegen betrachten: Da sitzen zwei besorgte Männer und versuchen, einem verwertbaren, klar umrissenen Wissen zum Durchbruch zu verhelfen. Schade nur, dass damit die Sendung so gut wie nichts mehr mit Philosophie zu tun hat. Denn entgegen einem weit verbreiteten Missverständnis ist die Philosophie nur bedingt mit Klärung, Erleichterung und Verbesserung einer Lebens- oder Gesellschaftslage beschäftigt. Umgekehrt: Die Philosophie macht erst mal alles schwerer. Das Denken haust im Zweifel. Selbst und gerade die einfachsten Gewissheiten werden von der Philosophie hinterfragt: Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? Oder: Gibt es überhaupt Philosophie im Fernsehen? Gibt es überhaupt Precht?
Noch einmal zurück zur Frage: "Macht Schule dumm?" Precht hat von Goethe, Rousseau und Humboldt gelernt: Ja, wie die Schule jetzt ist, macht sie dumm. Weil sie die Schüler dazu anhalte, etwas wiederzugeben, was bereits vorformuliert ist. Interessanterweise passiert genau das auch in der vorproduzierten Sendung Precht . Hier wird an keinem Punkt nachgedacht, an keinem Punkt gezweifelt oder sich Zeit gelassen, nicht einmal wirklich gefragt oder auch nur einmal nachgefragt. Sekundenschnell haut Precht seine vorgestanzten Sätze heraus. Hüther erinnert an das, was er in seinen Populärpublikationen zuletzt so geschrieben hat. Und weil beide einer Meinung sind, kann sich auch keine überraschende Argumentationskonstellation ergeben, die zu etwas Neuem führt.
Was passiert hier? Genau das, was Philosophen einen "performativen Selbstwiderspruch" nennen. Precht fordert Kreativität ein, ohne sie nur einen Augenblick im Medium des Fernsehens zu gestatten. Damit wird das Fernsehen zur Fortsetzung der unproduktiven Schule mit anderen Mitteln. Als Zuschauer bleibt uns, den Precht-Hütherschen Sermon mit dem Stoßseufzer "gut zu wissen" abzunicken.
Natürlich nur, wenn wir nicht vorher eingenickt sind oder unser unterforderter Kopf, wie damals in der Schulzeit, längst woanders ist und sich die entscheidenden Fragen des Abends selbst stellt: Führt ein vermehrtes gesellschaftliches Interesse an Philosophie am Ende zu weniger Philosophie? Macht Precht dumm?