Ich lese gerade Bernhard Kegels "Die Natur der Zukunft", und das Buch hilft mir dabei, etwas gelassener in die Zukunft zu blicken.
Ich zweifle weniger daran, dass die Menschheit als Ganzes mit den Veränderungen zurechtkommen wird; mir geht es bei den Filmen, die ich geschoben habe, immer eher darum, was aus unserer Natur wird und ob unsere Kindeskinder auf einem Wüstenplaneten leben werden, wo dann wieder das Recht des Stärkeren gilt.
Diesbezüglich gibt Kegel Entwarnung. Bzw. er beschreibt schon sehr deutlich die gewaltigen Veränderungen, die auf den Planeten zukommen und Flora und Fauna gehörig durcheinanderwirbeln werden. Der Klimawandel wird die Welt, die wir heute kennen, in eine andere verwandeln. Aber wird diese andere Welt wirklich schlechter sein? Das ist schwer zu sagen, und darauf hat auch die Wissenschaft keine eindeutige Antwort. Es ist immens schwierig, sichere Vorhersagen darüber zu treffen, wie der Temperaturanstieg auf die Ökosysteme wirken wird. Zudem gibt es viele Faktoren, die die Wissenschaft nicht versteht oder von denen sie vermutlich noch gar nichts weiß - diese werden sich ebenfalls positiv oder negativ auswirken. Auch in der Vergangenheit wurde die Wissenschaft schon einige Male von unvorhergesehenen Phänomenen überrascht - so zum Beispiel von der "Klimapause", wo sich der weitere Temperaturanstieg für einige Jahre unerwartet "im Meer versteckte", so würde ich Laie es zumindest ausdrücken.
Nun, der Temperaturanstieg ist natürlich real und wird gewaltig sein. Und wir Menschen haben eine vermutlich unumkehrbare Entwicklung angeschoben, deren Entfaltung wohl viele tausend Jahre andauern wird. Es ist unmöglich vorherzusagen, was am Ende dieser Entwicklung stehen wird, aber allein diese weite Perspektive zeigt, wie unzureichend all die Prognosen sind, die meist im Jahr 2100 enden.
Nun, warum blicke ich heute dennoch gelassener in die Zukunft dank dieses Buchs? Das liegt vor allem an einigen Fakten, die mir Kegel nähergebracht hat, und die mir bisher vollkommen unbekannt waren:
- Ich hatte vor allem Angst davor, dass das Antlitz Europas durch den Klimawandel für immer verändert wird. Dabei habe ich zwei Aspekte völlig ausgeblendet: 1. Europa verändert sich bereits - seit den 1980er Jahren. Viele Tier- und Pflanzenarten, die ich als heimisch begreife und die für mich zum Alltag gehören, gibt es erst seit wenigen Jahrzehnten in Europa. 2. Das Europa, das wir kennen, ist ein von Menschen gemachtes künstliches Europa, das nichts mit dem ursprünglichen Europa zu tun hat. Dieses war weitgehend mit Urwäldern überzogen, es gab kaum Wiesen, wenig Blumen, wenig Bestäuber. Es gab Löwen in Italien und große Bärenpopulationen in Deutschland. Alles, was wir heute an Natur sehen, haben wir in den letzten paar hundert Jahren so gezüchtet, angepflanzt, ausgewildert. Was wir nicht sehen, sehen wir vielfach nicht, weil wir es längst ausgerottet haben. Wenn sich Europa also durch den Klimawandel wieder verändert, ist das nur eine weitere Kurve in einem andauernden Veränderungsprozess. Auch die Bäume und Pflanzen, die wir heute in Europa sehen, gab es hier vor 2.000 Jahren kaum.
- Dass Nord- und Südpol überhaupt mit Eis überzogen sind, ist eine absolute Ausnahme in der Erdgeschichte. Wir befinden uns derzeit in der Warmphase einer Eiszeit mit ungewöhnlich konstanten Temperaturen in den letzten 10.000 Jahren. Das könnte sich dank uns nun ändern ...
