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Pandemie scheint, zumindest in Deutschland, auf dem Rückzug zu sein. Wird jetzt alles wieder normal? Professor Clemens Wendtner, Leiter der Infektiologie und Chefarzt am Klinikum München-Schwabing, hat den ersten Covid-19-Patienten Deutschlands behandelt. Im Interview erklärt er, wie unser Leben nach Corona aussehen wird und was die Gesellschaft aus der Zeit mitnehmen wird.
SZ: Herr Wendtner, ist die Pandemie jetzt vorbei?
Clemens Wendtner: Aus der Pandemie wird eine Endemie werden. Ein Virus, das so gewütet hat, wird zwar nicht von jetzt auf gleich verschwinden. Doch wir haben mit den Impfungen gespitzte Waffen. Wir können uns auch, was die Mutationen angeht, zunehmend wappnen, indem wir Impfstoffe anpassen. Und selbst wenn Richtung Herbst noch mal eine vierte Welle kommt, wovon ich ausgehe, wird es das Gesundheitssystem hoffentlich nicht an die Grenzen bringen.
Wird man im Herbst noch einmal einen Lockdown brauchen?
Mit großer Wahrscheinlichkeit: Nein. Es wird wohl eher eine kleine Welle sein, eine Art Nachbeben, weil wir bis dahin vielleicht noch keine Durchimpfungsquoten von 70 oder 80 Prozent haben werden. Wir werden auch mit der einen oder anderen Mutation zu kämpfen haben. Aber nach allem, was wir wissen, wird das nicht mehr zu einer so massiven Welle an Neuinfizierten führen.
Welche Rolle werden Mutanten künftig spielen? Können sie uns den Impferfolg noch kaputtmachen?
In Großbritannien stellt die Delta-Variante gerade eine Herausforderung dar. Das wird eine Blaupause sein, wie es im Herbst in Deutschland sein könnte. Dazu muss man wissen, dass in Großbritannien sehr viel Impfstoff von Astra Zeneca verimpft wurde und dieser Impfstoff bei der Delta-Variante nicht ganz so protektiv ist, wie es der Impfstoff von Biontech/Pfizer nach ersten Daten offensichtlich ist. Aber wir haben auch die Alarmsysteme aktiviert: Man weiß inzwischen, dass es sehr sinnvoll ist, Viren systematisch zu sequenzieren. Wir würden also auch neue Varianten frühzeitig entdecken. Und wir haben die Technologie, Impfstoffe schnell anzupassen.
Seit dieser Woche gibt es in Bayern weniger Kontaktbeschränkungen, die Innengastronomie durfte öffnen. Was halten Sie von den Lockerungen?
Man muss einen harten Lockdown machen, wenn er indiziert ist. Aber man muss dann auch erkennen, wenn die Dinge sich zum Besseren wenden und die Zügel lockerlassen - ohne unvernünftig zu sein. Die Lockerungen sind immer noch mit einem Sicherheitsnetz verbunden. Und wir gehen ja davon aus, dass die Impfungen schützen, darauf muss man dann auch vertrauen. Man kann nicht jahrelang den Katastrophenfall aufrechterhalten, nur um das letzte Risiko auszuschließen. Es gibt kein Nullrisiko.
Wie viel Risiko kann oder muss eine Gesellschaft tragen?
Ich gebe ein Beispiel aus der Onkologie: Es gibt Personen, die rauchen. Wir wissen, dass das mit einem Risiko behaftet ist, dass diese Personen Lungenkarzinome entwickeln können. Doch deswegen würde man das Rauchen nicht verbieten. Das heißt, am Ende ist es eine individuelle Risikoabwägung. Natürlich muss die Gesellschaft großen Schaden abwenden. Deshalb ist eine Impfkampagne wichtig gewesen. Doch es wird immer Menschen geben, die sich nicht impfen lassen wollen, damit ein Risiko für sich tragen und ein Restrisiko in die Gesellschaft einführen. Damit müssen wir lernen umzugehen.
Wenn immer ein Restrisiko bleibt, wie lange ist es dann noch tragbar, Clubs und Diskotheken geschlossen zu halten und Großveranstaltungen zu verbieten?
Bei Großveranstaltungen bin ich zurückhaltend, hier zu flotte Öffnungsschritte zu vollziehen. Da gibt es einfach so viele Kontaktflächen. Das wäre aus meiner Sicht erst wieder in Ordnung, wenn wir wirklich eine Herdenimmunität aufgebaut haben. Das werden wir im Juli noch nicht haben.
Wie wird das Leben nach der Pandemie denn aussehen?
Das darf man sich sehr undramatisch vorstellen. Wir kennen alle die Horrorgeschichten der Spanischen Grippe von 1918, aber wir können heute vernünftig mit einer Influenza-Schutzimpfung in den Winter starten. Und so wird es auch mit Corona sein, dass wir uns einfach - entweder jährlich oder zweijährlich, das ist noch nicht ausgemacht - einer
Impfung unterziehen und damit auch einen sehr guten Schutz haben. Das wird Routine werden.
Maskentragen zum Beispiel ist ja auch normal geworden. Werfen wir das bald alles wieder über Bord?
Ich glaube schon, dass gewisse Verhaltensmuster auch in die Zeit nach der Pandemie übertragen werden. Man kann ja auch von anderen lernen. Im asiatischen Raum war das Maskentragen schon vor der Pandemie Usus. Es sollte keine Vorschrift sein, aber man sollte auch nicht über Personen lächeln, die in der U-Bahn oder im Bus auch im Jahr 2022 mit einer Maske einsteigen. Man hat ja auch gesehen, dass die Masken zusätzlich vor anderen Atemwegs- oder Viruserkrankungen geschützt haben.