Danke, ich bin mal gespannt. Ich würde mich noch zu den wenigen zählen, die echtes Herzblut in die Firma stecken. Früher war es hier ein Klima der Angst, da musste man nur einmal auf dem Weg zur Toilette auf dem Gang schielen oder gähnen, da hatte man schon fast die Abmahnung am Hals. Der Wasserkopf wurde nach einem Wechsel der Geschäftsführung so ausgedünnt, dass es nur noch wenige gute Sparringspartner gibt. Nach der harten aber erfolgreichen Konsolidierung ist es nun die Aufgabe sich neu zu erfinden und vom reinen Spardiktat wieder in eine Art Entwicklung überzugleiten. Aber das mag ich unserem Chef überhaupt nicht zutrauen. Er kennt nur die Kosten als Stellschraube und mag sich überhaupt nicht festlegen, als wer man auf dem Markt auftreten will. Dinge wie Digitalisierung werden total unterschätzt, aber diesbezüglich hab ich neulich ja schon mal Dampf abgelassen.
Das Vorstellungsgespräch war prinzipiell ganz in Ordnung, aber es wäre auf der Karriereleiter eine Stufe runter und ich habe mich ob der Größe des Betriebs zu einem deutlichen Gehaltssprung (Wunsch) hinreißen lassen, aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Man muss sich halt entscheiden, ob man Offizier auf’m Krabbenkutter oder Crewmember auf dem Flugzeugträger sein will. Aber ich sehne mich nach einem Unternehmen, das den Arsch in der Hose hat, optimistisch in die Zukunft zu schauen und nicht um der Kostenflexibilität wegen sich auf keinen richtigen Plan festlegen will. In dem alle Mitarbeiter zugunsten eines gemeinsamen Ziels an einem Strang ziehen. Hier haben wir Verhinderer & Ausbremser, Kneifer, Blender, ziemlich faule Typen und einen absolut betriebslinden Außendienst, der nicht mal das Sortiment richtig kennt. Natürlich ist nicht jeder so und hier gibt es auch einige, die sich reinhängen, aber der Druck in dieser Firma ist einfach nicht gegeben. Es finden auch kaum Gespräche statt, die Rückmeldung auf die Leistung der Mitarbeiter geben. Man muss sich immer selbst sagen „Das war gut oder das war scheisse“. Man merkt der Frust meinerseits ist zu spüren. Das schönste wäre halt auch, wenn wir hier einfach uns mal aufraffen würden, dann müsste ich mich gar nicht irgendwo vorstellen. Meine Weg ging gut nach oben und ich habe den besten beruflichen Ziehvater, den ich mir vorstellen kann. Er hat mich ja auch zu seinem Stellvertreter befördert und wir sind ein wirklich gutes Team. Deswegen und auch weil ich meine Arbeit an sich mag, hatte ich ein ziemlich schlechtes Gewissen rund um das Vorstellungsgespräch. Ich kam auch frisch von 3 Tagen Messe, an denen ich gegenüber Presse & Co. Leidenschaftlich über Sortiment, Firma und anstehendes Jubiläum geschwärmt und mittelfristige Kooperationen vorbereitet habe. Sich einen Tag später woanders vorzustellen kam mir irgendwie wie Verrat vor.
Die Bewerbung habe ich an einem Abend abgeschickt, als ich im Vorfeld ziemlich Stress mit unserem GF gehabt habe. Diesbezüglich habe ich nachmittags mit meinem Abteilungsleiter telefoniert, der in Dänemark unterwegs war und er ist richtig ausgeflippt, womit ich gar nicht gerechnet hatte. Er meinte: „Weißt du was, diese Scheisse mache ich seit Jahren mit, der Typ hat mich gebrochen, ich reisse mir hier nicht mehr den Arsch auf, ich werde jetzt noch ein bisschen Eier schaukeln und dann sollen die die Scheisse doch vor die Wand fahren“. Da wusste ich nicht mehr, was ich sagen soll. Hört sich zwar n bisschen homoerotisch an, aber in dem Moment, als sich das unbestritten beste Pferd im Stall von seiner Karriere als Rennpferd verabschiedet hat und sich fortan nur als einer der alten Klepper sah, da ist mir ein bisschen das berufliche Herz zerbrochen.