- Es gab einen Hitzepeak vor rund 56 Mio Jahren, da wurde massig CO2 freigesetzt und die Erde erhitzte sich um 8 Grad - bei Temperaturen, die bereits 8 Grad über denen lagen, die heute herrschen - wenn ich das richtig verstehe, lag also die Durchschnittstemperatur der Erde an diesem Peak bei 16 Grad über den heutigen Verhältnissen. Und auch in dieser Phase extremer Hitze war die Erde keine sengende, lebensfeindliche Wüste; im Gegenteil hat sich in dieser Phase evolutionär sogar einiges getan: Die ersten Pferde erschienen, und auch die ersten Affen.
- Um diesen Peak erneut zu erreichen, müssten wir laut Kegel jedes einzelne existierende Molekül gebundenes CO2 in die Atmosphäre entlassen, sprich jeden Tropfen Öl und Gas verbrennen, alle Wälder bis auf den letzten Baum abholzen und so weiter. Wir haben bisher zw. 1850 und 2014 545 Pg CO2 in die Atmosphäre geblasen. Um besagten Peak zu erreichen, waren es vor 56 Mio Jahren 10.000 Pg gewesen.
- Jüngste Studien zeigen, dass Tiere und Pflanzen erstaunlich schnell auf Klimaveränderungen reagieren. Die meisten wandern polwärts, mit teils enormer Geschwindigkeit, beziehungsweise suchen größere Höhen auf oder tiefere Stellen im Meer. Natürlich wird es Verlierer geben. Der Klimawandel wird Tausende von Arten ausrotten. Aber es deutet einiges darauf hin, dass es noch mehr Gewinner geben wird. Viele Arten sind anscheinend in der Lage, sich klimatisch binnen einer Generation vollkommen umzustellen. Dennoch bleibt die Geschwindigkeit der Erwärmung ein Problem; denn wir erhitzen den Planeten zehnmal schneller als er sich auf dem Weg zum Peak erhitzt hat. Die Organismen haben daher auch viel weniger Zeit, sich anzupassen; dies ist wohl auch der Grund dafür, warum es viele Arten nicht schaffen werden.
Ich will damit nichts beschönigen. Der Mensch hat eine Entwicklung losgetreten, die er allerhöchstens im Ansatz begreift und deren Auswirkungen den Planeten auf 10.000e Jahre beinflussen werden. Vielleicht werden unsere späten Nachfahren uns dafür eines Tages verteufeln. Vielleicht aber werden sie unsere Epoche und unseren teils hysterischen Umgang mit dem Klimawandel aber auch eines Tages belächeln, so wie wir die Menschen im Mittelalter für ihren Aberglauben belächeln oder die Menschen im 19. Jahrhundert, die sich auf Jahrmärkten in Röntgenapparate gestellt haben. Ich will es jedenfalls nicht darauf ankommen lassen und bleibe lieber dem Klimaschutz verschrieben, allein schon, weil er nette Nebeneffekte hat: Gesünder, sicherer, resourscenschonender leben ...
Aber ich konnte meine Angst vor dem Klimawandel überwinden. Weder unsere Kinder noch deren Kinder werden in sengenden Wüsten um die letzten Tropfen Wasser kämpfen müssen. Ich gebe da dem Klimaforscher Hans von Storch recht, der die hysterischen Weltuntergangsszenarien kritisiert.
Mir hat vor allem der Perspektivwechsel geholfen: Statt sich an einem festgeschriebenen Status Quo für Flora und Fauna festzukrallen und alles dafür zu tun, diesen zu erhalten, kann ich jetzt akzeptieren, dass es gar keinen Status Quo gibt, sondern alles stets und ständig im Wandel begriffen ist.
Der Klimawandel bedeutet für uns vor allem das: Wandel. Und ich denke, wir werden uns stärker damit auseinandersetzen müssen, wie wir mit diesem Wandel umgehen und uns auf die neuen Bedingungen einstellen. Wenn wir dann gleichzeitig noch Fortschritte im Klimaschutz machen und unseren CO2-Ausstoß reduzieren, brauchen wir uns vor der Zukunft nicht zu fürchten